Der VfB Stuttgart kämpft nicht nur gegen den Abstieg, sondern er steht auch vor einer inneren Zerreißprobe. Wir bieten Einblicke in den Führungszirkel des Fußball-Bundesligisten.
Stuttgart - Jetzt erst recht. Das ist die Stimmung, die beim VfB Stuttgart um sich greifen soll. Denn eine Trotzreaktion will die Mannschaft nach all den Niederlagen zeigen. Weitermachen nach den vielen Rückschlägen. Sich nicht unterkriegen lassen vom immensen Verletzungspech. „Wir sind weiter zusammengerückt, ich habe eine Mannschaft auf dem Trainingsplatz gespürt, die lebt und in der Verfassung sein wird, ein Spiel zu gewinnen“, sagt der Trainer Pellegrino Matarazzo vor der Begegnung an diesem Freitag (20.30 Uhr) bei der TSG Hoffenheim.
Es ist eines von womöglich elf verbliebenen Endspielen im Kampf gegen den Abstieg für den Tabellenvorletzten. Und mit der Partie in der Sinsheimer Arena verbindet sich die Hoffnung, dass der VfB nach dem unglücklichen 1:1 gegen den VfL Bochum nach acht sieglosen Anläufen diesmal tatsächlich wieder gewinnt. So richtig mag sich der volle Kampfgeist im Club aber noch nicht einstellen. Obwohl der Sportdirektor Sven Mislintat seit zwei Wochen das Musketier-Motto bemüht: Erst alle gegen Bochum! Nun alle gegen Hoffenheim! Auch alle für Konstantinos Mavropanos, den Unglücksraben aus der 94. Minute!
Wie geht es mit Trainer Pellegrino Matarazzo weiter?
Doch die Rufe an das Zusammengehörigkeitsgefühl verhallen. In Teilen der Anhängerschaft ist der Glaube an das eigene Team geschwunden. Eine gewisse Lethargie hat sich rund um den VfB breitgemacht. Pandemiebedingt zum einen. Hausgemacht zum anderen, da es an Identifikationsfiguren mangelt und die Rhetorik des Sportchefs zu früh die zweite Liga aufgriff. Jetzt erfolgt in Sachen Kommunikation der Umschwung, aber selbst intern trauen einige dem jungen Team den Klassenverbleib nicht mehr zu.
Der Superoptimist Claus Vogt zählt nicht dazu. Nur keine Panik, vermittelt der Präsident. Mit seinem Dauerlächeln will er Ruhe ausstrahlen und die Krise überwinden. Über dem Clubhaus mit dem roten Dach an der Mercedesstraße 109 liegt jedoch eine trügerische Ruhe. Vielmehr befindet sich der VfB in einer Zerreißprobe, weil er mit sich ringt, ob er den eingeschlagenen Weg mit Mislintat und Matarazzo bedingungslos weitergehen soll, notfalls bis zum Absturz – und darüber hinaus an den Köpfen und dem Konzept festhält. Oder ob er mit einem Trainerwechsel einen letzten Impuls setzen soll, um das rettende Ufer der Erstklassigkeit zu erreichen.
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Für den mächtigen Mislintat ist die Antwort klar: Matarazzo oder nix. Der Sportdirektor hat dem Chefcoach eine Arbeitsplatzgarantie ausgestellt und rückt nicht von ihm ab. Thomas Hitzlsperger, Vorstandsvorsitzender und Sportvorstand, bekennt sich ebenfalls zu Matarazzo: „Nun geht’s darum: Jammern wir – oder krempeln wir die Ärmel hoch? Ich finde, Rino lebt das hervorragend vor, indem er die Ärmel hochkrempelt.“
Hitzlsperger selbst sieht sich allerdings dem Vorwurf ausgesetzt, er erledige seine Aufgaben nicht mehr. Öffentlich ist ja wenig vom AG-Boss zu hören, und seit Monaten steht fest, dass er den Verein verlassen wird. Eine „Lame Duck“ sei Hitzlsperger, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Doch der 39-Jährige will sich nicht beirren lassen. Er drängte während der erfolgreichen Vorsaison nicht ins Rampenlicht und hält sich im Misserfolgsfall ebenfalls zurück. Aktionismus ist nicht Hitzlspergers Ding. Er gibt nur punktuell Interviews, hat kürzlich an die Spieler appelliert, den Rest überlässt er Mislintat.
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Der Sportdirektor ist der starke Mann. Nach innen, weil Mislintat es verstanden hat, das Machtvakuum für sich zu nutzen, das nach dem Führungsstreit entstanden ist. Hitzlsperger und Vogt waren es leid, sich aneinander abzuarbeiten. Nach außen verknüpft sich mit dem größtenteils beliebten Sportchef zudem die sportliche Neuausrichtung des VfB. Mislintat hat mit seiner Personalpolitik Markt- und Sympathiewerte geschaffen. Nun wird er zunehmend für seine Kaderplanung kritisiert (falsch zusammengestellt) und als One-Man-Show bezeichnet.
Hitzlsperger verteidigt Mislintat als „Teamplayer“, aber die Feinde im eigenen Lager wagen sich vor. Mittendrin im Wirrwarr aus Eigeninteressen und Eitelkeiten steckt Vogt. Umgeben von Präsidentenflüsterern. Und als Aufsichtsratschef gefordert. Wenngleich Vogt – der Zustimmungspflicht bei wichtigen Personalien zum Trotz – gerne darauf verweist, dass er als Kontrolleur kaum Einfluss habe. Sein Bekenntnis zur Sportlichen Führung fällt daher nur deutlich aus, wenn eine Fernsehkamera läuft.
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Im Hintergrund gibt es andere Überlegungen. Sogar von einem Dreierschlag ist die Rede: Hitzlsperger, Mislintat und Matarazzo auf einmal loswerden. Doch wie soll das vermittelt werden? Die Angst vor der eigenen Kurve ist groß, sollte man auf die branchenüblichen Reflexe setzen. Eine Zeitenwende verbinden die Traditionalisten womöglich mit dem 21. März. An diesem Tag beginnt Alexander Wehrle nach Informationen unserer Redaktion als neuer Vorstandsvorsitzender. Ein Typ voller Tatendrang. Geprägt von Pragmatismus, routiniert durch seine neunjährige Tätigkeit als Geschäftsführer beim 1. FC Köln.
Eine Einarbeitungszeit wird Wehrle nicht benötigen. Doch der Übergang zwischen ihm und Hitzlsperger ist noch nicht geklärt. In Vogts Vorstellung sollen das die beiden Vorstandsvorsitzenden untereinander ausmachen. Samt der Idee, ob Hitzlsperger bis zum Saisonende nur als Sportvorstand weiteragieren soll. Bis Herbst läuft ja der Vertrag des Ex-Nationalspielers, und er hat bis zum letzten Tag totales Engagement zugesichert.
Eine heikle Konstellation. Zumal der Aufsichtsratschef bisher nicht das Gespräch mit Hitzlsperger gesucht hat, um über die kurzfristigen Ressortbeschneidung zu reden. Beziehungsweise über die Möglichkeit, sich früher zu trennen und so eventuell etwas an Gehalt zu sparen. Drei Wochen bleiben Vogt, Hitzlsperger und Co. nun, um Ressentiments beiseitezuschieben und Entscheidungen zu treffen, die dem VfB in seiner prekären Lage helfen. Höchste Zeit also für eine Jetzt-erst-recht-Stimmung auf allen Ebenen.