Einer der besten Zweikämpfer des VfB: Kapitän Wataru Endo (Mitte) behauptet sich gegen die BVB-Spieler Manuel Akanji (links) und Jude Bellingham (rechts). Foto: Baumann

Dieser Wert lässt aufhorchen: Nur eine einzige Bundesliga-Mannschaft hat eine bessere Zweikampfquote als der VfB. Trainer Pellegrino Matarazzo erklärt, warum das alleine noch nicht ausreicht.

Oft kommt es nicht vor, dass ein Abstiegskandidat in relevanten Statistiken Topwerte aufweist. Genau das gilt aber derzeit für den VfB Stuttgart, der in der laufenden Bundesliga-Saison fast immer mehr Zweikämpfe gewinnt als der Gegner. Bei 52,5 Prozent liegt die Quote im Durchschnitt, was Platz zwei im ligaweiten Vergleich bedeutet. Einzig der FC Bayern ist noch einen halben Prozentpunkt besser. Und auch bei der reinen Quantität sind die Stuttgarter vorne mit dabei – lediglich Arminia Bielefeld, der FSV Mainz 05 und Eintracht Frankfurt führen mehr Zweikämpfe.

 

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Für Sven Mislintat sind das wichtige Werte. „Das sagt aus“, betont der VfB-Sportdirektor, „dass wir viel investieren ins Spiel und eine gute Intensität haben.“ Das wurde in den vergangenen Monaten immer mal wieder infrage gestellt, als sich der VfB für eine verhältnismäßig geringe Anzahl gelaufener Kilometer rechtfertigen musste – die aber noch kein Qualitätsmerkmal an sich sind. Man kann ja schließlich auch durch unnütze oder falsche Laufwege viele Körner lassen. „Es ist eben nicht nur das Thema Laufleistung, sondern auch das“, sagt Mislintat über die starken Zweikampfwerte seines Teams.

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Beim VfB lohnt hier ein Blick auf die einzelnen Mannschaftsteile. Fast überall auf der Fußballwelt gilt, dass die Defensive einer Mannschaft eine bessere Zweikampfquote hat als die Offensive – ein Stürmer bleibt in Summe dann doch öfter hängen, als dass er ein Dribbling gewinnt. Interessanterweise liefern die Stuttgarter in dieser Saison in der Zone dazwischen verlässlich ab: Im Mittelfeld heben Kapitän Wataru Endo (55 Prozent gewonnene Zweikämpfe) sowie Orel Mangala und Atakan Karazor (jeweils 53 Prozent) die Quote an und sorgen so für eine stabile Statik im Zentrum.

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Dass sich VfB-Coach Pellegrino Matarazzo diese griffige Entschlossenheit auch von der Offensive wünschen würde, ist kein Geheimnis. Er spricht von Galligkeit. „Die ist nicht nur beim Zweikampf wichtig, sondern auch beim Toreschießen“, sagt der 44-Jährige. Man brauche im gegnerischen Strafraum genau denselben Fokus wie bei einer Mittelfeldgrätsche, die unbedingte Gier in allen Aktionen auf dem Rasen also.

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Dieser finale Punch ging der Stuttgarter Angriffsreihe im Heimspiel gegen Borussia Dortmund am Freitag gleich mehrfach ab. In der ersten Hälfte versuchte es Omar Marmoush frei stehend vor BVB-Keeper Gregor Kobel mit einem Heber (23.) – letztlich die falsche Entscheidung, zu verspielt und ohne die nötige Geradlinigkeit. Nach der Pause schien Tiago Tomas von seiner guten Abschlussposition nach einer Freistoß-Flanke selbst ein wenig überrascht (48.), ehe Roberto Massimo bei einer riesigen Kopfballmöglichkeit aus fünf Metern (84.) sowohl das Timing im Sprung als auch die Körperspannung vermissen ließ. „Wir brauchen bei den Chancen einen anderen Fokus und eine andere Zielstrebigkeit, um Spiele zu gewinnen“, fordert Matarazzo.

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Wie das geht, bekamen die Stuttgarter am Freitag ziemlich schmerzhaft auf der Gegenseite vorgemacht. Da hatte der BVB zwar weder die zahlreicheren noch die größeren Chancen – er nutzte sie aber einfach. So half es am Ende wenig, dass der VfB wieder mehr Zweikämpfe für sich entschieden hatte (53 Prozent) und BVB-Topstürmer Erling Haaland fast komplett abgemeldet war.

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Wirklich überraschen konnten die Unterschiede in puncto Effizienz nicht, schließlich klafft hier zwischen beiden Teams schon die gesamte Saison über eine große Lücke: Während die Dortmunder bisher 60 Prozent ihrer Großchancen verwertet haben, sind es beim VfB lediglich 42 Prozent – ein statistischer Abstiegsplatz, nur Arminia Bielefeld liegt mit 33 Prozent noch dahinter. Für Mislintat ist die Qualität im Torabschluss auch eine Geldfrage: „Dortmund war in zwei Aktionen extrem effektiv. Das ist die individuelle Qualität von 250 Millionen Euro Budget anstatt 50 Millionen.“

Zur Wahrheit gehört natürlich, dass der VfB gegen den BVB auch in der Defensive individuell patzte: Beim ersten Gegentreffer prallten Konstantinos Mavropanos und Atakan Karazor zusammen und verschafften den Dortmundern so freie Bahn, beim 0:2 sah Torhüter Florian Müller alles andere als gut aus. Aus Matarazzos Sicht hat der VfB das Spiel aber an anderer Stelle verloren. „Es ist nicht so, dass wir insgesamt schlecht verteidigt haben. Wir haben zwei Aktionen schlecht verteidigt“, sagt der VfB-Trainer – und stellt den vereinzelten defensiven Aussetzern eine grundlegendere offensive Abschlussschwäche gegenüber: „Vorne waren wir nicht gut genug. Es gibt da sicherlich Luft nach oben.“

Der VfB wird sich vor dem Tor schnell steigern müssen, um im Abstiegskampf noch die nötigen Punkte zu holen. Denn bei aller Zweikampfstärke zählt in der Endabrechnung letztlich nur eine Statistik, das unterstreicht auch Matarazzo: „Am Ende geht es ums Toreschießen.“