Der VfB Stuttgart hat viele Legenden, aber nur einen Rekordspieler: Hermann Ohlicher. An diesem Samstag wird er 75 Jahre alt. Ein Anruf im hohen Norden der Republik.
Der Champions-League-Auftritt des VfB Stuttgart vor wenigen Tagen rief bei Hermann Ohlicher gemischte Gefühle hervor. Zuallererst Freude und auch Stolz über das Erreichte. Schließlich hatte der Club durch das 1:0 bei Juventus Turin einen beachtlichen Erfolg geschafft und sich dadurch wieder ein Stück mehr auf der internationalen Bühne etabliert. Dort also, wo er nach dem Selbstverständnis des Vereins für Bewegungsspiele von 1893 hingehört. „Nach den bisherigen Auftritten erwarte ich, dass der VfB weiterkommt, sich für die K.-o.-Phase qualifiziert. Wenn sie noch ein Heimspiel in der Champions League gewinnen, klappt das auch“, sagt Ohlicher. Zugleich aber kamen unangenehme Erinnerungen hoch.
Erinnerungen an die Hölle von Turin
Denn der VfB hatte schon einmal in Turin gespielt. 1979, Europapokal, Rückspiel beim FC Turin, der VfB hatte das Hinspiel in Stuttgart 1:0 gewonnen. In der Verlängerung, Turin führte 2:0 und der VfB war dem Ausscheiden nah, erzielte Ohlicher in der 119. Minute das 1:2 – Endstand, Stuttgart war aufgrund der Auswärtstore-Regel eine Runde weiter.
Was sich anschließende abspielte, ist „Hölle von Turin“ in die Clubannalen eingegangen. „Nach dem Spiel mussten wir drei Stunden in der Kabine warten. Als der Bus dann schließlich losfuhr, lagen wir darin alle auf dem Boden“, erzählt Ohlicher. Es sollte nach dem Spiel zurück ins Teamquartier in die Stadt Asti gehen, doch die italienischen Anhänger blockierten den Bus und wollten den VfB-Kickern ans Leder. „Draußen flogen die Rauchbomben, die Polizei ging mit Knüppeln auf die Fans los“, erinnert sich Ohlicher. „Das war eine schlimme Erfahrung.“
Mit Blick auf die lange Karriere des einstigen VfB-Spielers wird aber sogar das zu einer Randnotiz. Von 1975 bis 1982 führt Ohlicher die Mannschaft mit dem Brustring als Kapitän auf das Feld. Sein Debüt gab er 1973; insgesamt absolvierte er 389 Ligaspiele für den VfB, erzielte dabei 126 Tore, davon 318 beziehungsweise 96 in der ersten Bundesliga. Alle Pflichtspiele zusammengenommen, also mit den Pokalspielen und den internationalen Auftritten sind es sogar 460 Spiele (155 Tore) – bis heute unerreichte Zahlen. Zu Ohlichers größten sportlichen Erfolgen beim VfB gehörten das Erreichen der Uefa-Pokal-Halbfinals 1974 und 1980, der Wiederaufstieg 1977, die Deutsche Vizemeisterschaft 1979 sowie die Deutsche Meisterschaft 1984. Im Jahr 2009 verlieh ihm der Club die Ehrenmitgliedschaft.
Ohlicher, der als Amateurspieler vom FV Ravensburg nach Bad Cannstatt kam, begann als Stürmer, rückte aber später nach hinten ins Mittelfeld. Seine gesamte Profikarriere, die über zwölf Jahre andauerte, verbrachte er beim VfB. Er war das, was man in Großbritannien einen „One Club Man“ nennt, seinem Verein für immer treu.
Dabei wäre es beinahe anders gekommen. Denn der FC Schalke 04 warb intensiv um ihn. Präsident Günter Siebert wollte ihn unbedingt. Doch Ohlicher blieb beim VfB – ein Verdienst des damaligen Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder. „Ohne MV wäre das anders ausgegangen“, erinnert er sich. Auch nach seiner aktiven Karriere blieb Ohlicher beim VfB. Ende der 80er Jahre war er Manager und Mitglied des erweiterten Vorstandes.
Doch das ist alles mittlerweile sehr weit weg. Ohlicher hat im fortgeschrittenen Alter noch einmal einen kompletten Neustart gewagt. Für den Mann mit dem charakteristischen Schnauzbart, der von 2010 bis 2016 im Ehrenrat saß und diesem auch vorstand, war der Tod seiner Frau vor einigen Jahren ein schwerer Schicksalsschlag. Ohlicher, seit 2016 im Aufsichtsrat des VfB, legte sein Amt 2021 nieder, zog sich ins Private zurück.
Doch er ließ sich nicht unterkriegen – wie früher auf dem Fußballplatz. Er fand gleich in doppelter Hinsicht eine neue Liebe – zu Lebensgefährtin Heidi und zu Nordstrand in Schleswig-Holstein. Nach zweijähriger Suche nach einer Immobilie fand sich diese schließlich, Ohlicher brach die Zelte im Süden ab und lebt seitdem mit Heidi und den beiden Dackeln Ilias und Stella in der kleinen Gemeinde hinterm Deich, hoch oben im Norden der Republik. „Wir fühlen uns hier pudelwohl. Es war die richtige Entscheidung, hierher zu ziehen. Wir haben uns richtig in die Gegend verliebt“, sagt er.
Noch immer auf Stand was den VfB betrifft
Dennoch verfolgt er weiterhin die Geschehnisse rund um den VfB. Täglich bringt ihn das E-Paper der „Eßlinger Zeitung“ auf den neuesten Stand. „Ich habe 40 Jahre aktiv im Club verbracht, eine sehr lange Zeit. Ich verbinde sehr viele positive Erlebnisse und Erinnerungen mit dem VfB.“ Eine Verbundenheit, die man nicht so schnell ablegt. Auch die Partien der Elf von Sebastian Hoeneß verfolgt der ehemalige Offensivspieler noch genau, gelegentlich kommt ein Nachbar aus dem Remstal zu Besuch. Stilecht fährt der dann mit gehisster VfB-Flagge am Auto vor.
„Anfangs dachte man kurz, es würde in der Bundesliga vielleicht so laufen wie bei Union Berlin letzte Saison. Aber sie haben schnell in die Spur gefunden“, bilanziert Ohlicher die noch junge Saison. „Ich denke ein Platz zwischen sechs und acht im Endklassement ist realistisch.“
Ohnehin sieht er die Gesamtentwicklung sehr positiv. „Der VfB hat eine sensationelle Entwicklung genommen“, sagt Ohlicher, den nur eine Sache etwas stört. „Neben der sportlichen Entwicklung ist die wirtschaftliche nicht minder wichtig. Ziel sollte es daher zukünftig sein, höhere Ablösesummen für die Spieler zu erreichen. Dazu muss man die Klauseln losbekommen“, sagt er. Doch unterm Strich, und das ist ihm wichtig, sei sein Club auf dem richtigen Weg. „Es ist eine Freude zu sehen, wie der VfB auf allen Ebenen prosperiert.“
An diesem Samstag wird Ohlicher 75 Jahre alt. Die Familie aus dem Süden kommt zu Besuch. Eine Feier im privaten Rahmen ist geplant. Bestimmt kommt auch der Nachbar vorbei. Mit gehisster VfB-Flagge am Auto.