Stuttgarts Josha Vagnoman (links) gegen Bayerns Luis Diaz: Im Hinspiel unterlag der VfB klar mit 0:5. Foto: Baumann/Volker Mueller

Der Termin des Südgipfels könnte dem VfB entgegen kommen. Es gibt allerdings ein großes Aber. Ein Blick auf die Gemengelage und die Daten.

Zweimal ist es gelungen. Der FC Augsburg (2:1) und der FSV Mainz 05 (2:2) haben es in dieser Spielzeit geschafft, Punkte aus der Münchner Allianz-Arena mitzunehmen – der FCA sogar alle drei. Was zweierlei zeigt: Es ist möglich, kommt aber sehr selten vor. Alle anderen 18 Pflichtspiele in dieser Saison hat der FC Bayern vor heimischem Publikum nämlich für sich entschieden, meist auch deutlich mit einem Torverhältnis von insgesamt 71:12. Diese Zahlen bräuchte es nicht zwingend, um die Höhe der Auswärtshürde für den VfB Stuttgart am Sonntag (17.30 Uhr) vor Augen zu führen. Aber sie verdeutlichen das Ganze nochmals.

 

„Sie sind mit die beste Mannschaft in Europa. Es wird eine Riesen-Aufgabe für uns“, sagt VfB-Stürmer Ermedin Demirovic, während sein Teamkollege Maximilian Mittelstädt prognostiziert: „Wir wissen auch, dass selbst eine Top-Leistung da manchmal nicht reicht.“ Es braucht also einen Auftritt an der eigenen Leistungsgrenze – und zugleich einen FC Bayern, der womöglich nicht sein bestes Saisonspiel macht.

Hier könnte der Spieltermin zum Faktor werden. Die Stuttgarter sind für die Münchner nämlich ein Sandwich-Gegner zwischen zwei immens wichtigen Partien. Vier Tage vor dem Südgipfel bestreiten die Bayern an diesem Mittwoch gegen Real Madrid ihr Rückspiel im Viertelfinale der Champions League, auf dessen Bedeutung man nicht weiter eingehen muss. Drei Tage nach dem VfB-Spiel geht es für den FCB im Halbfinale des DFB-Pokals gegen Bayer Leverkusen – in einem Wettbewerb, den die Titelsammler von der Isar zuletzt 2020 gewonnen haben. Eine halbe Ewigkeit für Münchner Verhältnisse, wodurch Gier und Fokus sich in diesem Spiel im Maximalbereich bewegen werden.

Der FC Bayern kann im Spiel gegen den VfB deutscher Meister werden

Wenn die Bayern in den kommenden drei Partien also eine Niederlage verschmerzen könnten, wäre das angesichts von zwölf Punkten Vorsprung in der Liga auf Platz zwei zweifelsohne gegen den VfB der Fall. Hinzu kommt: Alle bisherigen Punktverluste in der Bundesliga gab es in dieser Saison nach Champions-League-Spielen. Im Dezember gegen die Mainzer (2:2), im Januar gegen die Augsburger (1:2) sowie zuletzt im März beim Hamburger SV (2:2) und in Leverkusen (1:1).

Nur: Überlegen geführt waren auch diese Spiele vom FCB – und in Summe auf die ganze Saison betrachtet bilden sie doch die Ausnahme bei bisher 16 englischen Wochen des Rekordmeisters. Auch beim VfB glaubt man nicht an einen großen Vorteil. „Das Thema hatten wir öfter an dieser Stelle“, sagt Sportvorstand Fabian Wohlgemuth, „auf der einen Seite bleiben sie im Rhythmus, auf der anderen Seite haben sie eine höhere Belastung wegzustecken als wir. Klar kommen wir ausgeruhter dahin – aber das spielt dann gegen Bayern München am Ende keine so große Rolle.“

Im Hinspiel erzielte Harry Kane nach seiner Einwechslung drei Tore zum 5:0-Auswärtssieg des FCB in Stuttgart. Foto: Baumann/Julia Rahn

Dafür spricht auch das Auftreten der Münchner in den vergangenen Wochen. Trotz der de facto feststehenden Meisterschaft ist kaum ein Nachlassen zu erkennen, in der Liga jagen die Bayern stattdessen gierig Bestmarken. Den Bundesliga-Torrekord haben sie mit 105 Toren schon jetzt geknackt, den eigenen Punkte-Höchstwert (91) aus der Saison 2012/13 könnte man mit fünf Siegen in den verbleibenden fünf Spielen zumindest egalisieren. Die Herangehensweise war in München auch schon mal anders, als 2014 nach dem vorzeitigen Gewinn der Meisterschaft Trainer Pep Guardiola einen Strich unter die Sache machte („Die Bundesliga ist für uns vorbei“) und im Anschluss prompt zweimal verlor. Im Hier und Jetzt deutet hingegen rein gar nichts auf einen Spannungsabfall beim breit besetzten Star-Ensemble hin.

Hinzu kommt ein schlichter, aber keinesfalls nebensächlicher Fakt: Der FC Bayern kann am Sonntag gegen den VfB deutscher Meister werden. Mit einem Sieg wäre die Mannschaft von Trainer Vincent Kompany angesichts von zwölf Punkten Vorsprung und der um 47 Tore besseren Tordifferenz de facto nicht mehr einzuholen von Borussia Dortmund an den letzten vier Spieltagen. Sollte der BVB am Samstag bei der TSG Hoffenheim nicht gewinnen, würde der Titelgewinn mit einem Erfolg gegen den VfB auch offiziell feststehen. Dass die Münchner diesen lieber im eigenen Stadion als eine Woche später vor 3000 Auswärtsfans in Mainz feiern, liegt auf der Hand.

Wirklich günstig ist also der Spieltermin trotz des dichten FCB-Kalenders nicht. Der VfB steht vor einer großen Herausforderung, die er mit einem Mix aus Respekt und Selbstvertrauen angeht. „Wir brauchen einen ganz speziellen Tag, um dort erfolgreich zu sein“, sagt Wohlgemuth, während Demirovic auf den Glauben an die eigene Stärke verweist: „Wir sollten mit einer breiten Brust dahin fahren und uns nicht verstecken. Wir sind in einer guten Verfassung.“ Die wird es brauchen, wenn eine Überraschung klappen soll.