Geschonte Kräfte mit guter Laune: die VfB-Profis Alexander Nübel, Angelo Stiller und Jamie Leweling (von links) nach dem Sieg in Bochum Foto: Baumann/Julia Rahn

Das Pokalfinale im Kopf und den Rekordmeister vor Augen: die Mannschaft von Sebastian Hoeneß wagt es zu träumen – und will es dem FC Bayern zeigen.

Zuerst beim 1. FC Nürnberg, danach bei Bayer Leverkusen, anschließend gegen den FC Augsburg und nun bestreitet Sebastian Hoeneß zum vierten Mal nacheinander mit dem VfB Stuttgart ein Viertelfinale im DFB-Pokal. Der nächste Gegner wird zwar erst am Sonntag ausgelost, doch schon jetzt ist klar, dass sich der Fußball-Bundesligist zum Pokalspezialisten entwickelt.

 

Zweimal gelang mit Hoeneß der Sprung in das Halbfinale, und zuletzt feierte der Traditionsverein von 1893 gar den Pokaltriumph. Das macht süchtig nach Erfolg und schreit offenbar nach einer Wiederholung. „Ich habe den Jungs vor dem Spiel tatsächlich gesagt, dass wir unter dem Christbaum wieder von Berlin träumen wollen und dafür alle Kräfte mobilisieren müssen“, erzählt der Trainer von seiner Teamansprache.

Mit dem 2:0 beim VfL Bochum wurde dieser Auftrag im Achtelfinale erfüllt. Solide, seriös, souverän. Begünstigt aber auch durch den Spielverlauf, da Philipp Strompf zunächst ein Eigentor unterlief (12.) und der VfL-Verteidiger dann nach einem Foul an Deniz Undav mit der Roten Karte vom Platz musste (45.). Das schaffte ein wenig mehr Raum für die Stuttgarter, die mit dem cleveren Treffer von Undav (47.) im Ruhrstadion den Sieg praktisch perfekt machten.

Der VfB geriet in Überzahl in keine heikle Situation mehr. Das klingt normal, aber seit dem bitteren 1:2 im Hamburger Volkspark vor wenigen Tagen ist es das nicht mehr und erfordert eine Erwähnung. Denn da lief die Hoeneß-Elf gegen zehn HSV-Profis in der Nachspielzeit in einen Konter, der ihr eine Niederlage einbrachte. Diese wirkt noch immer nach, wie der Trainer gesteht.

Deniz Undav hat schon wieder getroffen. Foto: Baumann/Julia Rahn

Mit den Selbstverständlichkeiten ist es also vorbei, wenn es sie in der jüngeren Vergangenheit je gab. Die Stuttgarter müssen sich ihre spielerische Leichtigkeit schwer erarbeiten. Mit Intensität und Präzision. „Uns hat anfangs ein wenig Aktivität gefehlt“, sagt Hoeneß, „denn wir müssen auch gegen einen tiefen Verteidigungsblock in die Räume laufen, die es gar nicht zu geben scheint.“

Der VfB tat das gegen den aufstrebenden Zweitligisten nach der Pause, soweit er das musste. Und spätestens eine Viertelstunde vor Schluss wurden die Weichen auf die nächste Herausforderung gestellt, die größer nicht sein kann. Der FC Bayern kommt am Samstag in die MHP-Arena zur Bundesliga-Begegnung. „Die Münchner sind aktuell nicht nur das Maß aller Dinge in Deutschland, sondern auch in Europa“, befindet der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth.

Um sich mit dem Branchenriesen zu messen, erhielten Stammspieler wie Angelo Stiller und Jamie Leweling wieder ein Päuschen und wurden ausgewechselt. Bilal El Khannouss und Ramon Hendriks hatten zur Schonung bereits etwas früher den Rasen verlassen. Zuvor hatte Hoeneß seine aktuell beste Formation auf den Platz geschickt.

Ähnlich wird es gegen die Bayern sein – selbst wenn die Aussichten auf einen Erfolg gering erscheinen. „Wir wollen in der Liga oben dranbleiben, und wir wollen auf internationaler Ebene mit der Perspektive überwintern, in der Europa League weiterzukommen“, sagt der Trainer.

Das sind die berechtigten Ansprüche einer ambitionierten Mannschaft, aber es sind noch nicht die natürlichen Ansprüche eines Spitzenteams. Der VfB ist bestenfalls wieder auf dem Weg dazu. Vor allem dank eines Stürmers, der mit seinen Aktionen nicht zu fassen ist – weder von den Gegnern noch von den Kommentatoren: Deniz Undav. „Das ist Wahnsinn“, sagt selbst der sachliche Hoeneß, „er war wieder der entscheidende Mann, weil er an beiden entscheidenden Szenen beteiligt war.“

https://www.youtube.com/watch?v=tKt7JfiWwAo

Offenbar endet der Lauf des Angreifers nicht. Neun Tore in den vergangenen neun Pflichtpartien hat Undav erzielt. „Er hat aber auch sehr gute Mitspieler, die einen guten Blick für seine Positionierung haben und ihn richtig einsetzen“, lobt Wohlgemuth das Mannschaftsgefüge, das nun einem Stresstest ausgesetzt wird – beim Südgipfel. Diesen zu stürmen schien vor Kurzem noch unmöglich, mittlerweile zeigt das Starensemble von Vincent Kompany aber Schwächen.

https://www.youtube.com/watch?v=BDhDknEmcgU

Jedenfalls ist es Union Berlin innerhalb von knapp vier Wochen gleich zweimal gelungen, den FC Bayern an den Rand einer Niederlage zu bringen, beim 2:2 in der Bundesliga und beim 2:3 im DFB-Pokal. Also vielleicht ist nun der Augenblick gekommen, um den Rekordmeister auf nationaler Ebene außer Tritt zu bringen – mit der Energie, die der VfB aus den süßen Titelträumen zieht.