Sportvorstand Fabian Wohlgemuth und der VfB liegen in der Tabelle auf Platz 4 – und auch der Wert einzelner Spieler kletterte zuletzt. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Der Stuttgarter Kaderwert liegt so hoch wie noch nie. Sportvorstand Fabian Wohlgemuth äußert sich zum Erfolgsmodell.

Das Geschäft mit der Hoffnung läuft. Wunderbar zu sehen, wenn El Bilal Khannouss mit dem Ball am Fuß antritt. Energisch und elegant. Trick- und temporeich. Dazu torgefährlich. Der Offensivspieler des VfB Stuttgart ist mit seinen 21 Jahren ein Versprechen auf die Zukunft.

 

Da braucht es wenig Fußballfantasie, um zu erkennen, über welch enormes Potenzial El Khannouss verfügt – und davon will der Bundesligist profitieren. Zunächst sportlich, weil der marokkanische Nationalspieler für eine Saison von Leicester City für etwa drei Millionen Euro ausgeliehen wurde. Später aber wohl auch wirtschaftlich, da die Stuttgarter eine Kaufpflicht mit Bedingungen (etwa 17 Millionen Euro) vereinbart haben und bereits jetzt zu prognostizieren ist, dass der Marktwert deutlich steigen wird.

El Khannouss dient damit aktuell als Musterbeispiel für die weiß-rote Einkaufs- und Entwicklungspolitik. Er ist gut genug, um den VfB auf Anhieb zu verstärken, und er ist jung genug, um noch einen Leistungssprung zu vollziehen und einen Marktwertschub auszulösen. Auf 28 Millionen Euro wird El Khannouss vom anerkannten Internetportal Transfermarkt.de bereits taxiert, nur Angelo Stiller (45 Millionen Euro) steht in der VfB-Rangliste über ihm.

„Klar ist, dass es sich bei diesen Zahlen eher um Richtungsangaben handelt. Und trotzdem geben sie inzwischen einem ganzen System Orientierung“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth und erklärt weiter: „Das Transfermarkt-Konzept ist bei allen Abweichungen jedoch weit weniger willkürlich, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Die Werte werden inzwischen weltweit erhoben und in regelmäßigen Zyklen aktualisiert. Die Übereinstimmung, zumindest aber die Nähe zu den erzielten Transfersummen ist oft verblüffend.“

Chema und Bouanani zählen zu den Stuttgarter Perspektivprofis

In der Realität braucht es jedoch erst einmal einen Käufer am Markt, der bereit ist, im vorgegebenen Rahmen in seinen Wunschspieler zu investieren, Abweichungen in beide Richtungen inklusive. Im Fall Nick Woltemade ist die Ablösesumme explodiert. Aber zuvor hat auch der ablösefrei aus Bremen gekommene Stürmer das vierstufige, schwäbische Erfolgsprogramm durchlaufen: Identifizieren des passenden Profis, ihn vom Standort überzeugen, ihn planvoll verbessern und ihm den nächsten Karriereschritt ermöglichen, wenn der Preis stimmt.

Der Woltemade-Verkauf an Newcastle United führte dann natürlich zum Ende der Sommertransferperiode zu einer Delle beim Gesamtmarktwert. Aber durch die Verpflichtung und Entwicklung junger Spieler wurde das aufgefangen. Chema Andrés und Badredine Bouanani sind neben El Khannouss zurzeit weitere Perspektivprofis, die geholfen haben, die Lücke umgehend zu schließen.

Angelo Stiller hat derzeit den höchsten Marktwert aller VfB-Profis. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Bei 339,43 Millionen Euro steht der VfB – Bestmarke. Noch nie wurde die Stuttgarter Mannschaft insgesamt so hoch bewertet, obwohl sie seit der Vizemeisterschaft 2024 ständig über 300 Millionen Euro liegt. „Mit Blick auf den sportökonomischen Bereich haben wir den Ausgangsmarktwert unseres Kaders vom Dezember 2022 mit dem heutigen Stand fast verdreifachen können. Das, wie gesagt, liegt an gutem Scouting, an guten Einzelentwicklungen, an gutem Coaching und dem daraus resultierenden mannschaftlichen Erfolg“, betont Wohlgemuth.

Der 46-Jährige ist der Mann, der mit seinem Team hinter dem Aufschwung steht. Vor knapp drei Jahren trat Wohlgemuth seine Stelle als Sportchef an. Im Abstiegskampf, nur wenig später wurde der Marktwert des VfB auf insgesamt 123,35 Millionen Euro beziffert. Seither geht es aufwärts – tabellarisch und finanziell. Auch, wenn es immer wieder kritische Momente gab, in denen die Gesamtentwicklung abgebremst wurde. Ausgelöst durch Spielerverkäufe, die Geld brachten, aber sportliche Substanz kosteten.

Die Marktwertentwicklung des VfB in den vergangenen Jahren Foto: red

Vor dem Saisonstart 2023/2024 waren es Wataru Endo, Konstantinos Mavropanos und Borna Sosa, die gingen. Ein Jahr später Serhou Guirassy, Waldemar Anton und Hiroki Ito, zuletzt Nick Woltemade und Enzo Millot. Allesamt Stammkräfte. Da fiel der VfB-Kurs kurzzeitig. „Die hier zitierten Marktwerte sind reaktive Werte. Sie laufen meist einer sportlich positiven oder negativen Entwicklung nach“, sagt Wohlgemuth.

Sportlich waren die Transfers jedenfalls gewagt. Wirtschaftlich waren sie jedoch anfangs nötig, später nicht zu verhindern und bei Woltemade mit einer Ablösesumme bis zu 90 Millionen Euro aus VfB-Sicht sogar alternativlos. Denn anders ausgedrückt, ist das mehr Geld als die beiden Großinvestoren Mercedes und Porsche für ihre Anteile mit jeweils 40 Millionen Euro bezahlt haben.

Alles in allem hat das Zusammenspiel der Kräfte den VfB in eine neue Dimension katapultiert. „Wir konnten in den vergangenen Jahren in vielen Bereichen wachsen. Wir haben uns insgesamt stabilisiert und mit dem Weltmarkenbündnis dem VfB Stuttgart wieder Seriosität geben können“, sagt Wohlgemuth. Wohl wissend, dass die Aufgeregtheiten in einem Traditionsverein groß sind.

Doch von Emotionen will sich der Betriebswirt in seinen Entscheidungen nicht treiben lassen. „Es ist einleuchtend, dass die sportliche Abwärtsentwicklung eines Clubs auch die potenziellen Verkaufswerte seiner Spieler schmälert. Ebenso natürlich umgedreht“, sagt Wohlgemuth. So betrachtet, boomt der VfB. Vizemeisterschaft, Champions League, Pokalsieg, Europa League.

Das Ziel: den VfB dauerhaft in der Spitzengruppe verankern

Das soll es jedoch nicht gewesen sein. Der Stuttgarter Weg zum Erfolg soll nachhaltig gestaltet werden. „Mit dem Wachstum der Marktwerte haben wir unsere wirtschaftlichen stillen Reserven vervielfachen können. Das hat natürlich Auswirkungen, beispielsweise auf die Kreditwürdigkeit unseres Clubs. Insgesamt erhöhen sich dadurch die wirtschaftlichen Spielräume, weil das Vorhandensein potenzieller Spielerwerte eben immer auch ein Hinweis auf die Wettbewerbsfähigkeit des Clubs und die Kompetenz seiner Mitarbeiter ist“, erklärt Wohlgemuth.

Ziel ist es, den VfB dauerhaft wieder in der Spitzengruppe der Bundesliga zu verankern. Ein schwieriges Unterfangen, wenn man die Marktwerte und Personalbudgets der direkten Konkurrenz betrachtet. Der FC Bayern München thront über allen, gefolgt von Borussia Dortmund sowie Bayer Leverkusen und RB Leipzig. Als fünfter Verein hat sich Eintracht Frankfurt oben festgesetzt – und dahinter kommt der VfB, dessen Personaletat etwa bei 85 Millionen Euro im Jahr liegt.

Diese Finanzkraft spiegelt sich mit leichten Abweichungen regelmäßig in der Tabelle wider. Wobei die Stuttgarter nach oben drängen. Sie performen aktuell über, wie es in der Börsensprache heißt. Sie sind Tabellenvierter. Weil das Geschäft mit der Hoffnung läuft.