Das tut weh: Tiago Tomas ist mit dem VfB Stuttgart auf dem letzten Tabellenplatz gelandet. Foto: Baumann/Julia Rahn

Die Mannschaft von Bruno Labbadia steht auf dem letzten Tabellenplatz der Fußball-Bundesliga. Doch nicht nur diese Entwicklung lässt die Stimmung bei den Fans kippen.

Es ist ein schwerer Gang gewesen. Für alle Spieler des VfB Stuttgart und den Trainer Bruno Labbadia. Pfiffe hallten ihnen nach der enttäuschenden 0:1-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg von den Rängen der Mercedes-Benz-Arena entgegen. Der Fußball-Bundesligist steckt tiefer denn je in dieser Saison im Abstiegskampf – und in der Tabelle ist der VfB am Ende angelangt.

 

Die rote Laterne hängt an der Mercedesstraße und erst einmal hat sich ein Schlusslicht mit 20 Punkten nach 25 Spieltagen noch gerettet: Der VfB in der Spielzeit 2014/2015. Das zehrt weiter an den Nerven der Beteiligten: Die Spieler treten zögerlich, fast schon ängstlich auf. Die Verantwortlichen müssen sich mit Horrorszenarien beschäftigen – und dem Sportdirektor wird die Frage nach einem erneuten Trainerwechsel gestellt. Fabian Wohlgemuth hat darauf eine klare Antwort. Weitere Lösungen sollte der VfB in den verbleibenden neun Ligapartien finden. Eine Bestandsaufnahme am Tiefpunkt.

Das Problem der Mannschaft

Mannschaft Sinnbildlich für die Verunsicherung in der Mannschaft lässt sich Silas Katompa heranziehen. Der 24-Jährige spielte erneut schwach – weil als Mittelstürmer auf der falschen Position, wie viele Fachleute und Fans meinen. Mehr als eine Notlösung ist die Versetzung jedoch auch für den Trainer Bruno Labbadia nicht. Doch an Silas zeigt sich, dass er gar nicht den Ball haben will. So geschehen, als Borna Sosa mehrfach zum Flanken ansetzte – und Silas lieber im Niemandsland stehen blieb, anstatt sich im Strafraum zu platzieren.

Mit dem nötigen Selbstvertrauen wäre wohl auch Sosa bei einem Sturmlauf mit Ball nicht ohne fremdes Bein gestolpert, oder Hiroki Ito hätte den Ball nicht unbedrängt ins gegenüberliegende Seitenaus geschossen. Zudem wackelte auf der Rechtsverteidigerposition Waldemar Anton. Alles Spieler, die als Stabilisatoren fungieren sollen. Sie tun es aber nicht. Auch Wataru Endo und Konstantinos Mavropanos schafften es nicht, der taumelnden VfB-Elf Halt zu geben.

Immer mehr offenbart sich daher das Qualitätsproblem in den weiß-roten Reihen. Dieses liegt weniger im gepflegten Umgang mit dem Ball als vielmehr in der fehlenden mentalen Stärke. Die Stuttgarter schaffen es nicht einmal, die geforderten Tugenden in zwei aufeinanderfolgenden Spielen an den Tag zu legen. Entschlossenheit, Eigenantrieb, Energie – es mangelt an Mentalität, was vor allem die schwächer besetzten Mannschaften aus Bochum und Schalke demonstrieren.

Die Bilanz des Trainers

Trainer Bruno Labbadia versucht Ruhe auszustrahlen. Er kennt solche extremen Situationen, in denen die Stimmung mit dem Tabellenplatz sinkt und nur die Emotionen hochschlagen. „Das ist nicht schön“, sagt der Trainer, der diesmal analysiert, „dass wir es zusammen nicht gut gemacht haben“. Noch immer greifen die offensiven Abläufe nicht. Weshalb der frühere Angreifer Labbadia bisher keine Antwort auf die Frage gefunden hat, wer beim VfB denn die Tore erzielen soll.

Die Maßnahmen des Trainers greifen nicht – und wenn, dann nur kurz. Wie gegen die Wolfsburger riskiert der VfB erst mehr, wenn er zurückliegt – mit dem Mut der Verzweiflung. Das ist häufig zu spät, um zu gewinnen. Die Spielweise zuvor wirkt schematisch. Die Gegner haben das längst entschlüsselt. Labbadias Startbilanz liest sich deshalb wie der Beleg eines Absteigers: eins, drei, sechs. Erst einen Sieg gab es mit ihm, dazu drei Unentschieden und in zehn Ligapartien bereits sechs Niederlagen. Dabei hat der Trainer eine neue Spielstruktur geschaffen, tatsächlich mehr Stabilität hat sie jedoch nicht gebracht. Im Moment gibt es beim VfB Labbadia-Fußball – aber ohne die erhofften Ergebnisse.

Die Reaktion der Fans

Fans Auch wenn in Stuttgart die sportliche Krise zum Dauerzustand gehört: Der Unterstützung seiner Fans konnte sich der Club aus Cannstatt stets sicher sein. Nach dem deprimierenden Auftritt gegen die Wölfe ist die Stimmung gekippt. „Aufwachen, aufwachen“, schallte es dem Team nach Schlusspfiff aus der aufgeladenen Cannstatter Kurve entgegen. Wie begossene Pudel standen die Spieler vor ihrem Anhang und ließen das gellende Pfeifkonzert über sich ergehen.

In den sozialen Netzwerken und den Kommentarspalten herrscht schon lange Untergangsstimmung. Nach dem Wolfsburg-Spiel machten sich endgültig Ratlosigkeit, Wut und Resignation breit. Bruno Labbadia wird als einer der Hauptschuldigen für die Misere ausgemacht, auch im Stadion waren „Bruno raus“-Rufe zu hören. Unter jenen Fans, die dem Duo Mislintat/Matarazzo eher skeptisch gegenüberstanden und in der Verpflichtung des erfahrenen Trainers die richtige Alternative sahen, scheint langsam die Erkenntnis zu reifen, dass der Versuch mit Labbadia scheitern könnte und der VfB auf die zweite Liga zusteuert. „Für die Pfiffe der Fans habe ich Verständnis – nach so einem Spiel haben sie nicht unrecht“, sagt der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth.

Das Bekenntnis der Führung

Führung Der Sportdirektor vermochte mit seiner klaren Art stets Zuversicht zu verbreiten. Waren die Ergebnisse noch so enttäuschend, der Berliner strich stets die positiven Aspekte hervor und verhielt sich da ähnlich wie sein Vorgänger Sven Mislintat. Jetzt hält Wohlgemuth nach dem Siegtor des Ex-Stuttgarters Omar Marmoush (56.) aber fest: „Zuletzt waren häufig die Leistungen in Ordnung und nur die Ergebnisse nicht gut. Diesmal war beides fragwürdig.“ Auf eine Trainerdiskussion will sich der 43-Jährige dennoch nicht einlassen. „Die Frage steht nicht zur Debatte“, antwortet er knapp. Augen zu und durch, lautet seine Devise.

Ein neuerlicher Trainerwechsel würde den VfB einiges an Geld kosten – Geld, das er nicht hat. Und wer sollte sich das Himmelfahrtskommando antun? Einen Julian Nagelsmann aus dem Hut zaubern, wie es die TSG Hoffenheim im Abstiegskampf der Saison 2015/16 wagte, kommt mangels geeigneter Kandidaten nicht infrage. Zumal intern nicht über Labbadia diskutiert wird. Das Vertrauen ist groß, weil das Verhältnis zwischen Trainer und Team intakt ist. Sicher scheint nur: Bei weiteren Niederlagen fällt das Ganze auch auf Alexander Wehrle zurück. Der Vorstandschef hat die Verpflichtung Labbadias damit begründet, dass am Ende Resultate zählen. Höchste Zeit beim VfB, diese zu liefern.