Schmerzhaft im doppelten Sinne: Enzo Millot nach einem Foul – und der VfB Stuttgart nach der Niederlage gegen den VfL Wolfsburg Foto: Baumann/Volker Mueller

Der Bundesligist verpasst wieder eine große Chance. Das wirft Fragen auf – sie betreffen die Trainerarbeit, die Form der Spieler und die Entwicklung der Mannschaft.

Enttäuschung, die dritte. Zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit hat der VfB Stuttgart in einem Heimspiel die Chance verpasst, sich in der Tabelle der Fußball-Bundesliga auf dem vierten Rang festzusetzen. Das hat vielerlei Gründe – eine Bestandsaufnahme in drei Punkten nach dem bitteren 1:2 gegen den VfL Wolfsburg.

 

Die Arbeit des Trainers

Trainerarbeit Natürlich ist Sebastian Hoeneß ein Glücksfall für den VfB. Er passt als Trainer zum Team – und es passt zu ihm. Mit ihm will der Club auch die nächsten Schritte gehen, unbedingt. Weil er mit seiner sachlichen und ausgewogenen Art eine Mannschaft geformt hat, die über das Potenzial verfügt, sich unter den ersten sechs Bundesligisten zu etablieren. Dennoch muss auch Hoeneß’ Trainerarbeit hinterfragt werden. Weniger taktisch. Selbst wenn es die Sichtweise gibt, dass die Gastgeber gegen die Wolfsburger energischer und elanvoller nach vorne hätten beginnen sollen. Mit dem sogenannten dominanten Hoeneß-Ball.

Der Trainer kann jedoch darauf verweisen, dass sein Plan B (wie bei Borussia Dortmund) bis zur 76. Minute aufging, dank Nick Woltemades sensationellem Solo zum 1:0 (72.). Alles schien bereit, um den wichtigen Sieg einzufahren und den vierten Tabellenplatz zurückzuerobern. „Dann darfst du das Spiel nicht mehr verlieren“, sagt Hoeneß. Mit dem Ausgleich durch den Ex-Stuttgarter Tiago Tomas ging die Kontrolle verloren. Ausgelöst durch leichtfertige Ballverluste, denn vor dem Gegentreffer zum 1:2 durch den Handelfmeter von Mohamed Amoura (87.) lief der VfB erneut in einen Konter – und der Trainer muss sich nun Fragen stellen.

Warum unterliefen der Mannschaft gleich zwei schwerwiegende Fehlerketten kurz hintereinander? Passten die Einwechslungen am Ende? Warum wirkte die Mannschaft nach der reifen Leistung in Dortmund diesmal in der Schlussphase unreif? Oder von der ersten Hälfte aus betrachtet: Warum kam der VfB erneut nicht sofort in Schwung? Müssen die Spieler stärker emotionalisiert werden? Und müssen innerhalb einer harmonischen Einheit auch mal Reizpunkte gesetzt werden, um zum Erfolg zu gelangen? „Aus den letzten 18 Minuten müssen wir lernen“, sagt der Trainer und will mit dem Team schon am Sonntag bei der TSG Hoffenheim Antworten liefern.

Die Form der Spieler

Spieler Die Laune bei den meisten Akteuren nach der Enttäuschung passte sich den Außentemperaturen im Eisschrank MHP-Arena an. Mit festgefrorenen Mienen und dünnen Lippen rauschten Ermedin Demirovic und Co. aus der Kabine ab in die Nacht. Gerade bei den sonstigen Wortführern um Demirovic und Deniz Undav ein deutliches Indiz dafür, dass etwas im Argen liegt.

Zieht man einmal die Emotionalität nach der Niederlage ab und forscht tiefer, fällt auf: Es fehlt nach anstrengenden Wochen im Drei-Tages-Rhythmus nicht nur an der Frische. Zu viele Spieler sind in diesen tristen Februar-Tagen zu weit von ihrer Topform entfernt. Ob das Demirovic und Undav sind, die an ihren Toren gemessen werden. Oder der Außenverteidiger Josha Vagnoman.

Eklatant wird es mit einem Blick auf die Mittelfeldzentrale. Atakan Karazor, Enzo Millot und Angelo Stiller machen gemeinhin das VfB-Spiel aus. Kurbeln an, initiieren die Angriffe und drosseln das Tempo, wenn nötig. Alle drei jedoch lieferten nicht zuletzt gegen die Wolfsburger nicht das ab, was man von ihnen gewohnt ist und was das Team von ihnen benötigt, um erfolgreich zu sein. Offensichtlich schmeckte den technisch veranlagten VfB-Profis das mannorientierte Pressing der Gäste nicht. Doch Spieler von der Klasse der Genannten sollten sich dagegen durchsetzen. Außer sie sind außer Form.

Die Entwicklung der Mannschaft

Entwicklung Nach der rauschhaften Vorsaison befindet sich der VfB in einer Entwicklungsphase. Einerseits angereichert durch die Spiele in der Champions League, andererseits erschwert durch die hohen Belastungen in den vergangenen Monaten mit zahlreichen englischen Wochen. Das ist nach dem Aus in der Königsklasse vorbei – und der Fokus liegt nach dem Halbfinal-Einzug im DFB-Pokal auf der Liga. Nur: Es fällt der Mannschaft schwer, ihr Spiel wieder leicht aussehen zu lassen. Mit der nötigen Konstanz und Konsequenz.

Der VfB durchläuft Leistungswellen, bereits innerhalb einer Begegnung und auch von Spiel zu Spiel. Es geht auf und ab. Dem starken Jahresbeginn folgte der Abbruch mit wettbewerbsübergreifend drei Niederlagen hintereinander, dem in puncto Mentalität überzeugenden Auftritt in Dortmund beim 2:1 schloss sich die wenig clevere Vorstellung beim 1:2 gegen die Wolfsburger an.

Für ein junges Team gehört das zum Reifeprozess. „Wir hätten nach der Führung etwas stabiler und souveräner auftreten können“, sagt Fabian Wohlgemuth. Für den Sportvorstand fällt der nächste Entwicklungsschritt auf dem gehobenen Niveau schwerer als der raketenhafte Aufstieg vom Abstiegskandidaten zum Vizemeister.

Nun gilt es, das Erreichte zu festigen. Der VfB hat dafür viel Geld ausgegeben, Rekordablösesummen bezahlt und Verträge zu verbesserten Konditionen verlängert. Das alles soll dazu dienen, die Mannschaft wachsen zu lassen. Dennoch bleibt festzuhalten, dass auch für die Stuttgarter der Boden der Tatsachen nicht weicher ausfällt als für andere Clubs. Was ein Blick auf die schwindende Heimstärke belegt. Von den vergangenen fünf Ligaheimspielen endeten drei mit Enttäuschungen (insgesamt sind es vier Niederlagen in zwölf Heimspielen). Mit dem 0:1 gegen den FC St. Pauli im Dezember scheint die Selbstverständlichkeit des Siegens in der MHP-Arena verloren gegangen zu sein. Siehe Mönchengladbach und Wolfsburg.