Stiller Anführer: Der VfB-Kapitän Wataru Endo ist einer der Stuttgarter Schlüsselspieler. Foto: Baumann/Julia Rahn

In der Relegation treffen zwei Traditionsvereine aufeinander, die auch mit sich selbst zu kämpfen haben. Eine Bestandsaufnahme vor dem ersten Anpfiff am Donnerstag.

Zum Saisonabschluss steht ein großes Duell an: VfB Stuttgart gegen Hamburger SV. Zwei taumelnde Riesen, die nun in der Relegation aufeinandertreffen. An diesem Donnerstag (20.45 Uhr/Sat 1) wird das erste von zwei Entscheidungsspielen um den letzten freien Platz in der Fußball-Bundesliga angepfiffen. Und vor der Begegnung in der ausverkauften Mercedes-Benz-Arena stellen sich einige wichtige Fragen. Ein Blick auf zwei Traditionsvereine, die auch mit sich selbst zu kämpfen haben.

 

Mannschaft Welches Team kann unter Druck seine beste Leistung abrufen? Darum geht es zunächst. Zumal sowohl der VfB als auch der HSV am letzten Ligaspieltag Enttäuschungen verkraften mussten. Die emotionale Fallhöhe in Hamburg dürfte dabei größer gewesen sein als in Stuttgart, da sich Spieler und Fans in Sandhausen minutenlang schon erstklassig wähnten.

Der VfB vertraut auf seine wiederentdeckten Stärken. Unter dem Trainer Sebastian Hoeneß hat sich die Elf stabilisiert. Schlüsselspieler sind Wataru Endo als Herzstück im Mittelfeld, Serhou Guirassy als Torjäger und Anspielstation im Angriff und Waldemar Anton als Abwehrchef und emotionaler Leader. Beim HSV gelten Kapitän Sebastian Schonlau, der Mittelfeldspieler Ludovit Reis und der Stürmer Robert Glatzel als die Anker im Team.

Trainer Welcher Coach findet die passende Ansprache? Sebastian Hoeneß tritt vor den K.-o.-Partien auf wie in den Wochen zuvor an der Mercedesstraße: ruhig, sachlich, aber durchaus selbstbewusst. Der VfB-Coach spuckt keine großen Töne, vielmehr versucht er den Fokus rein auf den Sport auszurichten und sich nicht auf Psychospielchen einzulassen. Hoeneß konzentriert sich auf die Kommunikation mit den Spielern. Ihnen gilt es Selbstsicherheit zu vermitteln. „Wir haben zuletzt schon einige Drucksituationen gut gelöst“, sagt der VfB-Trainer.

Tim Walter ist Tim Walter – und der HSV-Trainer hat zuletzt keine Gelegenheit ausgelassen, sein Team und sich groß zu machen. „Jetzt erst recht“, lautet das Motto des 47-Jährigen nach dem verpassten Direktaufstieg. „Wir werden weiter Gas geben“, sagt Walter und verweist auf das bisher Erreichte: 66 Punkte in der Zweitligarunde. Normalerweise genügt das für den Sprung nach oben, weshalb Walter dafür plädiert, die Relegation abzuschaffen: „Weil der Erstligist mehr zu gewinnen hat. Weil sie als Sechzehnter über zwei Spiele noch die Möglichkeit bekommen, die Liga zu halten. Der Zweitligadritte, der über das ganze Jahr viel gewonnen hat, tritt dagegen nicht automatisch den Weg nach oben an.“ Einen verbalen Seitenhieb auf seinen Ex-Club gibt es im Vorfeld noch dazu: „Der VfB hatte die Chance, letztendlich die Relegation aus eigener Hand zu vermeiden. Das haben sie nicht geschafft.“

Spielweise Wie stürmisch treten die beiden Mannschaften auf? Wenn nicht bereits die Trainerlegende Otto Rehhagel das taktische Credo der kontrollierten Offensive geprägt hätte, dann wäre Sebastian Hoeneß in der Fußballmoderne sicher ein Anwärter für diese Ausrichtung. Der VfB-Coach lässt seine Elf wieder stürmen, jedoch nicht ohne Absicherung. „Kopflosigkeit wird uns nichts bringen. Wir wollen engagiert, aber klar spielen und unsere Stiche präzise setzen. Auch wenn wir zu Hause den ersten Schritt machen wollen – blindes Anrennen ist ganz sicher nicht unsere Strategie“, sagt der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth.Die Hanseaten glauben sich im Vorteil, weil zehn Profis im Vorjahr schon Relegationserfahrung gesammelt haben. Allerdings scheiterte der HSV an Hertha BSC. Auch weil der damalige Berliner Trainer Felix Magath sein Gegenüber Tim Walter auscoachte.

Der sogenannte Walter-Ball kann nach wie vor spektakulär sein. Allerdings lässt der Badener nicht mehr so wild spielen wie früher. Dennoch bietet der HSV Angriffsfläche. Zum Beispiel über die Flügel und nach Ballverlusten aufgrund der risikoreichen Spielweise. „Da ergeben sich Räume, die wir schnell bespielen können“, sagt Hoeneß. Der VfB bringt hier nicht nur über Silas Katompa und Tiago Tomas viel Tempo mit.

Allgemein

Aussichten Wie groß ist die Zukunftsangst? Rund um den Wasen in Bad Cannstatt herrscht Anspannung. Denn für den VfB steht nicht nur finanziell viel auf dem Spiel. Im Falle eines Abstieg müsste der Verein mehr als einen Umsatzverlust von 40 Millionen Euro hinnehmen. Die TV-Gelder würden sich auf 22 Millionen Euro halbieren und auch die Sponsoren würden weniger bezahlen. Sportlich stünde ein Umbruch an. „Das wäre eine Breitseite, dafür braucht es keine Buchhaltung“, sagt der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth. „Und trotzdem würden wir uns auch dann straffen, der Realität ins Auge schauen und einen neuen Anlauf nehmen.“

Der HSV strebt nach fünf Jahren in der Zweitklassigkeit wieder nach oben. Bei einer weiteren Saison im Unterhaus würden die Hamburger etwa 17 Millionen Euro an Fernsehgeld kassieren. Und schon aufgrund der Wirtschaftslage sind die Ansprüche an der Alster nicht mehr die höchsten. Aus dem Team würde es Ludovit Reis und Robert Glatzel wohl wegziehen – in die Bundesliga.