Alexander Blessin war als Spieler und Trainer ein Spätstarter. Am Samstag kommt er mit Aufsteiger FC St. Pauli zum VfB Stuttgart und spricht über seinen ungewöhnlichen Werdegang, seine wichtigsten Ratgeber und die Chancen auf eine Überraschung.
Er ist in Stuttgart geboren, spielte für den VfB und die Kickers. Für Alexander Blessin ist die Bundesligapartie am Samstag (15.30 Uhr/MHP-Arena) ein ganz besonderes Spiel. Wie schätzt der Trainer des FC St. Pauli die Lage ein?
Herr Blessin, kommt Ihre Familie mit der S-Bahn zum Spiel am Samstag?
Das muss ich noch abklären, aber ich kann mir denken, auf was Sie anspielen.
Ihr Vater fuhr nach Ihrem ersten Bundesligaeinsatz für den VfB im August 1998 vor lauter Aufregung mit der S-Bahn in die falsche Richtung.
Eine nette Anekdote, die stimmt. Ich werde den Tag nie vergessen. Trainer Winnie Schäfer hatte mich aus der zweiten Mannschaft nach meinen drei Toren gegen Wehen für die Partie gegen Borussia Dortmund zu den Profis hochgezogen. Nach 25 Minuten verletzte sich Fredi Bobic. Ich kam rein und musste nach 50 Minuten wieder raus, weil ich total platt war und Krämpfe bekam. Wir hatten am Vormittag noch trainiert, und ich hatte mich beim Eckchen-Spielen wohl verausgabt (lacht).
Bei Ihrem Bundesligadebüt waren Sie bereits 25 Jahre alt.
Früher war das keine große Seltenheit. Heutzutage bestreiten die Spieler, bedingt auch durch die Ausbildung in den Nachwuchsleistungszentren, oft schon mit 17 oder 18 ihr erstes Bundesligaspiel.
Ihre Karriere ließen Sie dann mit 39 Jahren beim SV Bonlanden in der Oberliga ausklingen.
Als spielender Co-Trainer, von daher war das sozusagen mein Einstieg ins Trainergeschäft. Mit dem damaligen Chefcoach Norbert Stippel (Anm. d. Red.: Sportlicher Leiter des NLZ der Stuttgarter Kickers) bin ich bis heute freundschaftlich verbunden. Mit seinem Fachwissen, seinem Auge, seiner Ruhe und Ausgeglichenheit ist er einer meiner wichtigsten Ratgeber.
Nicht nur als Spieler, auch als Trainer waren Sie ein Spätstarter. Die „Süddeutsche“ titelte mal über Ihren Werdegang „die Inkarnation des Tellerwäschers“. Trifft’s das?
Nach meinem Karriereende übernahm ich in Tübingen eine Allianz-Agentur. Dann rief Ralf Rangnick an, dem ich als Spieler zu seinen Zeiten in Ulm und Reutlingen schon dreimal abgesagt hatte, und bot mir einen Job im NLZ von Leipzig an. Ich sagte ihm zu, begann 2012 bei RB als Co-Trainer der U 17 und arbeitete dann acht Jahre lang dort im Nachwuchsbereich.
Mit 47 nach Oostende
2020 ging es dann zum belgischen Erstligisten KV Oostende.
Ich war 47 Jahre alt, als ich dort meine erste Station als Trainer bei den Erwachsenen antrat. Von daher stimmt es, dass mein Werdegang nicht alltäglich ist.
Viele Ex-Profis werden nach ihrer aktiven Karriere sofort Trainer. Sie gingen einen anderen Weg. Ein Vorteil?
Ich haben den Trainerberuf von der Pike auf gelernt. Schritt für Schritt konnte ich mich weiterentwickeln. Die Gespräche und Analysen bei RB mit Ralf Rangnick und Helmut Groß, aber auch der Austausch dort mit anderen Ex-VfBlern wie Wolfgang Geiger und Frieder Schrof waren enorm hilf- und lehrreich. Ich lernte, nie zufrieden zu sein.
Wie sehr haben Sie danach Ihre Stationen im Ausland geprägt?
Beim KV Oostende konnte ich den RB-Style ausleben, in Genua musste ich mich extrem anpassen, da dort sowohl defensiver Catenaccio als auch kreatives Dolce Vita gefragt war. Bei Royale Union Saint-Gilloise konnte ich die Mischung aus einer hohen Mentalität im Spiel gegen den Ball und viel individueller Kreativität mit Ball etwas einfacher umsetzen.
In Belgien wurden Sie gleich zweimal zum Trainer des Jahres gewählt. Sie gelten als fordernd und konsequent, aber auch als emphatisch und smart im Umgang. Kommen Sie, egal ob in der Jugend oder bei den Aktiven oder unabhängig in welchem Land, überall gleich gut an?
Das müssten eigentlich andere beurteilen. Jürgen Klopp hat mal gesagt, dass es nicht wichtig ist, was über einen gedacht wird, wenn man ankommt, sondern wenn man den Verein verlässt. Ich kann jedenfalls überall wieder hinkommen, und die Atmosphäre ist von großem gegenseitigen Respekt geprägt.
„Wir haben Eindruck hinterlassen“
Wie fällt Ihr Zwischenfazit als St.-Pauli-Trainer aus?
Zufrieden bin ich nie. Aber ich glaube schon, dass wir mit unserem Auftreten Eindruck hinterlassen haben. Denn wir sind mit nur einem Ziel angetreten: nicht abzusteigen. Mit Marcel Hartel (Anm.: zum St. Louis City SC/USA) haben wir einen Ausnahmespieler verloren, der an 33 Toren beteiligt war, das haben wir übers Team aufgefangen. Wir haben neben Holstein Kiel den niedrigsten Etat der Liga. Wir können alles ganz gut einordnen und wissen, dass wir immer am oberen Limit spielen müssen, um zu punkten. Dass wir aktuell auf einem Nichtabstiegsplatz stehen, freut uns vor diesem Hintergrund sehr.
Trotz einiger Ausfälle, die weiße Flagge werden Sie vor dem Spiel beim VfB kaum hissen?
Natürlich nicht, wir haben auch gegen große Clubs wie Bayern, Leipzig oder den BVB schon sehr gut performed und lange Zeit Paroli geboten. Das müssen wir annähernd erreichen und auf einen nicht ganz so guten Tag der VfB-Spieler hoffen. Es war zu hören, dass sie schon Big Points in Heidenheim geholt haben, vielleicht verabschieden sie sich bereits etwas früher in die Urlaubszeit (lacht).
Wo landet der VfB in der Bundesliga am Ende?
Ich glaube, schon im Champions-League-Topf.
Und wann landen Sie als Trainer beim VfB, ab und an hat es ja schon Kontakte gegeben?
(Lacht) Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich genieße es hier in Hamburg bei einem tollen Club. Ich hatte noch nie einen Karriereplan und werde auch nie einen haben.
Alexander Blessin
Karriere
Blessin wurde am 28. Mai 1973 in Stuttgart geboren. Er spielte in seiner Geburtsstadt für den TSV Georgii Allianz, den VfB und die Kickers. Später stürmte er für Antalyaspor, Wacker Burghausen, VfB Leipzig, SC Pfullendorf, TSG 1899 Hoffenheim, SF Siegen, Jahn Regensburg, SSV Reutlingen, SV Bonlanden. Trainerstationen: RB Leipzig/Jugend, KV Oostende, CFC Genua, Royale Union Saint-Gilloise, seit Sommer 2024 FC St. Pauli.
Persönliches
Er ist verheiratet mit Charlotte. Das Paar hat die Töchter Franziska, Victoria und Patricia. Die Familie hat ihren Hauptwohnsitz im Landkreis Esslingen. (jüf)