Im Topspiel zwischen dem VfB Stuttgart und dem FC Bayern München geht der Konkurrenzkampf um die EM-Tickets auf die Zielgerade.
Es ist gerade sechs Wochen her, da war die deutsche Fußballwelt noch eine andere. Der große FC Bayern irrlichterte durch die Liga, Thomas Tuchel hatte gerade seine Papiere zum Saisonende bekommen. Beim ewigen Rivalen aus Dortmund sah es nicht viel besser aus. Durchwachsene Ergebnisse, eine ewige Trainerdiskussion und formschwache Nationalspieler.
Hält Nagelsmann an der Devise formstark und unverbraucht fest?
In Erinnerung an die bösen Pleiten gegen die Türkei und Österreich im vergangenen Herbst hatte Bundestrainer Julian Nagelsmann durchgegriffen und eine Reihe langjähriger Stammkräfte aus München und Dortmund aus der Nationalmannschaft aussortiert. Die Stimmung rund um Deutschlands Fußball-Fixsterne war am Tiefpunkt.
Für die Duelle gegen Frankreich und die Niederlande Mitte März entschied sich Nagelsmann schließlich für das Modell formstark und unverbraucht. Unter anderen mit den Stuttgarter Senkrechtstartern Waldemar Anton, Chris Führich, Deniz Undav und Maximilian Mittelstädt. Nach starken Auftritten und zwei Siegen im EM-Testlauf schien die Sache klar: Mit diesem Kader geht Deutschland in das Heimturnier (14. 6.–14. 7.). Wer braucht noch Mats Hummels, Leon Goretzka und Co.? Die Rede war von VfB Deutschland.
Auf einmal spielt der aussortierte Goretzka stark auf
Sechs Wochen später hat sich der Wind gedreht. Vor dem Aufeinandertreffen mit den Münchnern an diesem Samstag (15.30 Uhr) trumpft das VfB-Quartett in der Liga weiterhin auf. Auf der anderen Seite hat der abgelöste Serienmeister bewiesen, dass er das Fußballspielen unter Tuchel doch nicht verlernt hat und in der Champions League immer noch zu Außergewöhnlichem imstande ist. Beim 2:2 im Halbfinale gegen Real Madrid zeigten die Bayern eine ihrer besten Saisonleistungen. Am Aufschwung haben auch die vor Kurzem noch Abgeschriebenen ihren Anteil. Zum Beispiel Leon Goretzka. Seit seiner Ausbootung im März zeigt sich der Mittelfeldspieler in bestechender Form, was einen Zusammenhang von Ursache und Wirkung nahelegt.
Nimmt man Goretzkas aktuelle Form als Maßstab, dürfte Nagelsmann an dem zentralen Mittelfeldspieler nicht vorbeikommen. Eigentlich. Gleiches gilt für Leroy Sané. Sein Ausraster gegen Österreich brachte ihm eine Rote Karte und drei Spiele Sperre ein. Erst zur EM wäre der Flügeldribbler wieder spielberechtigt. Eine optimale Turniervorbereitung sieht anders aus. Angesichts seiner Leistungen in den zurückliegenden Wochen dürfte an Sanés Kaderplatz allerdings kein Zweifel bestehen. Und dann wäre da noch Rückkehrer Serge Gnabry. Der Angreifer hat seinen Muskelfaserriss im Oberschenkel auskuriert und drängt ebenfalls noch auf den EM-Zug.
Auch Mats Hummels will sich nicht einfach ergeben
Die alte Garde ist also zurück. Und wird es dem Bundestrainer am Samstag im direkten Duell mit den Stuttgarter Emporkömmlingen beweisen wollen. Die weiß-roten Himmelsstürmer haben ihren Kaderplatz nämlich beileibe nicht sicher, auch wenn dies vor Wochen den Anschein erweckt haben mag. Denn auch die Dortmunder Degradierten wollen sich nicht ohne Weiteres zur Seite schubsen lassen. Von den einstigen Stammkräften Mats Hummels, Emre Can, Julian Brandt, Nico Schlotterbeck, Niklas Süle und Niklas Füllkrug erhielt nur Letzterer eine Einladung zur EM-Generalprobe. Seither macht vor allem Hummels den Goretzka. Hummels grätscht und schlenzt wie in besten Tagen – und spielt plötzlich wieder famos auf.
Es sind spannende und keine einfachen Personalfragen, die da auf den Bundestrainer zukommen. Die letztlich in einen Abwägungsprozess münden. Anton oder Hummels? Führich oder Gnabry? Undav und/oder Füllkrug? Einzig Mittelstädt kann sich seines Platzes auf der linken Außenbahn mangels Konkurrenz ziemlich sicher sein. Für alle anderen gilt: Sie werden in den verbleibenden drei Bundesligaspielen noch einmal verstärkt unter Beobachtung stehen. Insbesondere im Topspiel am Samstag. Nur Mittelstädt wird den Südschlager aufgrund seiner fünften Gelben Karte verpassen.
Wie sicher kann sich das VfB-Quartett sein, dass es bei der EM dabei ist?
„Ich habe immer gesagt, es ist keine Tür zu, aber generell ist es die Kunst als Trainer, im Hinblick auf das Turnier eine Mannschaft zu finden, wo jeder Spieler 100 Prozent zur jeweiligen Rolle passt“, äußerte der Bundestrainer vor wenigen Tagen in einem Interview. Wenn man so will, kann man daraus eine vorzeitige und endgültige Absage an die bereits im März Unberücksichtigten um Goretzka herauslesen. Andererseits wird sich Nagelsmann kaum jetzt schon ernsthaft in die Karten blicken lassen. Und was, wenn die Bayern und der BVB in der Champions League weiter für Furore sorgen? Die Ansagen aus München und aus Dortmund lassen sich gut ausmalen.
Womöglich kommt Nagelsmann bei seinem schwierigen Personalpuzzle am Ende die Uefa zu Hilfe. Ursprünglich sollte die Kadergröße für das Turnier von 26 auf 23 Spieler reduziert werden. Wie mehrere englische Medien berichten, soll dieser Schritt nun womöglich rückgängig und doch 26er-Kader möglich gemacht werden. Für den Stuttgarter Block wären das gute Nachrichten. Für den der Münchner und Dortmunder ebenso.