Die beiden Torschützen Serhou Guirassy (links) und Deniz Undav freuen sich über den 2:1-Sieg gegen Borussia Dortmund. Foto: Baumann/Volker Müller

Der VfB dominiert den Vizemeister. Doch erst mit der Einwechslung des zuvor verletzten Torjägers fällt die Entscheidung. Der Sieg zeigt dennoch, wie sich die Mannschaft entwickelt – und eröffnet neue Perspektiven.

Natürlich Serhou Guirassy! Wer sonst? Der Mittelstürmer des VfB Stuttgart war nach dem 2:1-Erfolg gegen Borussia Dortmund wieder in aller Munde. Er hatte per Foulelfmeter das Siegtor erzielt – nach dreiwöchiger Verletzungspause. Doch der 27-jährige Torgarant ist nicht der einzige Grund, warum der VfB durch die Fußball-Bundesliga stürmt. Es gibt weitere Faktoren – eine erste Bilanz nach elf Spieltagen.

 

Der Trainer

Sebastian Hoeneß hat nicht nur gegen Borussia Dortmund einen guten Matchplan ausgetüftelt. Aber gegen den Vizemeister ging dieser in allen Belangen auf. „Wir wussten, dass die Dortmunder nach drei englischen Wochen hintereinander müde sein könnten“, sagt der Trainer. Entsprechend trat die VfB-Elf auf. Mutig nach vorne ausgerichtet, die Gäste ständig unter Druck setzend, spielfreudig und laufstark.

Hoeneß hat es geschafft, die Stuttgarter auf dem Feld nahezu perfekt auszutarieren. Defensive Stabilität und offensive Kreativität passen zusammen – was für eine starke Trainerarbeit spricht. Doch es existiert nicht nur die fachliche Komponente. Der unaufgeregte Führungsstil kommt hinzu.

Die Mannschaft

Die Stuttgarter haben sich gefunden. Menschlich und fußballerisch. Alle heben den neuen Teamgeist heraus, der sich breitgemacht hat. Spieler, Trainer, Sportdirektor. Selbst wenn es vor dem ersten Foulelfmeter eine Diskussion zwischen Chris Führich und Enzo Millot gab, wer antreten sollte. „Das war klar festgelegt“, sagt der Chefcoach Sebastian Hoeneß. Führich schoß – und scheiterte an dem BVB-Torwart Gregor Kobel (11.). Millot war auch nach der Partie kaum zu beruhigen.

Ein erster Anflug von Egoismus oder unbändiger Ehrgeiz? Millot wollte Verantwortung übernehmen, nachdem sich beim VfB ein Elfmeter-Trauma anbahnte. Denn schon in den zwei Ligabegegnungen zuvor wurden zwei Strafstöße (Deniz Undav und Silas Katompa) vergeben. Doch die Team ließ sich nicht beirren. Auch nicht nach dem 0:1-Rückstand durch Niclas Füllkrug (36.). Wichtig dabei: die Kaderbreite. Der VfB verfügt über genügend Bankreserven, um während des Spiels nachlegen zu können.

Serhou Guirassy

Er macht den Unterschied aus. Nicht nur wegen seines verwandelten Elfmeters gegen die Dortmunder (83.). In Zahlen ausgedrückt: 15 Saisontore und nachweislich eine höhere Effizienz bei den VfB-Abschlüssen, wenn er auf dem Platz steht. Denn die Mannschaft erspielte sich im Schnitt ebenso so viele Chancen ohne Guirassy (12,7 pro Spiel) wie mit ihm (12,8), wie eine Statistik vor der Partie auswies. Sie kam sogar zu mehr Schüssen (18,8/15,7), allerdings nicht auf das Tor (5/7). Und das Entscheidende: Mit ihm erzielten die Stuttgarter 3,2 Treffer pro Spiel, ohne ihn nur einen.

Diesmal benötigte der Mittelstürmer nach seiner Einwechslung 16 Minuten und 25 Sekunden, um zu treffen. Nach zuletzt zwei Liganiederlagen hintereinander ist mit Guirassy so das Lächeln zurückgekehrt – und es hat sich der Glaube an den Torjäger verfestigt. Bei den Fans ohnehin. Aber ebenso bei den Mitspielern. „Wir sind immer positiv geblieben und haben uns nach jeder vergebenen Chance gesagt: Der nächste Ball geht rein“, sagt Deniz Undav, dem der Ausgleich gelang (42.). Bei weiteren Versuchen von ihm sowie Chris Führich und Jami Leweling war beim guten Ex-Stuttgarter Gregor Kobel Endstation. Dann kam Guirassy.

Der Sportdirektor

Fabian Wohlgemuth ist der Mann für die nüchternen Einordnungen. Egal, ob gewonnen oder verloren wird. „Die Mannschaft hat sich diesmal von ihrer besten Seite gezeigt. Sie hat auch Charakter gezeigt“, sagt der Sportdirektor und bleibt bei dem ganzen Hype um Serhou Guirassy und der Euphorie rund um den VfB ruhig. Wohlgemuth erinnert dann gerne daran, dass die Relegation, als es gegen den Abstieg ging, noch gar nicht so lange her sei.

An eine neue Zielsetzung denkt der Sportdirektor deshalb nicht. Es soll eine sorgenfreie Saison werden – und dabei bleibt es. Auch dank seiner Personalpolitik kann es sogar eine überraschend gute Spielzeit werden. Beispiel: Angelo Stiller. Der Mittelfeldstratege lässt den Abgang von Wataru Endo (FC Liverpool) vergessen. Mit einer anderen Spielweise, aber sehr gewinnbringend für den VfB.

Die Perspektive

Die Mannschaft hat gegen den BVB nicht nur überzeugt, sondern sie war dominant. Eine Spitzenleistung, die verdeutlicht, dass sich der VfB entwickelt. Zum einen schöpft er nun sein spielerisches Potenzial aus. Zum anderen zeigt er sich widerstandsfähig. Beide Faktoren ergeben eine neue Perspektive. Sie richtet sich weg vom Tabellenkeller. Doch Sebastian Hoeneß verrückt seine Sicht nicht. Der dritte Rang ist ihm nicht so wichtig wie die 24 Punkte zu diesem Zeitpunkt. Für den Trainer zählt nur das nächste Spiel: Eintracht Frankfurt nach der Länderspielpause.