Der Bundestrainer äußert sich zum Stuttgarter Innenverteidiger – und zu den Gründen, warum er so häufig VfB-Profis für die deutsche Nationalmannschaft nominiert.
Es ist noch nicht lange her, da schien die deutsche Nationalelf für Profis des VfB Stuttgart unerreichbar. Nominierungen gab es allenfalls für die Nachwuchsmannschaften, auf der großen Bühne spielten andere – und der Ende 2022 geäußerte Wunsch von Vorstandschef Alexander Wehrle, bei der EM 2024 im eigenen Land einen VfB-Spieler im DFB-Team zu stellen, klang reichlich ambitioniert. Inzwischen wurde er um ein Vielfaches übertroffen.
Seit Julian Nagelsmann vor knapp zwei Jahren das Amt des Bundestrainers übernommen hat, kamen von 17 Neulingen acht vom Bundesligisten aus Bad Cannstatt. Fast die Hälfte also, eine nicht alltägliche Quote. Den Anfang machte Chris Führich – es folgten Waldemar Anton, Maximilian Mittelstädt, Angelo Stiller, Deniz Undav, Alexander Nübel, Jamie Leweling und zuletzt Nick Woltemade.
Was der Grund für den sprunghaften Anstieg an VfB-Nominierungen ist? Selbstredend hat das mit dem sportlichen Höhenflug der vergangenen Jahre zu tun, aber auch mit Einsatzzeiten. „Sebastian Hoeneß setzt sehr viel auf diese Spieler“, sagt Nagelsmann mit Blick auf seinen Trainerkollegen beim VfB. „Stuttgart spielt immer mit sieben oder acht Deutschen von Beginn an. Und das erhöht dann auch die Wahrscheinlichkeit, dass man viele Nationalspieler hat.“
Denn: Für den Bundestrainer ist es alles andere als egal, ob ein Profi mit viel Spielpraxis zum Nationalteam stößt oder ohne das große Selbstvertrauen: „Wenn sie viel spielen, habe ich immer die Garantie, dass sie mit einem guten Rhythmus aus dem Club bei uns aufschlagen.“ Diese Fülle gebe es bei anderen Vereinen schlicht nicht, so der 37-Jährige: „Wenn ich Leverkusen anschaue mit den Abgängen: So viele Deutsche in der Startelf haben die Stand jetzt nicht mehr.“
Nagelsmann über Jeltsch: „Er ist natürlich ein großes Talent“
Hinzu kommt natürlich auch die sportliche Qualität, ohne die es keinen Weg in Deutschlands wichtigste Mannschaft gibt. „Sie entwickeln sich gut beim VfB. Sebastian macht einen guten Job, hat sie gut weitergebracht vom Relegationsplatz zur Champions League und zum DFB-Pokalsieg“, sagt Nagelsmann – blickt aber zugleich auf die Mühen, die es in der zurückliegenden Spielzeit ohne Wenn und Aber auch gab: „Sie sind ein bisschen am kämpfen gewesen in dieser Saison, deshalb waren auch nicht mehr alle dabei.“ Leweling und Führich sind zuletzt nicht mehr nominiert worden.
Auf der anderen Seite ist es alles andere als ausgeschlossen, dass zu den bisherigen acht VfB-Debütanten unter Nagelsmann in Zukunft weitere hinzukommen. Zum Stuttgarter Stammspieler ist etwa in kürzester Zeit Finn Jeltsch (18) avanciert, der sich nach seinem Winter-Wechsel vom 1. FC Nürnberg für rund acht Millionen Euro auf Anhieb in der Stuttgarter Innenverteidigung festspielte. Mit einem guten Spielaufbau, aber auch Robustheit und Zweikampfhärte. Kann er sich auch Hoffnungen auf eine DFB-Nominierung machen? In jedem Fall hat ihn der Bundestrainer auf dem Radar.
„Finn macht es gut und hat sich gut entwickelt“, sagt Nagelsmann. Allerdings sei er auch ein großer Freund davon, einen Schritt nach dem anderen zu gehen. Das hatte sich im vergangenen März gezeigt, als Nick Woltemade trotz seines Formhochs beim VfB bei den Viertelfinals der Nations League noch nicht berücksichtigt worden war.
Vorerst wird also noch Geduld gefragt sein – zumal Jeltsch ja kürzlich erst einen großen Schritt gemacht hat durch seine Berufung in die deutsche U-21-Nationalmannschaft mit gerade einmal 18 Jahren. Zum Debüt wird es dort aber vorerst nicht kommen, da der VfB-Profi für die anstehenden Europameisterschaft in der Slowakei wegen einer nicht vollständig abgeklungenen Entzündung im Unterschenkel absagen musste. „Leider“, wie Nagelsmann betont.
Die nächste Gelegenheit dürfte aber kommen, schließlich steht Jeltschs Karriere noch ganz am Anfang. Sie könnte ihn über kurz oder lang auch in die A-Nationalmannschaft führen. „Er ist natürlich ein sehr gutes Talent“, sagt Nagelsmann. Es wäre nicht das erste Mal, dass er einen Stuttgarter beruft.