Das Tauziehen um Nick Woltemade zwischen dem VfB und dem FC Bayern geht in die entscheidende Phase. Foto: IMAGO/HMB-Media

Der FC Bayern strebt im Bemühen um Nick Woltemade ein persönliches, zeitnahes Treffen mit den VfB-Chefs an. Dabei will man den Verhandlungsspielraum ultimativ ausloten.

Sein Handy blieb am Samstagnachmittag tatsächlich mal für rund zwei Stunden stumm. Also fand der VfB-Sportvorstand Fabian Wohlgemuth auf der Tribüne des kleinen Sportplatzes des SV Quitt Ankum am Teutoburger Wald ausreichend Zeit, um sich konzentriert das geheime Testspiel der Stuttgarter gegen den niederländischen Meister PSV Eindhoven (4:4) anzuschauen.

 

Es war sehr wahrscheinlich so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm – zumindest was das Spektakel Nummer eins dieses Bundesliga-Transfersommers angeht, den möglichen Wechsel von Stürmer-Schlaks Nick Woltemade von Stuttgart zum FC Bayern München. Schließlich ist es inzwischen ein offenes Geheimnis, dass der Rekordmeister mit seinem Vorstandschef Jan-Christian Dreesen und dem Sportvorstand Max Eberl für diese Woche den entscheidenden Schachzug plant. Dabei soll es sich allerdings nicht, wie von Münchner Medien ins Spiel gebracht, um ein drittes, finanziell weiter aufgebessertes Angebot an den VfB handeln.

Vielmehr schwebt den FCB-Bossen offensichtlich ein persönliches Treffen mit den VfB-Oberen vor, um den verbliebenen Verhandlungsspielraum ultimativ auszuloten. Weiterhin mit dem Ziel, den wechselwilligen Woltemade an die Säbener Straße zu holen. Doch der Ausgang des erwarteten Bayern-Vorstoßes ist ganz offensichtlich selbst nach Einschätzung der handelnden Personen völlig offen. Denn entscheidende Frage bleiben: Sind die Bayern bereit, mindestens die 65 Millionen Euro zu bezahlen, die selbst für den VfB-Vorstand Alexander Wehrle in die Kategorie „außergewöhnlich“ fallen könnten? Und wer hat in München letztlich das Sagen? Vorstandschef Dreesen, ein gelernter Banker ohne ausgewiesene Fußball-Expertise, oder der Ex-Profi Eberl? Das Duo hat zuletzt nicht immer den Eindruck erweckt, mit einer Stimme zu sprechen.

Klar ist bisher nur, dass es bereits zwei Angebote der Bayern gegeben hat: Das letzte lag dabei im Bereich von 50 Millionen Euro an Ablöse plus fünf Millionen an Boni, zudem beinhaltete es wohl eine zehnprozentige Transferbeteiligung für den Fall, dass die Münchner den Spieler in Zukunft ihrerseits weiter veräußern würden. Doch der VfB lehnte bisher ab, womit die Bayern, die bereits den Poker um Florian Wirtz gegen den FC Liverpool verloren haben, noch deutlicher unter Druck geraten sind.

Obendrein soll die Sache spätestens am 28. Juli entschieden sein. So oder so. Denn an diesem Tag endet Woltemades Urlaub und er sollte sich im Fall eines Bleibens dann mit den Stuttgarter Kollegen in Ruhe ins Trainingslager an den Tegernsee begeben können – und auch die Bayern steigen nach der Teilnahme an der Club-WM zeitgleich wieder ins Training ein.

Bei Teilen des VfB, so scheint es, hält man ein Treffen – und zwar auf Stuttgarter Terrain – nicht mehr für komplett ausgeschlossen. Auch wenn es weiterhin zwei Blickwinkel auf die Personalie Woltemade gibt, der in Bad Cannstatt einen Vertrag bis Juni 2028 besitzt. Einerseits ist da die Haltung von einigen Vertretern wichtiger Partner im Aufsichtsrat des Clubs, die Woltemade auf keinen Fall und schon gar nicht nach München ziehen lassen wollen. Nach dem selbstbewussten Motto: Mir san der VfB!

Doch es gibt auch gute Gründe, Woltemade gehen zu lassen, die in einige VfB-Köpfe offenbar immer mehr einzusickern scheinen, je mehr sich die Bayern der vermeintlich kritischen Ablöse-Zone von 65 Millionen Euro nähern. So hat es bereits den Rat eines befreundeten Bundesliga-Managers gegeben, bei einem Angebot von mehr als 60 Millionen Euro für einen im Vorsommer noch ablösefreien Spieler wie Woltemade auf jeden Fall zuzuschlagen. Alles andere sei angesichts der Größe der Summe fahrlässig.

Tatsächlich würde ein vollzogener Deal in zweifacher Hinsicht in die Rekordbücher eingehen: Der Wechsel von Nick Woltemade an die Isar wäre zunächst der teuerste interne Transfer in der Geschichte der Bundesliga überhaupt (bisher ist es Julian Draxler mit 43 Millionen Euro im Sommer 2015 von Schalke nach Wolfsburg); obendrein würde der 23-Jährige den Stuttgartern die bei weitem höchste Transfereinnahme aller Zeiten bescheren. Dazu gesellen sich weitere, weiche Faktoren: Wie würde Woltemade den Rummel um seine Person im Falle eines aus seiner Sicht von seinem Arbeitgeber verbauten Wechsels verkraften? Wie sehr würde der Berater Danny Bachmann Stimmung gegen den Verein machen – und könnte sein Spieler, der noch am Anfang seiner Karriere steht, vor diesem Hintergrund sofort wieder mental befreit die Topform der vergangenen Rückrunde abrufen?

Andererseits ist der VfB als Pokalsieger und Europapokalteilnehmer anders als in jüngerer Vergangenheit nicht mehr zwingend von Ablösesummen abhängig, will gerade seine Leistungsträger im Gegensatz zum Vorsommer möglichst halten. Die nächste Woche wird vermutlich Klarheit bringen, wohin das Pendel in dieser Gemengelage letztlich ausschlägt.