Symbolische Befreiung? VfB-Innenverteidiger Georg Niedermeier. Foto: dpa

Der VfB kann doch noch gewinnen – und hofft nach dem 1:0 gegen den HSV, dass der Erfolg befreiende Wirkung hat.

Der VfB kann doch noch gewinnen – und hofft nach dem 1:0 gegen den HSV, dass der Erfolg befreiende Wirkung hat.

Stuttgart - Die Tage, an denen sich Huub Stevens mit den Niederungen des Amateurfußballs beschäftigt hat, dürften schon eine Weile zurückliegen – wenn es sie überhaupt gegeben hat. Am vergangenen Samstag allerdings wähnte sich der neue Trainer des VfB Stuttgart eben dort, wo spielerischer Glanz nicht unbedingt zum Standardprogramm gehört. „Es gab Momente, da haben wir den Ball gut laufen lassen“, sagte der 60-jährige Niederländer zwar, dann aber zog er die Augenbrauen zusammen, machte ein ernstes Gesicht und erklärte: „Es waren auch Momente dabei – das war Kreisliga.“ Aber eigentlich doch egal, oder?

So könnte man zumindest urteilen, wenn man die Szenen erlebt hat, die sich nach der Partie des VfB Stuttgart gegen den Hamburger SV am Samstag in der Mercedes-Benz-Arena abgespielt haben. Wer die Tabelle der Fußball-Bundesliga nicht kennt, hat sich wohl gefragt, welcher Titel hier gefeiert wird. Der Jubel, der Gang der Profis zu den Fans, die innigen Umarmungen – alles hatte aber nur eine Ursache: riesengroße Erleichterung.

Seit 7. Dezember 2013 hatte der VfB zuvor nicht gewonnen gehabt, vor der Partie gegen den HSV stand der Club auf einem Abstiegsplatz, kein Wunder, dass Spielführer Christian Gentner hinterher sagte: „Es tat gut, in der Kabine zu sitzen und zu wissen, dass man mal wieder ein Spiel gewonnen hat.“ Das Wie war da tatsächlich erst einmal unwichtig. Aber nicht lange. denn nicht nur Trainer Huub Stevens weiß: Schafft der VfB in den kommenden acht Spielen der Bundesliga keine spielerische Steigerung, war dieser ersehnte ­Erfolg gegen den HSV nicht viel wert. ­Entsprechend kritisch trat der Coach nach der Partie auch auf.

Natürlich freute sich auch Stevens über den ersten Erfolg in seinem zweiten Spiel als VfB-Trainer. Denn: „Ein Sieg war Pflicht. Wir sind sehr froh über die drei Punkte.“ Mit der Art und Weise, wie seine Mannschaft über weite Strecken der Partie aufgetreten war, war der Niederländer dagegen überhaupt nicht zufrieden. „Wir müssen viel mehr Vertrauen haben“, forderte er, beklagte die Unsicherheit seiner Profis und hoffte inständig, „dass uns dieser Sieg dieses Vertrauen gibt“.

Mit dieser Hoffnung steht er nicht allein, schließlich hat gerade die Tatsache, dass der VfB viele Punkte durch Gegentore in der Schlussviertelstunde hergeschenkt hat, Spuren hinterlassen. „Das ist unterbewusst in den Köpfen drin“, sagte Christian Gentner. Dass die Roten nun trotz großen Zitterns eine Führung endlich mal wieder ins Ziel gerettet haben, soll die nächsten Wochen ein wenig einfacher machen. „Es war wichtig, dass wir am Ende kein Tor mehr bekommen haben“, sagte Mittelfeldspieler Konstantin Rausch. Und sein Kapitän ergänzte: „Ich glaube, dass uns dieser Erfolg Selbstvertrauen gibt.“

Die am Samstag offensichtliche Angst im Spiel des VfB könnte also schon am Mittwoch (20 Uhr/Sky) im nächsten Schlüsselspiel beim 1. FC Nürnberg ein wenig weichen. Trainer Huub Stevens wird das Seine tun, um den verunsicherten Spielern weiter Selbstbewusstsein einzuimpfen. Bisher versuchte er es vor allem durch eine kompaktere Spielweise, die die Defensive schon entscheidend gestärkt hat. Erstmals seit dem 29. September 2013 (4:0 in Braunschweig) blieb der VfB gegen den HSV ohne Gegentor. „Wir haben jetzt eine ganz andere Ordnung auf dem Platz“, sagte Innenverteidiger Georg Niedermeier, „der Trainer legt sehr viel Wert auf Disziplin und dass alle elf Spieler erst einmal das eigene Tor verteidigen.“ Erst wenn Stevens merkt, dass sein Team nach hinten gut arbeitet, gibt er das Signal zum Aufbruch – so wie am Samstag, als er nach der Gelb-Roten Karte gegen HSV-Mittelfeldspieler Hakan Calhanoglu in Alexandru Maxim einen Offensivspieler für den defensiven Arthur Boka ins Spiel brachte.

Der Rumäne erzielte prompt das entscheidende 1:0, weshalb der VfB im Kampf gegen den Abstieg ein wenig durchatmen konnte. Gründe für noch mehr Erleichterung allerdings gibt es noch lange nicht. „Kampf bis zum Schluss“ war vor dem Heimspiel am Samstag in der Cannstatter Kurve zu lesen – es wird wohl das Motto in den letzten acht Spielen dieser Bundesliga-Saison. „Wir sind noch mittendrin im Kampf gegen den Abstieg“, sagte Christian Gentner. „Gegen Hamburg war es ein wichtiges Spiel“, ergänzte Konstantin Rausch und betonte: „Aber es kommen noch genug Endspiele.“ Das erste am Mittwoch in Nürnberg. „Da muss einiges besser werden“, forderte Stürmer Cacau.

Mit Kreisliga-Fußball gewinnt man in der Bundesliga schließlich eher selten.