Die Stuttgarter sind noch einen Sieg von der Champions League entfernt. Vor allem eine Weiterentwicklung im Vergleich zum Hoffenheim-Spiel könnte zum Trumpf werden.
Spiele gegen Bayer Leverkusen waren für den VfB Stuttgart zuletzt ja immer eine intensive Sache. Hart umkämpft, offensiv geführt – und über Jahre meist mit dem schlechteren Ende. In dieser Saison aber hat sich das Ganze gedreht, spätestens durch den 3:1-Heimsieg am Wochenende. Bei diesem bestimmte die Mannschaft von Trainer Sebastian Hoeneß das Geschehen mit zunehmender Spieldauer derart klar, dass der Stuttgarter Sportchef im Anschluss bei seiner Einordnung ins oberste Regal griff. „Es war eines unserer besten Saisonspiele“, betonte Fabian Wohlgemuth – um nachzuschieben: In diese Kategorie zähle für ihn auch das 4:1 im Hinspiel in Leverkusen.
Vom Angstgegner kann also keine Rede mehr sein, wobei die Deutlichkeit der Kräfteverhältnisse am Samstag schon überraschte. Zum einen, da zwei punktgleiche Tabellennachbarn aufeinandergetroffen waren. Zum anderen, weil der VfB in den vergangenen Wochen nicht immer am eigenen Maximum gespielt hatte. Vor allem in der ersten Hälfte im Auswärtsspiel bei der TSG Hoffenheim (3:3) nicht. Gerade die Partie in Sinsheim aber wirft als Vergleichspunkt ein klares Licht auf einen entscheidenden Stuttgarter Fortschritt im Schlüsselspiel gegen Bayer.
Zunächst: Dass der VfB offensive Wucht entwickeln und Chancen erspielen kann, hat keinen Neuigkeitswert. Das ist die gesamte Saison schon so, das war auch in der Vorwoche gegen die TSG so. Im Duell mit den Leverkusenern aber schalteten sämtliche Akteure in den weißen Trikots in puncto Aggressivität und Energielevel mehrere Gänge hoch, sodass die Spielstärke der Gäste nie wirklich zur Entfaltung kam.
Sebastian Hoeneß: „Eine überragende Defensivhaltung“
Ein Blick auf die Zahlen: 57 Prozent der Zweikämpfe gingen an den VfB, in der Luft waren es sogar 62 Prozent. Vielleicht die deutlichste Sprache spricht die Laufleistung. Gegen Hoffenheim hatten die Stuttgarter noch knapp acht Kilometer weniger abgespult – eine riesige Diskrepanz, die sich allenfalls teilweise durch die Unterzahl in der Schlussphase erklären lässt. Gegen Leverkusen wies die Statistik dagegen knapp vier Kilometer mehr für den VfB aus, der die Gäste permanent anlief und stresste.
So sahen auch beide Trainer im Anschluss die körperliche Wucht und Entschlossenheit als Schlüssel. Während Leverkusens Kasper Hjulmand die physische Überlegenheit des VfB anerkannte, konstatierte Hoeneß „eine überragende Defensivhaltung der gesamten Mannschaft“. Durch ihre Galligkeit kamen die Stuttgarter zu etlichen Ballgewinnen – und aus diesen heraus auch zu Chancen und Toren.
Den frühen Rückstand durch Aleix Garcia nach einem Ballverlust von Ramon Hendriks (1.) egalisierte der starke Ermedin Demirovic umgehend nach Zusammenspiel mit Nikolas Nartey mit einem Abschluss in die lange Ecke (5.), ehe Maximilian Mittelstädt per Foulelfmeter in der Nachspielzeit der ersten Hälfte und Deniz Undav nach scharfer Flanke von Jamie Leweling für den ganz wichtigen 3:1-Heimsieg sorgten.
Durch diesen hat der VfB nun im engen Rennen um den Einzug in die Champions League alles in der eigenen Hand. Die Stuttgarter liegen auf dem entscheidenden vierten Rang vor der punktgleichen TSG Hoffenheim, die das um fünf Treffer schlechtere Torverhältnis aufweist. Was wiederum heißt: Wenn die TSG am letzten Spieltag bei Borussia Mönchengladbach keinen Kantersieg mit sechs Toren Differenz landet, reicht dem VfB unabhängig von der Höhe ein Dreier bei Eintracht Frankfurt.
Nur: Diesen Sieg müssen die Stuttgarter erst einmal einfahren. Trotz der unruhigen Eintracht-Saison und der lauten Nebengeräusche rund um den polarisierenden Trainer Albert Riera wartet beim ambitionierten Tabellenachten in Hessen eine anspruchsvolle Aufgabe. Und eine, die zumindest auf dem Papier um einiges schwieriger ist als jene der Hoffenheimer in Mönchengladbach.
Die Sinne sind deshalb geschärft vor dem Königsklassen-Finale am Main. „Es ist noch lange nicht vorbei. Wir brauchen sehr wahrscheinlich ein Sieg“, sagt Wohlgemuth. Das Selbstvertrauen dafür ist aber ohne Einschränkung vorhanden. Man sei auch gegen Leverkusen unter großem Druck gestanden und damit gut klargekommen, so Wohlgemuth. „Wenn wir mit derselben Energie und der Willensleistung auftreten“, ergänzt Mittelstädt, „ist alles möglich“. Auch der Einzug in die Champions League.