Zum Haareraufen: Martin Harnik (li.) und Georg Niedermeier nach einer der vielen vergebenen VfB-Chancen gegen Köln. Foto: dpa

Viel Wut, aber wenig Mut beim 0:1 gegen Köln: Aufschwung beim VfB bleibt zartes Pflänzchen.

Stuttgart - Es war nur eine von vielen Szenen, doch die war symptomatisch für die gesamte Situation des VfB Stuttgart. Es war in der 78. Minute, als Christian Träsch präzise vors Kölner Tor flankte. Georg Niedermeier und Martin Harnik stiegen Seite an Seite zum Kopfball hoch - und behinderten sich gegenseitig. So sehr, dass die veritable Torchance jäh verpuffte. Wie ein halbes Dutzend Möglichkeiten davor und ein paar danach. Man könnte auch sagen: Der VfB steht sich zurzeit mal wieder selbst im Weg, was die Analyse des schon wieder gebremsten Aufschwungs unter dem neuen Trainer Jens Keller nicht einfacher macht. Zielführende Antworten zu geben fällt auch den Strategen vom Cannstatter Wasen schwer.

Die einleuchtendste Antwort ist die einfachste - und in der Umsetzung zugleich die schwierigste: "Wir brauchen Punkte, Punkte, Punkte", sagt Keller. Denn die Lage ist prekär. Mit elf Punkten steht der VfB nach 13 Spieltagen auf Platz 16 - identisch mit der Situation in der vergangenen Saison. Nur: Im Vergleich zu damals hat der Verein den Joker mit einem Neuanfang unter einem neuen Trainer bereits vollzogen - und die Mannschaft hat an Klasse beträchtlich eingebüßt. "Es geht gegen den Abstieg, wir müssen uns keine anderen Ziele setzen", sagte Torhüter Sven Ulreich ernüchtert.

Fakt beim 0:1 gegen den 1. FC Köln war: Der VfB trat seltsam verhalten auf, fast ängstlich und keineswegs mit dem Selbstbewusstsein ausgestattet, das man nach zuletzt zwei Siegen und einem Unentschieden erwarten konnte. Dennoch tauchten die Roten so häufig vor dem Tor des Tabellenletzten aus der Domstadt auf, dass es nur eine Frage der Zeit schien, wann die Treffer fallen würden. Sie fielen nicht - was dann auch die schier grenzenlose Wut auf den Schiedsrichter Christian Dingert und den unberechtigten Foulelfmeter relativierte, den Lukas Podolski nach 82 Minuten zum siegbringenden 1:0 für die Kölner verwandelte. Längst hätte der VfB die Partie bis dahin entscheiden können. Aber wie gesagt: Er steht sich zurzeit mal wieder selbst im Weg.

Mühsamer Weg aus dem Sumpf

Deshalb deckt die Frage, ob er nach zwölf Treffern in den drei vorangegangenen Partien nur Pech beim Torschuss hatte, nur einen Teil der Wahrheit ab. Liegt es nicht doch an der mangelnden (Führungs-)Qualität? Das beginnt beim Abwehrchef Matthieu Delpierre, zu dessen Aufgaben es gehört, dass er die Mannschaft nicht zu tief stellt, führt über die mangelnde Kreativität im Mittelfeld zur fehlenden Abgezocktheit vor dem gegnerischen Tor und endet beim Rechtsverteidiger Stefano Celozzi, der gegen Lukas Podolski heillos überfordert war. Und jeder Einzelne muss sich fragen, ob er genügend Mumm und Leidenschaft aufbringt, die es im Kampf gegen den Abstieg braucht. Also: mehr Mut und dafür weniger Wut. "Ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen, sie hat bis zuletzt alles versucht", sagte Sportdirektor Fredi Bobic.

Im Scherz riet der ehemalige Stürmer seinen Nachfahren im Trikot mit dem Brustring, diese Woche im Training "aufs leere Tor zu schießen", damit die Selbstsicherheit beim Abschluss zurückkommt. "Wir stecken im Sumpf und müssen uns selbst rausziehen", sagte Bobic. Das wird ein mühsamer Weg. Der Aufschwung unter Jens Keller ist und bleibt ein zartes Pflänzchen. "Wer jetzt meint, nach zwei Siegen sind wir unten raus, der ist fehl am Platz", sagte Georg Niedermeier.

Der Trainer sieht "kein Problem", die Spieler wieder aufzurichten: "Köln hat uns ja nicht auseinandergenommen, wir sind ja nicht desolat aufgetreten", sagte Jens Keller. Das Bedenkliche: Es hat trotzdem gereicht, um gegen den Letzten zu verlieren.

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