Rund um einen Rücktritt aus dem Aufsichtsrat hat den VfB eine Diskussion ereilt, die in Stuttgart gar keine ist – oder doch? Es geht um Machtverhältnisse und Transparenz.
Die Vorwürfe wiegen schwer. Denn kaum ein anderes Thema im deutschen Profifußball ist emotional dermaßen aufgeladen wie die Diskussionen um die sogenannte 50+1-Regel. Eine Auflage, die den Investoreneinfluss bei den Bundesligisten klar beschränken soll, um den Vereinen und ihren Mitgliedern das Heft des Handelns in der Hand zu lassen.
Groß angelegte Protestaktionen in den Fankurven gab es deshalb schon, wütende Aufmärsche von Ultras und immer wieder Transparente in den Stadien. Sie alle mahnten eine konsequente Umsetzung der Vorgaben an, die durch die Deutsche Fußball-Liga (DFL) festgelegt wurden. Die Mitgliedschaft soll das Sagen in den Vereinen haben – und nicht das Kapital. Und jetzt führte Beate Beck-Deharde in ihrem Rücktrittsschreiben aus, dass „die viel zitierte 50+1-Regelung beim VfB Stuttgart aus meiner Sicht inzwischen nur noch auf dem Papier“ existiere.
Beispiele, an denen sich die Behauptung festmachen ließe, nannte die bisherige Aufsichtsrätin nicht. Dennoch trifft Beck-Deharde einen heiklen Punkt, da sich der VfB mit den beiden Autoherstellern Mercedes-Benz Group und Porsche AG (jeweils 10,4 Prozent) sowie dem Sportausrüster Jako (etwa ein Prozent) drei Anteilseigner in das Clubhaus mit dem roten Dach geholt hat – und alle verstehen sich als Partner, die den VfB unter Einhaltung aller Vorschriften vorwärts bringen wollen. Erst kürzlich erklärte der VfB-Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle unserer Redaktion die weiß-rote Grundsatzposition dazu: „Wir haben uns eindeutig zur 50+1-Regel bekannt. Sie tut dem Fußball in Deutschland gut und ist ein Alleinstellungsmerkmal in Europa.“
Prompt haben Beck-Dehardes Einlassungen beim VfB zu einer Reaktion geführt, die es an Deutlichkeit kaum vermissen lässt. Zum einen, um der DFL zu signalisieren: Es läuft nichts falsch, sondern alles korrekt. Zum anderen, um den Geldgebern zu demonstrieren: Wir stehen zu euch. „Auch inhaltlich verwahren wir uns in aller Klarheit gegen die getroffenen, falschen Aussagen. Die 50+1-Regel ist und bleibt beim VfB Stuttgart vollumfänglich gewahrt“, betonte Präsident und Aufsichtsratschef Dietmar Allgaier in einer Mitteilung.
Zuletzt waren bei der Zusammensetzung des Präsidialausschusses im Aufsichtsrat Ende 2024 die Machtverhältnisse von der DFL hinterfragt worden, da Lutz Meschke von Porsche als vierter Mann hinzukam. Durch das Doppelstimmrecht des Präsidenten Allgaier (plus der Stimme von Vize Andreas Grupp) behält aber auch hier der Verein die Mehrheit gegenüber den Investorenvertretern von Mercedes und Porsche.
Also wie kommt Beck-Deharde, die 2022 einen Sitz im Kontrollgremium der VfB AG erhielt, überhaupt zu ihrer Einschätzung? Viele sehen darin einen letzten, ideologisch motivierten Gruß, ehe die Unternehmerin aus Frickenhausen ihr Amt niederlegte. In der Linie von Ex-Präsident Claus Vogt, der vor seiner Absetzung als Aufsichtsratsvorsitzender ähnliche Vorwürfe erhoben hatte. Dies war im Zuge des Porsche-Einstiegs beim VfB erfolgt und der später abgewählte Vogt hatte Beck-Deharde einst als Vereinsvertreterin in den Aufsichtsrat berufen. Auch, weil sie Überzeugungen teilen.
Wohl als letzte Kritikerin des Vorstands hat sich Beck-Deharde in den vergangenen Monaten verstanden. Sie sieht den VfB trotz des sportlichen Erfolges wirtschaftlich in eine Schieflage driften. „Leider ist in letzter Zeit der Eindruck entstanden, dass der Vorstand zunehmend versucht, den Aufsichtsrat zu beeinflussen und in eine von ihm gewollte Richtung zu lenken“, meinte sie. Auch diesen Vorwurf konterte der VfB: „Getroffene Feststellungen sind substanz- und haltlos und greifen die Integrität der Gremien, Ämter und Personen an. Personelle Veränderungen werden vielmehr der stabilen, förderlichen Kultur Rechnung tragen, die nun endgültig einkehrt“, so Allgaier.
Offenbar gab es schon seit geraumer Zeit einen Vertrauensverlust in der Zusammenarbeit. Weshalb das VfB-Präsidium Beck-Deharde offenbar der Rücktritt nahelegen wollte. Mit ihrem freiwilligen Rückzug kam sie dem Gespräch zuvor. Sicher auch, weil sie in den meisten Fällen mit ihren Ansichten und Vorstößen im Aufsichtsrat zuletzt alleine dastand. Zum Beispiel, als sie eine externe Revision der Finanzen initiieren wollte. Abgelehnt, hieß es am Ende.
Nun beklagte Beck-Deharde eine „inakzeptable Intransparenz“, einen „Mangel an klaren und verbindlichen Prozessen“ und eine „unausgewogene Informations- und Diskussionskultur“. Hintergrund: Unterlagen seien erst spät zur Einsicht vorgelegt worden. Doch auch diesen Punkt lässt der VfB nicht so stehen. Beck-Dehardes Vorgehensweise widerspreche „der beim VfB wieder eingekehrten konstruktiven und vertrauensvollen Zusammenarbeit“. Zumal der Aufsichtsrat einen Finanzausschuss einrichten will, um mehr Transparenz zu garantieren und eine bessere Kontrolle zu erreichen.