Vier seiner sechs Saisonniederlagen kassierte der VfB Stuttgart ohne seinen Top-Torjäger. Wie groß ist der Guirassy-Faktor angesichts der aktuellen Torflaute? Stürmer-Kollege Deniz Undav zeigt sich selbstkritisch.
Natürlich ging es am Samstagabend auch wieder um ihn. Um Serhou Guirassy, den Super-Torjäger dieser Saison. So wie es bei Spielen des VfB Stuttgart in dieser Spielzeit eigentlich immer um Serhou Guirassy geht; ganz gleich, ob er dabei ist oder nicht. Von einem weiterhin „guten Austausch“ mit dem guineischen Fußballverband und Vor-Ort-Rehatrainer Martin Franz berichtete Sportdirektor Fabian Wohlgemuth nach der 0:1-Niederlage in Bochum, wo der 17-fache Torschütze einmal mehr vermisst wurde.
Beim Afrika-Cup hat es der 27-Jährige im letzten Spiel immerhin zurück auf die Bank geschafft. Die Oberschenkelprobleme sind so weit abgeklungen, dass es für Guirassy zumindest zu einem Kurzeinsatz gereicht hätte.
Angesichts der fast sicheren Qualifikation Guineas für das Achtelfinale (die besten Gruppendritten kommen ebenfalls weiter), spricht vieles dafür, dass Nationaltrainer Kaba Diawara seinem Angreifer im abschließenden Gruppenspiel gegen Titelverteidiger Senegal (Dienstag, 18 Uhr) erneut die Jokerrolle überlässt. Es gilt, mit Blick auf den weiteren Turnierverlauf kein Risiko einzugehen. Außerdem hat Ersatzmann Mohamed Bayo den Nummer-eins-Stürmer bisher gut vertreten. Bei Guinea ist auch ohne Guirassy alles im Fluss.
„Wir müssen die Dinger halt mal machen“
Was man von dessen Arbeitgeber nicht behaupten kann. Beim 0:1 in Bochum scheiterte der VfB einmal mehr an seiner Abschlussschwäche – deutlicher noch als beim vorangegangenen 1:3 in Mönchengladbach. 19 zu sechs Torschüsse sagen eigentlich alles. Die Guirassy-Statistik sagt nicht alles, aber viel. Es war die vierte von sechs Niederlagen, bei der der Torgarant der Hinrunde nicht mit von der Partie war. Was folgende Frage nach sich zieht: Ist der VfB ohne Guirassy nur die Hälfte wert? Oder weniger zugespitzt: Was fehlt der Mannschaft ohne ihren Goalgetter?
In Bochum agierte Guirassys kongenialer Sturmpartner Deniz Undav anders als noch in Mönchengladbach. Mehr wie ein echter Mittelstürmer mit vielen Strafraumaktionen und weniger zurückgezogen. Die Bochumer mit ihrer Manndeckung machten ihm das Leben schwer. Dennoch kam Undav zu Vorlagen und Abschlüssen. Zu sehr vielen sogar. Sein Expected-Goals-Wert (Wert der erwartbaren Tore auf Basis der Chancenqualität) lag am Ende bei 0,6. Der Ertrag bei null.
„Wir müssen“, sagte Undav in der ihm eigenen Klarheit, „die Dinger halt mal machen.“ Und fing selbstkritisch bei sich an. „Speziell ich muss auch mal mit der ersten Chance das 1:0 erzielen.“ Dann läuft bekanntlich vieles einfacher.
In Mönchengladbach wie in Bochum lief der nach wie vor Tabellendritte hingegen jeweils einem Rückstand hinterher. Die Steigerung zum ersten Spiel des Jahres war, dass es den Stuttgartern in Bochum gelang, sich schneller und direkter in den Strafraum zu kombinieren. Und: den Ball auch aufs Tor oder zumindest Richtung Tor zu bekommen. „Drei, vier Hundertprozentige“, zählte Kapitän Waldemar Anton am Ende auf. Nur: „Der Ball wollte einfach nicht rein.“
An der Qualität der Abschlüsse lag es nicht
Tatsächlich waren viele Abschlüsse qualitativ nicht schlecht. Jamie Leweling zielte mit einem strammen Flachschuss haarscharf am langen Pfosten vorbei. Genauso Angelo Stiller mit einer gefühlvollen Direktabnahme. Undav und Anton fanden ihren Meister einige Male im starken Bochumer Torhüter Manuel Riemann. Antons Forderung mit Blick auf das Spiel gegen RB Leipzig am Samstag (15.30 Uhr): „Wir müssen das Tor erzwingen.“
Nur, wie soll das gehen: Das Tor erzwingen? Leichter gesagt als trainiert. Genau genommen lässt sich die vielfach bemühte Effizienz vor dem Tor weder in Testspielen simulieren noch trainieren. Im Ernstfall kommt es doch wieder ganz anders. Das weiß jeder Fußballer. „Im Training machen wir die Dinger rein“, sagte Undav und blickte so, wie man den Stürmer bisher überhaupt nicht kannte: ein wenig ratlos. „Im Moment fehlt uns einfach auch das Glück.“
Niemand weiß, in welchem Zustand Guirassy vom Afrika-Cup zurückkehrt
Und Serhou Guirassy. Wobei nicht vergessen werden darf, dass der Torjäger seit seiner ersten Oberschenkelverletzung Ende Oktober nicht mehr die Sterne vom Himmel schoss. In den letzten Spielen des Jahres ließ er etliche (Groß-)Chancen liegen. Guirassys Bilanz nach der Verletzung: drei Tore in sechs Spielen. Und niemand weiß, in welchem Zustand der 27-Jährige vom Afrika-Cup nach Stuttgart zurückkehrt – und wie lange der Oberschenkel dieses Mal hält. Insofern gilt das, was Deniz Undav sagt: „Wenn uns Schlüsselspieler fehlen, müssen wir es als Mannschaft besser auffangen.“