Mittelfeld-Regisseur Asgeir Sigurvinsson absolvierte zwischen 1982 und 1990 in Summe 240 Pflichtspiele für den VfB. Foto: Imago/Liedel

Asgeir Sigurvinsson wurde mit dem VfB 1984 deutscher Meister – und Pokalsieger in drei Ländern. Jetzt wird der Ex-Kapitän aus Island 70 Jahre alt, und verfolgt die Stuttgarter vor dem Pokalfinale in Berlin ganz genau.

Er war in den Achtzigerjahren einer der besten Mittelfeldspieler der Bundesliga – und wurde nach einer dürftigen Saison beim FC Bayern von 1982 an in Stuttgart zur Legende: Asgeir Sigurvinsson. Er ist Ex-Kapitän des VfB, wurde zu Islands Fußballer des 20. Jahrhunderts gewählt. An diesem Donnerstag feiert er seinen 70. Geburtstag – und geht fest von einem DFB-Pokalsieg gegen Arminia Bielefeld aus.

 

Herr Sigurvinsson, diese Frage muss zum Einstieg sein: Wie ist das Wetter auf Island?

Richtig gut. Wir hatten in diesem Jahr einen sehr sehr schönen März und April, mit Temperaturen um die acht, neun Grad. Für isländische Verhältnisse ist das viel. Täglich um 11 Uhr kommen ein paar Freunde bei mir vorbei. Dann gehen wir zusammen fünf Kilometer spazieren. Dazu beginnt hier jetzt die Golfsaison. Es wird mir also nicht langweilig.

Sie haben zwischen 1982 und 1990 in 240 Pflichtspielen als Ideengeber im Mittelfeld für den VfB gespielt, waren auch der Kapitän. Verfolgen Sie aktuell die Spiele des Vereins?

Ich bin im Jahr drei- bis viermal in Stuttgart, zuletzt im Februar beim 1:3 gegen den FC Bayern, davor im November 2024 in der Champions League gegen Atalanta Bergamo. Da ich auf Island jedes VfB-Spiel sehen kann, bin ich gut informiert. Ich habe zudem im vergangenen September noch eine knappe Halbzeit lang für die VfB-Traditionsmannschaft gespielt. Mit Karlheinz Förster als Trainer, Hansi Müller oder Guido Buchwald sind viele alte Freunde dabei.

Wie schätzen Sie die Lage beim VfB ein?

Der VfB hat in der vergangenen Saison über seine Verhältnisse gespielt. Es war zu schön, um normal zu sein. Dann hat der Verein ein Problem bekommen, das nicht neu für ihn ist: Die besten Spieler gingen weg. Diesmal waren es Serhou Guirassy, Hiroki Ito und Waldemar Anton. Aber der VfB spielt auch in dieser Saison sehr oft einen schönen Fußball. Auch wenn in der Bundesliga mehr drin wäre.

Dafür trifft der VfB im Pokalfinale in Berlin auf Arminia Bielefeld, der Sieger qualifiziert sich für die Europa League. Eine besondere Chance für den Club?

Auf jeden Fall. Der VfB braucht Europa, um wieder mehr Stabilität zu bekommen. Schließlich will man langfristig erfolgreich sein. Dazu muss man das DFB-Pokalfinale gegen die Arminia gewinnen. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass dies gelingt. Wenn das Spiel auf der Bielefelder Alm stattfinden würde, wäre es etwas anderes. Aber im Olympiastadion ist der VfB der klare Favorit.

Sie sind 1984 mit dem VfB deutscher Meister geworden – und haben selbst eine lange Pokalhistorie.

Der Meistertitel unter Trainer Helmut Benthaus, der wie ich 1982 nach Stuttgart kam, war natürlich ein absoluter Höhepunkt meiner Karriere. Wir haben damals eine 32-jährige Durststrecke beendet. Auch an die beiden Finalspiele im Uefa-Cup gegen den SSC Neapel mit Diego Maradona 1989 denke ich gerne zurück. Dazu bin ich in drei Ländern Pokalsieger geworden: auf Island, in Belgien und Deutschland. Allerdings nie mit dem VfB. 1986 haben wir mit Stuttgart in Berlin das Endspiel mit 2:5 verloren. Die Bayern waren damals einfach zu stark.

1982 sind Sie im Frankfurter Waldstadion mit den Münchnern selbst Pokalsieger geworden. Können Sie sich erinnern?

Sehr gut sogar. Ich habe zwar nicht gespielt. Aber es war das Endspiel gegen den 1. FC Nürnberg, in dem Dieter Hoeneß mit Turban ein Kopfballtor zum 4:2-Endstand gemacht hat. Ich habe bis heute ein sehr gutes Verhältnis zu Dieter, der ja der Vater des aktuellen VfB-Trainers Sebastian Hoeneß ist. Er war mein Mitspieler – und ab 1990 beim VfB im Management tätig. Für ihn war ich auch als Spielbeobachter tätig.

Hoeneß’ Bruder Uli hat Sie 1981 von Standard Lüttich, wo sie acht Jahre gespielt hatten, nach München geholt.

Eigentlich war ich mir schon mit dem 1. FC Köln einig. Doch dann hat mich der Uli angerufen. Beim FC Bayern war der Start allerdings schwierig. Ich hatte mit Lüttich, wo auch Ernst Happel mein Trainer war, den belgischen Pokal gegen Lokeren gewonnen, mich aber am Knie verletzt. Letztlich habe ich noch 16 Bundesligaspiele gemacht. Zudem standen wir im Europapokalfinale der Landesmeister, das wir aber gegen Aston Villa verloren haben.

Wieso folgte nach nur einem Jahr in München der Wechsel zum VfB?

Ich war bei den Bayern nur Ergänzungsspieler. Da kam mir das Angebot aus Stuttgart gerade recht. Die Förster-Brüder Bernd und Karlheinz haben über ihre Kontakte zur Nationalmannschaft vermittelt. Der VfB hat eine Million D-Mark an Ablöse bezahlt. Das war viel Geld. Ich habe diesen Wechsel nie bereut – und ich glaube, der VfB auch nicht.

Zumindest hatte Manager Uli Hoeneß bei seinem zweiten Anruf dann keinen Erfolg mehr.

Das stimmt. Er wollte mich Mitte der Achtziger nach München zurückholen. Aber da gab es keine Chance. Ich habe mich beim VfB sehr wohl gefühlt, habe eine Familie gegründet – und in Denkendorf zusammen mit meinem Mitspieler Kurt Niedermayer ein Doppelhaus gebaut. Dort habe ich lange Zeit auch einen Getränkemarkt geführt. Den habe ich inzwischen verpachtet.

1997 sind Sie mit der Familie zurück nach Island. Hatten Sie Heimweh?

Ich hatte 17 Jahre lang in Deutschland eine sehr schöne Zeit – und davor acht Jahre in Belgien. Aber hier ist meine Heimat. Mein Vater war Seemann, meine Mutter Hausfrau. Ich bin auf der Insel Vestmannaeyjar geboren – und habe dort auch Fußball gespielt. Gegen Hafnarfjördur haben wir im Sommer 1972 den isländischen Pokal gewonnen, ehe es auf der Insel im Januar 1973 einen großen Vulkanausbruch gab. Da mussten wir in die Hauptstadt Reykjavik flüchten.

Sie wurden zu Islands Fußballer des 20. Jahrhunderts gewählt, waren auch zweieinhalb Jahre lang Nationaltrainer. Wie hat alles begonnen?

Ich habe bereits mit 17 Jahren mein erstes A-Länderspiel für Island gemacht. Entdeckt wurde ich aber bei einem Junioren-Länderturnier in Italien. Als ich bei Standard Lüttich meinen ersten Profivertrag unterschrieb, war ich einer der ersten Isländer, die als Fußballer ins Ausland gewechselt sind.

Der Fußball hat sich über die Jahrzehnte unheimlich entwickelt. Was halten Sie als Mittelfeldspieler von Ihren Nachfolgern beim VfB?

Es ist eine andere Zeit. Nehmen wir Angelo Stiller und Atakan Karazor. Beide sind technisch perfekt ausgebildet, aber beide lieben den Kurzpass. Gerade Karazor spielt selten Bälle, die länger als zehn Meter sind. Wir haben früher viel mit Diagonalbällen und längeren Zuspielen in die Spitze agiert. Ein bisschen fehlt mir bei beiden der Drang zum Tor.

Wie werden Sie ihren 70. Geburtstag feiern?

Ich habe zwei Kinder, die beide in Stuttgart geboren sind, aber ebenfalls mit den insgesamt drei Enkelkindern auf Island wohnen. Wir fliegen zu einer gemeinsamen Feier im Familienkreis mit zwölf Personen in die Toskana. Es soll nichts Großes werden.