Immer wieder gelingen dem VfB in dieser Saison späte Siegtreffer. Die Ursachen sind vielfältig und beschränken sich nicht nur auf die Impulse durch Einwechselspieler.
Wer die bisherigen Spielverläufe des VfB Stuttgart in dieser Saison betrachtet, stößt auf einige wiederkehrende Regelmäßigkeiten. Zum einen: Die Mannschaft gewinnt ihre Partien oft knapp – in 17 Pflichtspielen gab es wettbewerbsübergreifend bereits sechs Siege mit genau einem Tor Unterschied. Zum anderen: Die Mannschaft gewinnt oft spät – in fünf Partien fiel der entscheidende Siegtreffer in der Schlussphase, erst nach der 75. Minute.
Die Chronologie der späten Siegtreffer seit Ende August: In der Bundesliga traf zunächst Chema (79.) beim 1:0 gegen Borussia Mönchengladbach, dann Josha Vagnoman (81.) beim 2:1 gegen den 1. FC Köln, daraufhin Deniz Undav (79.) beim 2:1 gegen den FSV Mainz 05 und schließlich erneut Undav (80.) beim 3:2 gegen den FC Augsburg am vergangenen Sonntag. Hinzu kommt die Partie in der Europa League gegen Feyenoord Rotterdam (2:0), die der VfB durch zwei späte Tore von Bilal El Khannouss (84.) und Undav (90.+1) auf seine Seite zog. In dieser Häufung sieht auch der Trainer keinen Zufall mehr, sondern ein wiederkehrendes Qualitätsmerkmal. „Das ist etwas“, sagt Sebastian Hoeneß, was uns gerade auszeichnet.“
Chris Führich sorgte zuletzt für Impulse von der Bank
Die Stärke in der Schlussphase ist auch deshalb eine Erwähnung wert, da der VfB ja ein straffes Pensum mit Spielen im Drei-Tages-Rhythmus zu absolvieren hat – was es zur Herausforderung macht, die Schlagzahl bis in die letzten Minuten hoch zu halten. Dass da frischer Wind durch Einwechselspieler hilft, liegt auf der Hand. Der VfB hatte den zuletzt, unter anderem Chris Führich tat sich dabei gegen Feyenoord und Augsburg hervor. „Wir bekommen gerade gute Impulse während der Spiele und haben Möglichkeiten, da noch mal nachzulegen“, sagt Hoeneß. „Das ist sehr wichtig für uns.“
Zugleich lassen sich die Endspurt-Qualitäten nicht alleine durch die Einwechselspieler erklären: Unter den späten Siegtreffern in dieser Saison findet sich nur ein Joker-Tor (das von Chema gegen die Gladbacher) und nur eine Joker-Vorlage (die von Führich gegen Feyenoord). Die weiteren Treffer und Assists in der Schlussphase gehen ausnahmslos auf das Konto von Startelf-Spielern – womit klar ist: Es muss noch weitere Gründe für die späten Tore geben.
Ein wesentlicher: Für Frische sorgen beim VfB nicht nur die Wechsel während der Spiele, sondern auch jene zwischen den Partien. Nie in seiner Amtszeit beim VfB rotierte Hoeneß so viel wie in den vergangenen Wochen, teils tauschte der Trainer die komplette Mannschaft aus, um stets ein hungriges und nicht überspieltes Team auf dem Rasen zu haben. Das wiederum setzt die nötige Breite des Kaders voraus. Diesen Test hat das Stuttgarter Aufgebot im bisherigen Saisonverlauf bestanden – wenngleich viele schwierige Aufgaben noch ausstehen, da der VfB bislang erst gegen eine Mannschaft (beim 1:3 bei RB Leipzig) aus den Top 8 der Tabelle gespielt hat. An der guten bisherigen Ausbeute ändert das dennoch nichts.
„Der Grund, dass wir da sind, wo wir aktuell sind“, sagt Hoeneß, „ist, dass jeder seinen Teil dazu beiträgt.“ Das sage man ja ganz gerne. „Aber bei uns trifft es nicht nur über Trainingseinheiten oder den Spirit zu, sondern über die Tatsache, dass fast jeder Spieler aus dem Kader auch seine Einsätze und Minuten hatte.“ Vereinzelte Ausnahmen gibt es, Silas zum Beispiel wartet seit Wochen auf seinen ersten Saisoneinsatz.
Was schließlich noch auffällt: Vier der fünf späten Siege holte der VfB vor eigenem Publikum, wo die Mannschaft mit der Energie von den Rängen eine besondere Heimstärke entwickelt hat – mit sieben Siegen in Serie. Für den Trainer hat das Ganze längst auch eine mentale Komponente. „Es ist ein gutes Gefühl zu wissen“, sagt Hoeneß, „dass man zu Hause Spiele ziehen kann hinten raus.“ Natürlich wachse mit jedem Sieg auch der Glaube an eine Wiederholung: „Wenn du es schon mal geschafft hast, denkst du: Okay, warum nicht noch mal?“ Die Folge: Mit 21 von 30 möglichen Punkten haben sich die viertplatzierten Stuttgarter in der Bundesliga eine starke Ausgangslage erarbeitet – ganz wesentlich aufgrund der späten Tore, ohne die man mit acht Punkten weniger auf dem neunten Rang stünde.