Unterschiedliche Spielertypen, mehrere Alternativen: Im Stuttgarter Abwehrzentrum hat sich zuletzt einiges getan. Was die einzelnen Profis auszeichnet und warum die Situation auch Herausforderungen mit sich bringt.
Noch sind die Eindrücke überschaubar, die Sebastian Hoeneß von seinen beiden neuen Schützlingen in der Innenverteidigung hat. Seit Montag arbeitet der Trainer des VfB Stuttgart mit Finn Jeltsch (18) und Luca Jaquez (21) zusammen, bringt ihnen die Grundzüge des Spielsystems näher, macht sich ein Bild. Das formiert sich trotz der Kürze der Zeit allmählich, beide seien „gute Typen“ und „voll im Saft“. Selbst ein Debüt bereits an diesem Samstag (15.30 Uhr) im Auswärtsspiel bei Borussia Dortmund ist denkbar – wenn auch nicht von Beginn an und in Abhängigkeit vom Spielverlauf. Fest steht aber für Hoeneß: „Wir werden die beiden in Kürze sehen.“
Das hätten vor zwei Wochen wohl weder Jeltsch noch Jaquez gedacht, die der VfB am letzten Tag des Transferfensters vom Zweitligisten 1. FC Nürnberg sowie vom Schweizer Erstligisten FC Luzern verpflichtet hatte. Der Wechselwunsch von Anthony Rouault brachte den Stein ins Rollen, die Stuttgarter reagierten auf den Abgang des Franzosen zu Stade Rennes mit dem Doppelschlag auf dem Transfermarkt – der nun zu einer neuen Konstellation im Abwehrzentrum führt.
Ameen Al-Dakhil fehlt aufgrund einer Zerrung
Zunächst rein quantitativ, da ein Innenverteidiger mehr als zuvor im Kader ist. Aber auch die Profile variieren stark. In Jaquez sieht Hoeneß „einen Athleten und harten Verteidiger“, während Jeltsch andere Eigenschaften mitbringe: „Er hat einen außergewöhnlich guten Spielaufbau und kommt häufig auch ohne Zweikampf aus, weil er Situationen antizipiert.“ Hinzu gesellen sich in Jeff Chabot (26) ein kopfball- und zweikampfstarker Abräumer, der zuletzt vom Außen- zum Innenverteidiger umgeschulte Ramon Hendriks (23) sowie Ameen Al-Dakhil (22). Der belgische Nationalspieler ließ seine Anlagen in puncto Passspiel und Tempo schon aufblitzen – fehlte aber bislang häufiger krank oder verletzt, als dass er auf dem Platz stand. So auch jetzt: Eine Zerrung zwingt Al-Dakhil zum Pausieren, sodass am Wochenende Chabot und Hendriks die beiden Plätze in der Innenverteidigung einnehmen dürften.
Und mittelfristig? Das ist völlig offen, der Konkurrenzkampf läuft längst. „Es geht immer um Leistung und darum“, sagt Hoeneß, „die Mannschaft auf den Platz zu bringen, von der ich überzeugt bin, dass sie das Spiel gewinnt.“ Wenn er zu dem Ergebnis komme, dass hierzu Jeltsch oder Jaquez gehörten, „dann habe ich überhaupt kein Problem, einen von beiden auch reinzuschmeißen.“ Vor Anrie Chase liegen sie jedenfalls in der derzeitigen Rangordnung, der Youngster durchläuft laut Hoeneß gerade „ein kleines Tief“ und soll in der U21 Spielpraxis sammeln. „Aber er ist voll auf dem Schirm und wird für uns auch wieder eine Rolle spielen.“
Damit ist die defensive Gesamtkonstellation schon eine grundlegend andere als in der Vorsaison, als man zur Vorhersage der Aufstellung in der Innenverteidigung keine prophetischen Fähigkeiten benötigte. Kapitän und Abwehrchef Waldemar Anton war gesetzt – daneben lief als linker Innenverteidiger in der Hinrunde fast immer Dan-Axel Zagadou auf, ehe nach dessen Verletzung Hiroki Ito in der Rückrunde seinen Platz einnahm.
Nach den schmerzlichen Abgängen von Anton und Ito wurden die Karten neu gemischt – und ein festes Duo hat sich noch nicht herauskristallisiert. In diesem Kalenderjahr zum Beispiel liefen die Stuttgarter noch nie zweimal in Folge mit denselben Innenverteidigern auf, was natürlich teils an der Rotation aufgrund der vielen englischen Wochen lag – aber eben auch daran, dass das Niveau eng beisammen ist und die Spielertypen unterschiedliche sind.
Hoeneß zum Spiel in Dortmund: „Es wird eine große Aufgabe“
Auf der einen Seite bietet diese Situation natürlich Chancen. Hoeneß kann seinen Akteuren auch mal Pausen gönnen und auf die Anforderungen reagieren, die durch die unterschiedlichen Gegner und Spielverläufe aufkommen. Selbst Chabot, der aufgrund seiner Physis und Erfahrung am ehesten als gesetzt gelten darf, musste in dieser Saison schon aus taktischen Gründen aussetzen gegen den 1. FC Union Berlin (3:2) und dessen wendige Stürmer – was zugleich aber die absolute Ausnahme bildete.
Zugleich, und in dieser Hinsicht ist die Lage nicht ohne Risiko, hat sich eine zweite feste Größe neben Chabot noch nicht aufgedrängt. Al-Dakhil fand bislang aufgrund der häufigen Ausfälle nie über längere Zeit seinen Rhythmus, den anderen Innenverteidigern im Kader fehlt noch die Erfahrung auf der großen Bühne: Hendriks steht bei 14 Bundesliga-Einsätzen, Jeltsch und Jaquez haben noch kein Spiel in einer der europäischen Topligen absolviert. An ihren glänzenden Perspektiven besteht kein Zweifel – aber eben auch nicht daran, dass im Hier und Jetzt eine Anpassungsphase an das nächste Level läuft.
Eine Duftmarke ist diesbezüglich am Samstag zu erwarten im Auswärtsspiel beim BVB, dessen Offensivqualität im Kader gerade vor heimischem Publikum oft zum Tragen kommt. „Du musst bereit sein, Druckphasen gemeinsam zu überstehen“, sagt Hoeneß, „es wird eine große und spannende Aufgabe.“ Auch und vor allem für die Innenverteidigung.