Für Kapitän Atakan Karazor war das Unentschieden gegen Union Berlin „ärgerlich und ernüchternd“. Foto: Baumann

Der VfB hat nicht nur laut Kapitän Karazor in allen drei Wettbewerben noch viel vor. Die Zeiten, in denen man mit Mittelmaß zufrieden war, sind in Stuttgart offensichtlich passé.

Es noch nicht allzu lange her, da legte Sebastian Hoeneß nach weniger erfolgreich verlaufenen Spielen gerne diese Platte auf: „Wir dürfen nicht vergessen, wo wir herkommen“, sagte der VfB-Trainer dann gerne – um daran zu erinnern, dass die Stuttgarter vor gar nicht allzu langer Zeit eine graue Maus und ein Abstiegskandidat im Bundesligageschäft gewesen sind. Man müsse daher mit dem Erreichten zufrieden sein.

 

Durch das 1:1 gegen Union Berlin vom Sonntagnachmittag hatte der VfB ja noch nicht mal verloren. Sondern er hatte nach den beiden großen Siegen bei Bayer Leverkusen (4:1) und Eintracht Frankfurt (3:2) zwar seine ersten Punkte liegen lassen – und dennoch die erste englische Woche des neuen Jahres mit stolzen sieben Punkten gegen starke Konkurrenz abgeschlossen. Trotzdem sagte Hoeneß mit Blick auf die Punkteteilung gegen die Eisernen aus Köpenick: „Unterm Strich sind wir gerade enttäuscht.“

Es hat sich also etwas gedreht im Selbstverständnis des VfB. Auch die eigenen, öffentlich formulierten Ansprüche sind gewachsen. So müsse das inzwischen auch sein, finden viele: Denn angesichts eines Kaders mit einem Gesamtmarktwert von 341 Millionen Euro könne es auch nicht sein, nur im Mittelfeld der Bundesliga-Tabelle mitzuschwimmen.

Nicht zuletzt der Pokalsieg aus der Vorsaison hat den VfB auch aus Sicht der nationalen Konkurrenz auf ein neues Niveau gehoben. Die Stuttgarter mit ihren diversen potenziellen WM-Fahrern, mit 13 A-Nationalspielern, so der allgemeine Tenor, gehören einfach ins obere Drittel der Bundesliga-Tabelle. „Der VfB hat ein starkes Team“, sagte Unions Trainer Steffen Baumgart: „Sie machen es dir nicht leicht.“

Auch international hat man beim VfB die Messlatte freiwillig ein Stückchen höher gelegt. So hat der Verein für Bewegungsspiele bereits vor der siebten von acht Partien der Ligaphase in der Europa League an diesem Donnerstag (21 Uhr/RTL) beim AS Rom die nächste K.o.-Runde mit dann nur noch 24 Teams erreicht.

Doch die Hoeneß-Elf will mehr: Mit einem Sieg in der Ewigen Stadt sowie einem weiteren Dreier in der abschließenden Heimpartie gegen die schwachen Young Boys aus Bern würde man als aktueller Neunter des Tableaus sicher unter den Top acht der Tabelle gelistet werden, stünde direkt im Achtelfinale – und hätte sich so die Play-off-Runde mit zwei weiteren englischen Wochen im Februar gespart. „Wir wollen ja in allen Wettbewerben große Schritte machen“, sagte der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth zur Motivation beim VfB, der sich in sämtlichen drei Wettbewerben ein starke Ausgangslage erspielt hat: „Und das Schöne ist ja auch, dass noch keine Tür versperrt ist.“

Auch Atakan Karazor will mehr, war daher mit dem Erreichten gegen die Berliner („Das Ergebnis ist ärgerlich und ernüchternd“) nicht zufrieden. Auch, weil Angelo Stiller den Ball in der 80. Spielminute freistehend drüber schoss. Alternativ hätte er auch auf den freistehenden Ermedin Demirovic quer legen können.

Das wäre das 2:0 und damit der dritte VfB-Sieg im dritten Spiel des Jahres verbunden mit Tabellenplatz drei gewesen. Aber auch Deniz Undav und Jamie Leweling hatten weitere Möglichkeiten liegen lassen. „Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir jetzt denken, es klappt alles von alleine. Da erwarte ich mehr Konzentration von den Jungs. So wie sie es von denen hinten erwarten“, sagte der 29-Jährige, „müssen die vorn beim letzten Pass und beim Abschluss konzentriert bleiben.“

Doch darüber hinaus blickt auch der Kapitän, der in seinen inzwischen sechseinhalb Dienstjahren noch die Zweitligazeiten beim VfB erlebt hat, positiv in die Zukunft: „Wir sind nicht nur gut gestartet: Jeder Spieler hat auch noch das Gefühl rüber gebracht: Wir haben als Team im Jahr 2026 noch viel vor.“