Der 29-Jährige will zeigen, dass er das Zeug zum Bayern-Torwart hat – aber auch andere Nationalspieler stehen am Sonntag in München unter strenger Beobachtung.
Alexander Nübel wird im Vorfeld nichts Außergewöhnliches tun. Trotz der Besonderheit des Spiels – oder gerade deshalb. Es passt nicht zu dem 29-Jährigen in Aufregung zu verfallen. Denn er ist bei seinen öffentlichen Auftritten wie bei seinem Torwartspiel: ruhig und sachlich. Der Schlussmann des VfB Stuttgart vollführt keine Extra-Hechtrollen, nur um eine bessere Figur abzugeben. Und er sagt nicht mehr als nötig, nur um sich besser darzustellen.
Dabei geht es für Nübel am Sonntag (17.30 Uhr) beim FC Bayern um viel. Sportlich, weil der Tabellendritte beim Bundesliga-Spitzenreiter um wichtige Punkte für die Champions-League-Qualifikation kämpft. Persönlich, weil es für die Leihgabe aus München zudem um seine ungeklärte Zukunft geht. Die Verantwortlichen an der Säbener Straße wissen ja zum einen immer noch nicht, ob Manuel Neuer den Posten zwischen den Pfosten weiter einnimmt, und sie wissen zum anderen immer noch nicht, ob Nübel das Zeug zum Bayern-Torhüter hat und dadurch im Fall der Fälle auf Neuer folgen soll. Zumal sie Jonas Urbig in ihren Reihen haben.
Die Tendenz geht im Moment zum Modell Neuer plus Urbig mit mehr Einsätzen für den 22-jährigen Ersatzmann. So oder so. Klar ist, dass es für den VfB eine bärenstarke Torhüterleistung braucht, um in der Allianz Arena zu bestehen. Keine Fehler, viel Präsenz – das ist es, was Nübel von sich erwartet und in München zeigen will. Das ist es auch, was die Bayern von Nübel sehen wollen – und bisher in großen Spielen (also gegen den Rekordmeister selbst) zum Teil vermissen.
Doch der Fokus richtet sich nicht nur auf den Keeper. Die anderen deutschen Nationalspieler aus Stuttgart müssen ebenfalls in herausragender Form liefern, wenn die Elf von Trainer Sebastian Hoeneß nicht wieder als Verlierer dastehen will. Angelo Stiller, Jamie Leweling, Chris Führich und Josha Vagnoman gehören zu den potenziellen WM-Kandidaten von Julian Nagelsmann.
Der Bundestrainer wird auf der Tribüne sitzen und beobachten, ob Stiller auch gegen die Bayern das Spiel mit seinen Pässen prägen kann. Oder, ob die Defizite des Mittelfeldstrategen im Bereich Dynamik und Defensive zum Tragen kommen. Nagelsmann wird sich außerdem anschauen, ob sich die Flügelstürmer Leweling und Führich gegen die bayerischen Außenverteidiger durchsetzen sowie ob Vagnoman (sofern er auflaufen darf) seinen Mann in der Verteidigung steht.
Natürlich hätte der Bundestrainer auch gerne gesehen, wie sich Deniz Undav behauptet. Doch der Torjäger hat den Schwabenblock aus den März-Länderspielen aufgrund seiner Gelbsperre gesprengt. Dennoch ist die Bühne für die Besten im Trikot mit dem Brustring bereitet. „Nirgendwo anders in der Liga kann man so gut Farbe bekennen, wie in der sportlichen Auseinandersetzung mit dem FC Bayern. Wir treffen auf das Maß aller Dinge in unserer Liga und auf eine Mannschaft, deren ohnehin riesiges Selbstbewusstsein noch einmal Auftrieb unter der Woche bekommen hat“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth.
Mit Sicherheit hat der Halbfinaleinzug in der Königsklasse gegen Real Madrid die Ausnahmekönner von Vincent Kompany in Hochstimmung versetzt. Zur Münchner Mentalität gehört unter dem belgischen Chefcoach allerdings Bodenhaftung. Sie sind im Hier und Jetzt verankert, und die Bayern können gegen den VfB die 35. Meisterschaft perfekt machen. Allein das ist Ansporn genug, ganz gleich in welcher Aufstellung.
„Wir werden einen Ausnahme-Sonntag benötigen und müssen unseren Fokus auf die eigenen Qualitäten scharf stellen. Die Mannschaft hat sich zuletzt gegen Hamburg in blendender Verfassung gezeigt und brennt darauf, dem Hinspiel etwas entgegenzusetzen“, sagt Wohlgemuth. Da hielten die Stuttgarter lange Zeit gut mit – und standen nach drei Toren des nach einer Stunde eingewechselten Harry Kane am Ende mit dem 0:5 enttäuscht da. „Das hat großen Eindruck hinterlassen“, sagt Hoeneß.
Die Bayern haben die Möglichkeit, personell auf oberstem Niveau nachzulegen oder von Anfang an ein paar Wechsel zu vollziehen. Wie zuletzt beim FC St. Pauli, als Kompany rotieren ließ. Und jetzt? Diesmal steckt der Südgipfel im Sandwich zwischen dem Real-Weiterkommen und dem DFB-Pokalhalbfinale gegen Bayer Leverkusen am Mittwoch. „Viel zu gewinnen gibt es“, sagt Kane mit Blick auf das ersehnte Triple aus Meisterschaft, Cupwettbewerb und Champions League (Paris Saint-Germain wartet).
Ob Kompany seine Spitzenkräfte nun schont, bleibt abzuwarten. Für Hoeneß’ eigenen Ansatz ist das ohnehin nicht ausschlaggebend. „Wir haben eine grundsätzliche Idee im Kopf. Da ist es irrelevant, ob Jamal Musiala oder Luis Diaz spielt. Wir können bei beiden von absoluter Weltklasse sprechen“, sagt der VfB-Trainer.