VfB-Angreifer Deniz Undav hat einen Lauf. Der Angreifer trifft im dritten Spiel in Folge, untermauert so seine Sonderstellung im Team. Die sich nicht nur auf dem Platz zeigt.
Welche Sonderstellung Deniz Undav im Kader des VfB Stuttgart innehat, zeigte sich am Abend des 1:3 (0:1) bei Real Madrid noch weit nach Mitternacht. Beim Bankett des Clubs mit dem Brustring waren mehrere Buffets aufgebaut. Eines für den Staff, die mitgereisten Fans und Funktionäre. Und eines für die Mannschaft. Für die Spieler gab es spartanisch Kohlenhydrate mit etwas Geschmack: Nudeln und Reis, wahlweise mit Tomatensugo oder Pesto. Alle anderen durften aus dem Vollen schöpfen. Iberico-Lende, Wolfsbarsch, diverse Beilagen – offenbar ganz nach dem Geschmack von Undav, der dort zuschlug.
Doch der Angreifer hatte eben am Abend zuvor auch eine außerordentliche Leistung abgeliefert. Die Kapuze seines Trainingsanzugs tief ins Gesicht gezogen, schlurfte er zu später Stunde durch die Mixed-Zone im Bauch der Mega-Arena in Madrid – und gab mit gebetsmühlenartiger Contenance Antworten auf Fragen, die nach einem solchen Auftritt eigentlich wirklich keiner mehr braucht. Wieso hat es denn nicht zu mindestens einem Punkt gereicht? Woran hat es denn gelegen? Undav war sichtlich niedergeschlagen. „Ich bin traurig. Denn hier war viel mehr drin“, sagte er mit leiser Stimme. Um sogleich den Knackpunkt anzusprechen: „Aber dafür hätten wir unsere Möglichkeiten besser nutzen müssen.“
Was Undav nicht sagte, aber meinte: Meine Kollegen hätten schon auch treffen dürfen. Etwa der völlig frei vor Thibault Coutois aufgetauchte Angelo Stiller. Oder Enzo Millot mit seinem Versuch in der Anfangsphase der Partie. Aber die Tore blieben aus. Ein weiterer Beweis für seine besondere Stellung – solche Standpunkte kann man sich nur herausnehmen, wenn man selbst abliefert.
Und das tat er. Denn nur Undav brachte sich zum Abschluss einer wahren Bilderbuchwoche für ihn selbst auf die Anzeigentafel in Madrid. Startelfdebüt in der Nationalmannschaft garniert mit einem Tor und einer Vorlage gegen die Niederlande. Der Führungstreffer beim 3:1 (1:1) gegen Borussia Mönchengladbach. Obendrauf kam noch der zwischenzeitliche Ausgleich gegen Real (Endstand 1:3).
Keine Frage, der Mann hat einen Lauf. „Stimmt schon, es war eine ganz ordentliche Woche für mich“, sagte er mit dem typisch schelmischen Undav-Lächeln auf den Lippen. „Aber lieber wäre mir gewesen, wir hätten hier was mitgenommen.“ Verdenken mochte ihm niemand seine Niedergeschlagenheit. Schließlich war der VfB auch dank seiner schlauen Performance nahe dran an einer Sensation im Bernabéu. Bewegte sich lange Zeit auf Augenhöhe mit dem amtierenden Champions-League-Sieger.
Undav spielte clever, setzte seinen Körper gut ein, band Gegenspieler, öffnete Räume und war so immer wieder der Schlüssel für die mutigen Offensivaktionen, mit denen der VfB dem weißen Ballett von Real Madrid die komplette Spielzeit über eine Aufgabe nach der anderen stellte. Auch die Fans goutierten das und ließen den Stürmer mit der Rückennummer 26 lange noch lange nach Abpfiff mit Sprechchören hochleben, als er beim TV-Interview direkt vor den Auswärtsblöcken im Bernabéu stand. Der Kopfballtreffer des VfB-Angreifers nach brachialer Vorlage von Jamie Leweling reichte aufgrund von Madrids Abgezocktheit am Ende dennoch nicht für den Punkt, der wohl nicht nur aus Stuttgarter Sicht verdient gewesen wäre.
Trotz sichtbarer Fitness-Schwierigkeiten in den ersten Spielen der Saison erhielt Undav von Trainer Sebastian Hoeneß den Vorzug vor Ermedin Demirovic, der in Madrid mit einem Platz auf der Bank Vorlieb nehmen musste. Er zahlte das Vertrauen zurück. Seine Sonderstellung zeigte sich an jenem Abend nach den Auftritten in der Arena und am Buffet dann noch einmal. Kurz vor dem Ende der Veranstaltung stand der Trainer auf, um „noch ein paar Worte zu verlieren“. Er dankte den Fans und ganz explizit seiner Mannschaft, die „uns allen einen unvergesslichen Abend beschert“ hatte. Dann entließ er alle, schickte die Truppe im Kollektiv ins Bett. Um ganz an Ende noch nachzuschieben: „Das gilt auch für dich, Deniz. Heute geht’s nicht mehr raus!“