Die Mannschaft von Sebastian Hoeneß zeigt Moral – und ein Mann sticht beim spektakulären 3:3 heraus. Wir analysieren das Spiel und den Spieler des Tages.
Der erste Weg hat Deniz Undav nach dem Abpfiff zu seinem alten Kumpel geführt. Der Stürmer ging auf Waldemar Anton zu, den Verteidiger von Borussia Dortmund und ehemaligen Mitspieler beim VfB Stuttgart. Beide umarmten sich – und doch war die Gefühlslage sehr unterschiedlich. Undav war beim 3:3 im Topspiel der Fußball-Bundesliga der Mann des Tages mit seinen drei Toren. Anton dürfte sich trotz des Unentschiedens mit seinen BVB-Kollegen wie ein Verlierer vorgekommen sein.
Die Dortmunder führten ja zur Pause mit 2:0 durch Treffer von Emre Can (34./Foulelfmeter) und Maximilian Beier (41.). Danach gelang Undav mit zwei Toren (47./70.) zunächst der Ausgleich, ehe der eingewechselte Karim Adeyemi die gelbe Wand im mit mehr als 80 000 Zuschauern besetzten Signal-Iduna-Park zum Beben brachte mit dem 3:2 (89.). Die Gastgeber schienen als Sieger vom Rasen zu gehen, doch das letzte Wort in der spektakulären Begegnung hatte wieder Undav (90.+1).
Ärger wegen des Elfmeterpfiffs
„Er ist so ein abgezockter Hund“, fasste der Dortmunder Beier seine Beobachtungen des Nachmittags zusammen. Clever erzielte Undav seine Tore – mit dem Rücken zum Tor, mit untrüglichem Instinkt im Strafraum und mit Übersicht. Dabei hatte der Stuttgarter im ersten Abschnitt noch den umstrittenen Foulelfmeter gegen Nico Schlotterbeck verursacht. Etwas ungestüm ging der VfB-Profi zu Werke. Schiedsrichter Benjamin Brand entschied auf Strafstoß und der Kölner Keller äußerte keinen Widerspruch. „Das war ein harter Pfiff gegen uns, da er das Spiel stark beeinflusst hat“, sagte der VfB-Trainer Sebastian Hoeneß.
Doch am Ende hatten Undav und Co. gut lachen. „Da warte ich nur auf einen Kontakt mit dem Gegner, um mich zu orientieren – weil die Verteidiger nur auf den Ball schauen“, meinte er zu seinem artistischen Anschlusstreffer, wobei er den BVB-Abwehrspieler Emre Can und Torhüter Gregor Kobel düpiert hatte. Seinen dritten Treffer, als er sich mit Ball im Strafraum um Schlotterbeck herumdrehte, bezeichnete Undav gar als „Weltklasse“. Hoeneß lobte den Mittelstürmer ebenfalls: „Es ist herausragend gegen solche Nationalspieler wie Schlotterbeck, Anton und Can drei Tore zu erzielen.“
Für Undav waren es in Westfalen die Tore fünf, sechs und sieben in den vergangenen sechs Partien. Als außerordentliche Empfehlung für Julian Nagelsmann wollte der Angreifer seine Leistung jedoch nicht verstanden wissen. Denn zuletzt hatte ihn der Bundestrainer nicht mehr für die Nationalmannschaft berufen. Ein Ärgernis für die ehrgeizige und vielseitige Offensivkraft. „Es ist jetzt zu früh, um über eine WM-Nominierung zu sprechen“, sagte der 29-Jährige, „ich muss konstant gut spielen und treffen, dann sehen wir weiter.“
Im ersten Abschnitt war Undav nicht zum Abschluss gekommen. Trotz der Stuttgarter Überlegenheit. Die Gäste zeigten dabei nicht nur die bessere Spielanlage, sondern sie traten auch mutiger auf als die Mannschaft von BVB-Coach Niko Kovac. Allerdings mangelte es bei aller Schönheit einmal mehr an der Durchschlagskraft beim VfB. „Da hat noch etwas die Überzeugung gefehlt“, sagte Hoeneß. Der Flügelflitzer Tiago Tomas kam dem gegnerischen Tor mit seinen Aktionen noch am nächsten.
Das sagt der Sportchef
„Bis zum 0:1 waren wir klar besser“, sagte Angelo Stiller, der im Mittelfeld den Takt vorgab. Mit dem Elfmeter gegen die Stuttgarter änderte sich jedoch das Bild. Plötzlich ging die Dortmunder Taktik auf. Die Kovac-Elf verzichtete großzügig auf Ballbesitz und lauerte auf Umschaltmomente. Denn den Ruckzuck-Stil beherrschen sie, den anspruchsvollen Tiki-Taka-Stil weniger. „In dieser Phase hatten wir auch Glück, dass uns das Spiel nicht komplett entgleitet“, meinte Hoeneß.
In der Kabine straffte sich der VfB dann noch einmal – und suchte gleich nach dem Seitenwechsel seine Chance. Der schnelle Anschluss stärkte laut Hoeneß den Glauben an eine Wende zusätzlich. Undav jubelte in diesem Moment nicht lange, sondern holte persönlich den Ball aus dem Netz. Weiter ging’s für die Stuttgarter. „Wir haben ein Spiel mit hohem Unterhaltungswert sehen können, mit rasanten Spielphasen und einer unglaublichen Moral, die unsere Mannschaft nach dem 0:2-Rückstand bewiesen hat, um hier so zurückzukommen“, bilanzierte der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth. Dank Undav, der sich nach seiner Umarmung mit Anton feiern lassen durfte.