Die Kosten beim Pokalsieger steigen und steigen. Doch der Vorstandschef Alexander Wehrle ist sich der Gefahr bewusst – und kontert die skeptischen Szenarien.
Alexander Wehrle kennt den Begriff noch aus seiner ersten Zeit beim VfB Stuttgart: die Champions-League-Falle. Damals war er noch Referent des Vorstands und diente vor allem dem Präsidenten Erwin Staudt als rechte Hand. Dabei geriet der Fußball-Bundesligist nur wenige Jahre nach der Meisterschaft 2007 in diesen Teufelskreis aus steigenden Kosten und verminderten Einnahmen, da sich die Mannschaft ab 2010 nicht mehr für die Königsklasse qualifizierte. Die Folge: der Club konnte sich den teuren und auf internationale Topspiele ausgerichteten Kader nicht mehr leisten.
Es hat lange gedauert, um endgültig aus der Abwärtsspirale zu kommen – und nun gibt es rund um den Wasen offenbar die Befürchtung, dass die Stuttgarter wieder ins Stolpern geraten könnten, wenn sie nicht dauerhaft den Sprung in die Champions League schaffen. Doch Wehrle gibt sich bei diesen skeptischen Szenarien gelassen und hält mit der weiß-roten Realität dagegen. „Wir befinden uns aufgrund unserer positiven Geschäftszahlen und des gestärkten Eigenkapitals in einer guten Ausgangslage, um weiter zu wachsen und die damit verbunden Kosten im Griff zu behalten – auch ohne in die Champions League zu kommen“, sagt der Vorstandsvorsitzende, der im Frühjahr 2022 vom 1. FC Köln zurückgekehrt ist.
Im vergangenen Jahr verbuchte die VfB AG im Geschäftsbericht 2024 auch aufgrund der Vizemeister-Saison Rekordergebnisse. Der Gesamtertrag belief sich auf knapp 300 Millionen Euro, und am Ende stand der höchste ausgewiesene Gewinn der Vereinsgeschichte: 15,4 Millionen Euro. In diesem Jahr werden die Zahlen für 2025 noch einmal weiter nach oben geschraubt. Das steht bereits fest und soll auf der Mitgliederversammlung im Detail veröffentlicht werden.
Es läuft also gut beim Pokalsieger. Sportlich wie wirtschaftlich. Der Gesamtmarktwert der Mannschaft beträgt beachtliche 383 Millionen Euro. Dennoch bewegt sich Wehrle mit Sportvorstand Fabian Wohlgemuth ständig im Spagat, um einerseits die Substanz zu erhalten und andererseits die Entwicklung voranzutreiben. Das kostet, da es zum Preis des Erfolgs gehört, dass Verträge zu verbesserten Konditionen verlängert werden, das Personal aufgrund der Mehrbelastung breiter aufgestellt wird und die Ablösesummen für passende Profis steigen.
Beispiel Deniz Undav. Für den Stürmer bezahlten die Stuttgarter 27 Millionen Euro an Ablöse, überweisen ihm seither ein Gehalt von viereinhalb Millionen Euro im Jahr – und in Zukunft soll das Salär noch höher liegen. Das spiegelt die gestiegenen Ansprüche wider, die auch Sebastian Hoeneß erhebt. Der Chefcoach strebt mit dem VfB in die Ligaspitze, um sich mit seiner Elf möglichst oft auf der Bühne der Besten zu präsentieren.
Gegen diese Ambitionen ist nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Nur: Auch sie treiben die Ausgaben nach oben. Allein das Gehaltsbudget beläuft sich auf 85 Millionen Euro jährlich. Wobei der VfB bei den meisten Spielerverträgen eine Bremse eingebaut hat: Das Grundgehalt wird der Teilnahme am internationalen Wettbewerb angepasst: In der Champions League erhalten Undav und Co. mehr als in der Conference League. Dennoch: Um dem Ehrgeiz des Trainers und des Teams gerecht zu werden sowie die Erwartungen der Fans und Funktionäre zu erfüllen, hat der VfB mächtig in Beine investiert. Etwa 180 Millionen Euro seit 2023.
Dieses Agieren auf dem Transfermarkt wird gerne unterschätzt. Nicht viele Erstligisten haben mehr Geld für Neuverpflichtungen ausgegeben. Zuletzt für Bilal El Khannouss. Zur Leihgebühr von drei Millionen Euro waren zur Festverpflichtung der Offensivkraft 18 Millionen Euro (plus Boni) fällig. Ein erheblicher Betrag, der zweierlei belegt. Erstens: die Stuttgarter sind handlungsfähig. Zweitens: es stellt sich dennoch die Frage, ob sie es in jedem Fall sein wollen.
Eine permanente Risikoabwägung bedeutet das für Wehrle, der kurzfristig handelt, aber mittelfristig plant. Die Strategie ist bis 2030 mit dem Aufsichtsrat abgestimmt. „Unser Geschäftsmodell basiert darauf, dass wir erfolgreich Fußball spielen wollen. Sollten wir uns nun in einem Jahr nicht für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren, dann befinden wir uns in einer Situation, in der wir ein negatives Geschäftsergebnis auch mal dulden können. Unser klares Ziel ist jedoch ein anderes: mindestens eine schwarze Null“, sagt der AG-Boss.
Es soll jedoch nicht unterschlagen werden, dass der VfB in der gleichen Zeitspanne höchste Transfereinnahmen generiert hat: 270 Millionen Euro etwa. Das garantiert einen Überschuss – und wer sich fragt, wohin die Woltemade-Millionen geflossen sind, erhält zur Antwort: zunächst in drei Spieler. Neben El Khannouss noch in Badredine Bouanani (15 Millionen Euro) und Jeremy Arevalo (sieben Millionen Euro).
Doch ein Teil der 85 Millionen Euro für Nick Woltemade ist nach guter, alter schwäbischer Kaufmannssitte gespart und für andere Bereiche verwendet worden. Der VfB wächst ja insgesamt, was die Angestelltenzahl von mehr als 450 Personen verdeutlicht. Nachwuchsarbeit, Frauenfußball, Internationalisierung, Digitalisierung, Nachhaltigkeit – das alles erfordert Personalressourcen.
Die neuen Möglichkeiten im Marketing durch den Stadionumbau führen ebenfalls zu mehr Aufwand – aber ebenso zu einem höheren Umsatz. Das Gleiche gilt für die Medienerlöse und das Merchandising. Da ist die Rede von jeweils zweistelligen Millionenbeträgen. Und die Sponsoreneinnahmen steigen zusätzlich. Sowie die Ticketeinnahmen durch das Plus an Europapokalspielen.
Da macht es sich bezahlt, dass der VfB in der nächsten Saison zum dritten Mal hintereinander international vertreten sein wird. Das gab es lange nicht und eröffnet gute Perspektiven. Auch durch den Einstieg von Porsche als Investor. „Wir haben in den vergangenen drei Jahren das Eigenkapital kräftig gestärkt – auf etwa 80 Millionen Euro. Das bedeutet aber nicht, dass wir dieses Geld auf dem Festgeldkonto haben. Es dient uns als starkes Fundament.“ Auch, um nicht in die Champions-League-Falle zu geraten.