Der VfB Stuttgart hat in dieser Saison eine besondere Qualität entwickelt: Das Team entscheidet Spiele oft spät. Aber: Auch die Go Ahead Eagles geben nie auf.
Der VfB Stuttgart betritt an diesem Donnerstagabend in der Europa League ja Neuland. Im Stadion De Adelaarshorst in Deventer war der Club bislang noch nie zu Gast. Aber: Man kann sich so in etwa vorstellen, was los sein wird in diesem kleinen, engen Kasten, wenn die Niederländer treffen. Oder wenn sie ein Spiel im letzten Moment doch noch auf ihre Seite ziehen.
Lediglich 10 400 Zuschauer passen in die Heimstätte der Go Ahead Eagles – und die wissen recht genau, wie sich das oben Beschriebene anfühlt. Denn: Die Adler aus Deventer sind durchaus Spezialisten für späte Treffer. Beispiele aus dieser Saison gefällig? Bitte sehr.
Beim 2:1 gegen Feyenoord traf Dean James in der 86. Minute zum 2:0. Das 2:2 gegen den FC Groningen besorgte Gerrit Nauber in der vierten Minute der Nachspielzeit. Gegen den SC Heerenveen fiel der Ausgleich durch Finn Stokkers in der dritten Minute der Extratime. Das 2:0 gegen den FC Zwolle besorgte Milan Smit per Doppelschlag in der 80. und der zweiten Minute der Nachspielzeit. Auch beim 2:1 in Athen traf der Niederländer spät in der 75. und 82. Minute. Und beim 1:1 gegen NEC Nijmegen war es Gerrit Nauber in Minute vier der Nachspielzeit, der den Ausgleich erzielte.
Der VfB Stuttgart sollte an diesem Donnerstagabend (21 Uhr) also auf der Hut sein – so lange, bis wirklich der Abpfiff ertönt. Oder das Team des Trainers Sebastian Hoeneß wendet zwei andere Varianten an. Die eine: Es entscheidet die Partie frühzeitig, sodass es völlig irrelevant ist, ob die Eagles am Ende noch einmal aufdrehen. Die andere: Der VfB trifft selbst spät zur Entscheidung. Warum? Weil er es kann.
Belastungen werden gut verteilt
„Das ist etwas, was uns gerade auszeichnet“, sagte Sebastian Hoeneß schon vor ein paar Tagen – und zwar im Rückblick auf die Partien seiner Mannschaft gegen Borussia Mönchengladbach (1:0), den 1. FC Köln (2:1), den 1. FSV Mainz 05 (2:1), Feyenoord Rotterdam (2:0) und den FC Augsburg (3:2). Alle diese Spiele hat der VfB durch Tore innerhalb der letzten Viertelstunde entschieden. Am vergangenen Wochenende ist dann noch ein besonders wertvolles Teilchen dieses Last-Minute-Puzzles dazugekommen.
Die Stuttgarter kassierten im Bundesliga-Auswärtsspiel bei Borussia Dortmund das 2:3 erst in der 89. Minute durch Karim Adeyemi – und kamen trotzdem noch zu einem Punkt. Deniz Undav traf in der dritten Minute der Nachspielzeit zum 3:3 – und sorgte dafür, dass anschließend zwar zum einen über seine drei Tore gesprochen wurde. Aber eben auch über die außergewöhnliche Moral seiner Mannschaft.
„Es ist positiv, dass wir bis zum Schluss an uns geglaubt und uns belohnt haben“, sagte Sebastian Hoeneß. „Wir haben eine unfassbare Moral gezeigt“, fand Deniz Undav. „Ich bin stolz auf das Team und jeden Einzelnen, wie wir uns zurückgekämpft haben“, sagte der Abwehrspieler Jeff Chabot. Und das Abwehrtalent Finn Jeltsch ergänzte: „Wir haben sehr viel Moral bewiesen.“ Die aber auch eine Grundlage brauchte.
Denn eine reine Willensleistung gelingt einem Team vielleicht einmal innerhalb weniger Wochen. Vielleicht auch ein weiteres Mal. Um auch am Ende einer Partie Spiele entscheiden zu können, ist aber mehr nötig als der pure Glaube an sich selbst. Fehlt es einer Mannschaft etwa an der nötigen Fitness, ist sie in den Schlussminuten nur selten fähig, einen Lucky Punch zu setzen. Beim VfB ist das derzeit nicht zu befürchten. So sind die Belastungen auch in intensiven Saisonphasen bisher gut verteilt worden. Zudem hatten einige Nationalspieler aufgrund der Nichtnominierung fürs Nationalteam wichtige Ruhephasen.
Ebenfalls wichtig: Wenn Wechsel doch mal nötig sind, muss Sebastian Hoeneß keinen Qualitätsverlust befürchten. Im Gegenteil kommen von der Bank immer wieder wichtige Impulse. „Wir haben viel Qualität, auch die Leute, die von der Bank reinkommen, bringen sehr viel Qualität rein“, sagte kürzlich Deniz Undav: „Das ist kein Qualitätsabfall.“ Die Breite des Kaders spricht im Moment also ebenfalls für den VfB.
Auch in Deventer? Auf dem Papier gehen die Gäste aus Stuttgart als Favorit in die Partie beim niederländischen Pokalsieger. Was nicht ausschließt, dass es dennoch eine knifflige Aufgabe werden kann. In einer besonderen Atmosphäre und gegen ein Team, das seinerseits nie aufgeben wird. Der VfB vertraut aber auf seine Stärke – und die Erfahrungen der vergangenen Wochen.
„Wir haben gezeigt, dass wir in der Lage sind, uns auch aus schwierigen Situationen herauszukämpfen“, sagt der Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt – und betont: „Wir wollen unseren Flow mitnehmen.“