An Bord des Flugzeugs nach Madrid ist die Stimmung auf dem Hinflug euphorisch: „Stuttgart kommt!“ – die Hymne des VfB läuft über die Lautsprecher der Chartermaschine. Foto: Felix Mahler

Rund 1000 Stuttgarter Fans reisen mit vier Chartermaschinen nach Madrid – und sind Teil eines unvergesslichen Auswärtsspiels. Auch wenn die Tagesreise zu den Fußballstars von Real ohne gebuchtes Hotelbett an den Kräften zehrt.

Es ist früher Mittwochmorgen in Madrid, 6.50 Uhr, um genau zu sein. Und vom Glanz der Königsklasse ist nicht mehr viel übrig geblieben. Eher, dass so eine Rückkehr auf die europäische Fußball-Bühne auch ganz schön anstrengend sein kann. Zumindest für jene 436 Passagiere, die nun am Flughafen Madrid-Barajas müde die Treppen zum Flieger nach oben gehen – und ihre Rückreise nach Stuttgart antreten.

 

Die kickenden Helden in Rot und Weiß, die am Abend zuvor den Königlichen von Real Madrid beinahe einen Punkt abgeknöpft haben, liegen mutmaßlich noch in ihren Hotelbetten. Sie werden später eine Trainingseinheit in Madrid absolvieren und dann gemeinsam mit der U19 des VfB in die Heimat zurückfliegen. Per Charter gehen nun, etwa acht Stunden nach dem Abpfiff im Estadio Santiago Bernabéu, auch jene 436 Passagiere auf die letzte Etappe ihrer Reise, die rund 24 Stunden zuvor begonnen hat.

Fast 15 Jahre lang haben die Anhänger des VfB Stuttgart warten müssen, ehe ihr Herzensverein zurückgeklettert ist auf die höchste europäische Fußballbühne. Champions League, Königsklasse, Hochglanz ohne Ende – und dann bescherte die Auslosung dem Brustringclub auch noch das größtmögliche Los gleich zum Start der Comebackmission: ein Auswärtsspiel bei Real Madrid.

Für die Mannschaft bestand fortan die größte Herausforderung darin: einen Weg zu finden, im Bernabéu zu bestehen. Für die Fans: ins Bernabéu zu kommen. Und nach Madrid. Das Kartenkontingent war knapp, die verfügbaren Linienflüge sehr begehrt. Gut, dass Andreas Armbruster und seine Mitstreiter eine weitere Möglichkeit boten.

„VfBaway“ nennt sich das kleine Unternehmen, das seit 1997 Auswärtsreisen für Fans des VfB Stuttgart organisiert. Und das wusste, dass es nun besonders gefordert ist. „Wir wurden“, sagt Andreas Armbruster, einer der „VfBaway“-Verantwortlichen, „förmlich überrannt.“ Zunächst wurde ein Charterflug von Stuttgart nach Madrid organisiert, dann der nächste, am Ende waren es vier – mit insgesamt rund 1000 Anhängern der Weiß-Roten an Bord.

Flugzeug Nummer 1 verlässt am Dienstagmorgen um 8 Uhr heimischen Boden. Männer und Frauen, Jüngere und Ältere – der VfB-Fan an sich lässt sich nicht in eine Schublade pressen. Sie alle aber eint, was seit der Auslosung für Tausende Fans gilt: Dieses Spiel darf man auf keinen Fall verpassen. „Das“, sagen Flo und Mark vom Fanclub „Gerschda Klopfer“, „wird ein Riesenspiel, ein Erlebnis – selbst, wenn wir 0:8 verlieren.“

16 Karten im Auswärtsblock hat ihr Fanclub aus Weilheim erhalten. Wie üblich, gingen diese priorisiert an Alles- oder Vielfahrer. Also an jene, die auch abseits der Höhepunkte in der Königsklasse den VfB immer oder oft auswärts unterstützen. Offiziell lediglich 3840 Tickets standen für Stuttgarter Zuschauer zur Verfügung. Entsprechend einfallsreich waren die Versuche, an weitere Tickets im Bernabéu zu kommen. Nicht wenige wurden dafür kurzerhand Mitglied von Real Madrid.

Auch solche sitzen nun in den Fanfliegern – und stimmen wieder und wieder den ultimativen Hit an: „Nach all der Scheiße, geht’s auf die Reise – Stuttgart international“. Schon kurz nach dem Start ist aber auch eine andere Melodie deutlich zu vernehmen: Die der Champions-League-Hymne. Da wird klar: Auch ein Smartphone-Lautsprecher kann für ordentlich Atmosphäre sorgen. Der Club-Song „Stuttgart kommt“ wird dann aber doch standesgemäß abgespielt – über die Lautsprecheranlage des Flugzeugs.

Reflexartig gehen die Schals der Passagiere nach oben – und Andreas Armbruster betont noch einmal, dass er niemals mit 1000 Fans und vier Charterflügen gerechnet hätte. Diese kleine Fehleinschätzung macht sich auch bei der Ausstattung der Reisegruppe bemerkbar. Den extra angefertigten Fan-Schal gibt es nur 250-mal. Nicht mal alle in Flieger 1 können also ihren Nacken wärmen.

In Madrid angekommen, erreicht ein Großteil der Fans aus den ersten drei Charterfliegern gegen Mittag die Plaza Mayor – die VfB-Supporter aus dem vierten Flieger haben noch etwas Verspätung. Die Cafés und Bars in den Gassen rund um den Platz sind zu diesem Zeitpunkt bereits in Rot getaucht. Überall wimmelt es von VfB-Fans, die sich mit wechselnden Gesängen von einem Außengastrobereich zum nächsten gegenseitig in Stimmung bringen.

Auch diverse TV-Teams sind vor Ort, während die Einheimischen das Szenario mit einem Mix aus Staunen und Verzückung via Handy filmen. Die fröhlichen und friedlichen VfB-Fans kommen bei den Madrilenen an. „Der VfB ist jetzt auch in Spanien ein Name“, wird der Real-Verteidiger Antonio Rüdiger nach Spielende sagen. Er hat einst beim VfB gekickt – den Stuttgartern aber mit dem Kopfballtreffer zum 2:1 für Real kurz vor dem Abpfiff die Tour vermasselt.

Das Bernabéu-Stadion als Sehnsuchtsort

Das kann um 16 Uhr noch niemand ahnen. Da versammeln sich viele weiß-rote Anhänger rund 600 Meter entfernt vom Stadion an einem Irish Pub, um den Rest des Weges gemeinsam zurückzulegen. „Der ganze wilde Süden, strahlt in Weiß und Rot“, singen sie auf der eigens abgesperrten Straße. Dann: Der erste Blick auf die Arena, den Sehnsuchtsort. Der nach recht peniblen Kontrollen endlich betreten wird.

Drinnen passiert dann das, was die VfB-Fans schon seit Jahren auszeichnet. Beste Stimmung, eine Explosion der Emotionen beim Treffer von Deniz Undav. Trotz großartiger Leistung wird es aber nichts werden mit einem Punktgewinn bei den Königlichen. 1:3 verliert VfB, aber die rund 10 000 Fans im Bernabéu spüren vor allem den Stolz, Teil eines außergewöhnlichen VfB-Abends gewesen zu sein. Der nun in seine Verlängerung geht.

Denn: Ein Hotelzimmer hat kaum jemand gebucht, der oder die in einem der vier Fanfliegern saß. Und so fluten die Fans des VfB zu morgendlicher Stunde das Terminal 1 des Madrider Flughafens. Allerdings: Mit erheblich weniger Schwung als noch bei der Ankunft. Viele versuchen, zumindest ein bisschen Schlaf zu bekommen. Die verhältnismäßig wenig Sitzmöglichkeiten sind schnell besetzt, und so verteilen sich die Menschen kreuz und quer auf dem Boden.

Dieser königliche Tagestrip, das wird nun klar, hat Kraft gekostet bei den rund 1000 Fanseelen aus den Fliegern Nummer 1, 2, 3 und 4. „Es war eine unvergessliche Reise“, sagt VfB-Fan Manu – und macht sich vielleicht am 22. Oktober wieder auf den Weg. Dann tritt der VfB bei Juventus Turin an.