Was bleibt zurück vom Auftritt des VfB Stuttgart bei Real Madrid? Die Gewissheit, dass auch das neu formierte Team mit den Besten mithalten kann. Und ein wohliges Europapokal-Gefühl, das nicht so schnell enden soll.
Es war schon weit nach Mitternacht, als Sebastian Hoeneß beim Bankett im festlichen Ambiente des Hotels Eurostar Suites Mirasierra noch einmal einen ausdrücklichen Dank formulierte. Den Dank an die Mannschaft. „Ihr habt uns alle einen unvergesslichen Abend beschert“, sagte der Trainer des VfB Stuttgart unter dem Applaus der geladenen Gäste. Ein unvergesslicher Champions-League-Abend, der nur deshalb nicht in einer magischen Nacht endete, weil Real Madrid eben Real-Madrid-Dinge tat. Also eben so das Nötigste – und die Gäste mit zwei späten Treffern von Antonio Rüdiger (83.) und Endrick (90.) zum 3:1-Sieg doch noch auf die Verliererstraße brachte.
Hoeneß‘ ambivalente Haltung speiste sich aus der „Enttäuschung über das Ergebnis“ genauso wie aus dem Stolz über den „großartigen Auftritt“ seiner Mannschaft. Tatsächlich hatten ihr diesen nicht alle Fans und Experten zugetraut. Der Saisonstart in die Bundesliga geriet holprig und hatte nach dem personellen Umbruch so manche Zweifel geweckt. In erster Linie an der defensiven Stabilität. Hinzu kommen die noch immer nicht ausgereiften Findungsprozesse im Angriffsspiel, das doch sehr auf den abgewanderten Serhou Guirassy ausgerichtet war.
Dass sich nun Undav und Ermedin Demirovic in der Guirassy-Nachfolgerrolle praktisch abwechseln, jeder auf seine Art und Weise, zeigt allein, wie sich die Mannschaft strukturell verändert hat. Einerseits. Und wie sie andererseits ihren Ballbesitz-Stil konserviert hat. Das klappte sogar gegen den größten und erfolgreichsten Club der Welt – im Bernabéu. Eine halbe Stunde lang gab der VfB den Königlichen Anschauungsunterricht darin, wie man den Ball unter Einbeziehung aller elf Spieler über möglichst viele Stationen Richtung gegnerisches Tor befördern und zu aussichtsreichen Abschlüssen kommen kann.
Bellingham lobt den VfB als „brillante Mannschaft“
Was auch Antonio Rüdiger im Kreise seiner madrilenischen Solokünstler beeindruckte. „Sie sind auch in Spanien angekommen“, lobte der Nationalspieler und frühere VfB-Profi die Stuttgarter in den höchsten Tönen. „Sie haben super gespielt und können erhobenen Hauptes nach Hause fahren.“ Ähnliches äußerten sich Superstar Jude Bellingham („Eine brillante Mannschaft“) und Trainer-Grandseigneur Carlo Ancelotti über den im galaktischen Real-Kosmos eher unbekannten Champions-League-Teilnehmer aus Alemania.
Einzig die Torabschlussschwäche erwies sich für die Herausforderer als großes Manko an diesem Abend. Bei 17 Torschüssen und einem xg-Wert von 1,83 (Wert der zu erwartenden Tore gegenüber 1,9 von Real Madrid) hätte weit mehr als nur der eine Kopfballtreffer durch Deniz Undav (68.) herausspringen müssen. Dass Madrids Torhüter Thibout Courtois anschließend zum Spieler des Spiels gekürt wurde, sagt einiges aus.
Hoeneß war es trotz allem wichtig, das theoretische Vorhaben der eigenen mutigen Spielweise tatsächlich in die Praxis umgesetzt bekommen zu haben. Schlotternde Beine sah er auf Stuttgarter Seite zu keinem Moment: „Wir haben auch auf europäischer Bühne gezeigt, wozu wir in der Lage sind. Und nicht nur in der Bundesliga.“
Der VfB will sich auch künftig mit den Größten messen
„Die Mannschaft hat gezeigt, zu was sie trotz der vielen Veränderungen auch in dieser Saison fähig sein kann“, ging Sportvorstand Fabian Wohlgemuth einen Schritt weiter. Der VfB will mit aller Macht beweisen, keine Eintagsfliege zu sein – das wurde in Madrid deutlich. Nach Europa gekommen, um zu bleiben, lautet das Motto des Vereins, der in diesem Sommer nicht umsonst 75 Millionen Euro in seinen Kader investiert hat. Die dritthöchste Transfersumme der Liga hinter dem FC Bayern und Borussia Dortmund. Wohlwissend, dass der Weg nicht jedes Jahr zwangsläufig in die Champions League führen wird.
Blut geleckt hat man freilich trotzdem. Alle waren sie beeindruckt, von der magischen Atmosphäre in der spanischen Hauptstadt. Vom umgebauten Bernabéu, der Kathedrale des Fußballs, das wie ein Ufo inmitten der Madrider Häuserschluchten auftaucht und das in seiner Größe und Anziehungskraft die meisten anderen Stadien Europas in den Schatten stellt. Von den Begegnungen mit Spielern wie Vinicius Junior und Kylian Mbappé. Kurz: von dem ganzen Mythos Real Madrid, den der Club aus Cannstatt mit all seinen vielen Fans an diesem Abend genüsslich aufsog.
Jeff Chabot hat keine Lust auf Trikottausch
Dass man trotz allem nicht die Bodenhaftung verlieren und den Fokus schnell wieder auf den Bundesliga-Alltag richten möchte – am Sonntag (17.30 Uhr) kommt Champions-League-Finalist Borussia Dortmund nach Stuttgart – machte Abwehrspieler Jeff Chabot deutlich. Auf die Frage, mit welchem der Stars er sein Trikot getauscht habe, antworte der frühere Kölner mit dem nötigen sportlichen Ehrgeiz trocken: „Wenn ich verliere, habe ich keine Lust auf Trikottausch.“ Selbst, wenn der Gegner Real Madrid heißt.