Seit vergangenem Wochenende lädt die Schwenninger Vesperkirche Menschen unterschiedlichster Herkunft zu einer warmen Mahlzeit ein. Doch es ist nicht nur das Essen, warum die Pauluskirche täglich gut gefüllt ist. Die Gäste erzählen.
In der ersten der drei Vesperkirchen-Wochen sei der Andrang wie erwartet noch nicht so groß, kann Hans-Ulrich Hofmann, Mit-Initiator der 22. Ausgabe des Sozialprojekts, der an diesem Mittwoch den sogenannten Begrüßungsdienst übernimmt und am Eingang steht, aus der Erfahrung der ersten vier Tage berichten.
Dennoch: Um 12.15 Uhr füllt sich der Raum der Pauluskirche, der mit festlich gedeckten Tischen besetzt ist, immer mehr mit Leben: mit Geschirr- und Besteckklappern, mit Gesprächen, mit Lachen. Dass das Essen, das in diesem Jahr erstmals aus der Küche des AWO-Seniorenheims geliefert wird, wieder gut schmeckt, bestätigen alle Gäste.
Etwas Niederschwelliges
„Bis letztes Jahr hat es noch einen Euro gekostet, jetzt sind es zwei Euro. Aber das ist ok“, sagt eine Villingerin, die mehrmals während der Vesperkirchen-Zeit mit dem Bus nach Schwenningen fährt – wegen des guten Essens und wegen des „small talks“, wie sie sagt. Heutzutage sei es schwierig, neue Menschen kennenzulernen, in der Vesperkirche komme man aber schneller ins Gespräch.
Sie sei Bürgergeld-Empfängerin und besuche mittwochs normalerweise den Diakonie-Treffpunkt für Menschen ohne Arbeit in Villingen. „Heute ist die Vesperkirche dran“, sagt die Villingen. Sie steht auf, um nach dem Mittagessen – Kohlrabicremesuppe, Schweineschnitzel mit Karottengemüse und Petersilienkartoffeln – noch ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee auf der Empore zu genießen.
Etwas Neues
Ein Frauen-Quintett nimmt Platz: Zwei Schwestern mit Cousine und Mutter, die ebenso aus Villingen zu Besuch sind. Sie sei bereits in den vergangenen Jahren mit ihrer 92-jährigen Mutter einmal pro Vesperkirchen-Saison hier gewesen, erzählt die Villingerin, die ihre Schwester neugierig auf das Sozialprojekt gemacht und zum ersten Mal mitgenommen hat.
Etwas Besonderes
„Für unsere Mutter ist der Besuch etwas ganz besonderes“, sagen die Schwestern. Stolz sei die Mutter gewesen, als sie im vergangenen Jahr sogar am Tisch im Altarraum sitzen durfte. Andockungsmöglichkeiten für ältere Menschen gebe es mittlerweile wenig, die Vesperkirche sei da eine Ausnahme. Und: „Wir unterstützen das Projekt sehr gerne“, sagen die Villingerinnen.
An einem anderen Tisch sitzt ein in der Vesperkirche bekanntes Gesicht: Thomas Aßmann, der immer wieder von den arbeitenden Ehrenamtlichen begrüßt wird. Seit vielen Jahren packt er selber mit an – in diesem Jahr beim Spüldienst im Gemeindehaus –, ist aber ebenso regelmäßig zum Essen vor Ort. „Ich und mein kleines Kirchle“, sagt Aßmann und lächelt. „Man weiß immer, wo man hin kann.“
Etwas Bewegendes
Der Schwenninger hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Seit fast acht Jahren ist er trockener Alkoholiker, darauf ist er stolz. Doch auch in den vergangenen Jahren hat ihn so manch eine Krankheit herausgefordert, physisch und psychisch, allen voran Depressionen. Durch die Teilnahme an Therapie und Selbsthilfegruppe sei er wieder „gesellschaftsfähig“ geworden, freut sich Thomas Aßmann. Und er habe auch wieder Arbeit, auch wenn andere Krankheiten wie Tinnitus oder Diabetes ihn wohl immer begleiten werden.
Etwas Begleitendes
Als einen regelmäßigen Begleiter sieht der Schwenninger auch die Vesperkirche an, „sie gehört automatisch mit dazu“, sagt er. Ein freundlicher Blick, ein offenes Ohr – das werde hier einem stets entgegen gebracht. Und das möchte Aßmann – mit der Erfahrung aus seiner Vergangenheit – weitertransportieren. „In dem Moment, in dem ich mit mir gut umgehe, kann ich auch mit anderen gut umgehen.“
Ähnliche Erfahrungen mit der Vesperkirche hat Haroldo Widmann gemacht. „Auch Betroffene können helfen, und manche von uns sind Betroffene gewesen“, sagt der Villinger, der Delegierte der Landesarmutskonferenz Baden-Württemberg ist und in der Vergangenheit bereits bei der Vesperkirche mitangepackt hat. Diesmal ist er zum Essen in der Pauluskirche – und zum Erfahrungsaustausch.
Etwas Vorbildhaftes
Hier sei keiner besser oder schlechter, hier seien alle gleich – „hier kann jeder Mensch sein“. Und: Was man hier erlebe, tue allen gut und berühre die Seele, findet Widmann: das Essen, die Gespräche, die Kulturveranstaltungen, kurzum: „das Miteinander“. Daher sei es wünschenswert, dass ein solches Konzept auch an anderen Orten der Doppelstadt greift. „Die Vesperkirche ist für uns alle sehr viel wert.“
Das Sozialprojekt
So ist geöffnet
Die 22. Ausgabe der Vesperkirche lädt noch bis Sonntag, 9. Februar, täglich von 11 bis 15 Uhr in die Schwenninger Pauluskirche ein.
So kann gespendet werden
Die Vesperkirche freut sich stets über Finanzspenden sowie über die Spende von Kuchen (keine Sahnetorten), die im Gemeindehaus abgegeben werden können.