Die Tische in der Rottenburger Vesperkirche sind jeden Tag voll. Dort gibt es nicht nur Essen, sondern stets auch Gespräche mit den Tischnachbarn. Foto: Andreas Straub

Bei den ehrenamtlichen Helfern in der Rottenburger Vesperkirche sitzen die Handgriffe. Das ist auch nötig, denn die Tische sind jeden Tag voll besetzt.

Die Stühle in der Rottenburger Vesperkirche werden nicht kalt. Leute kommen, Leute gehen. Die 100 Sitzplätze sind in der Mittagszeit fast durchgängig belegt. Während einige Besucherinnen und Besucher drei Stunden bei gutem Essen, in Gemeinschaft und im Warmen verbringen, kommen andere auf einen Sprung vorbei, um ihre Solidarität zu zeigen. Bei den ehrenamtlichen Helfern sitzen die Handgriffe. Viele unterstützen das Projekt seit Jahren, insgesamt sind es 160 an der Zahl. Auch die 20 neuen Ehrenamtlichen haben ihre ersten Schichten bewältigt, sind inzwischen mit den Abläufen vertraut. Sie nehmen Bestellung auf wie im Restaurant, räumen Besteck und Teller von den festlich gedeckten Tischen ab und spülen. In der Rottenburger Vesperkirche ist zur Halbzeit die Routine eingekehrt.

 

Die Vesperkirche hat sich in der Stadt über Jahre hinweg als wichtiger sozialer Treffpunkt etabliert. Einige Besucher kommen auch mit dem Bus aus den Ortschaften. In einer Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt immer wieder auf die Probe gestellt wird, bietet dieses Projekt all denen Raum, die Gemeinschaft nicht nur suchen, sondern auch praktisch leben möchten.

Kaum Zeit für ein Schwätzchen

Am Mittwoch blieb für Küchenteam-Leiter Rolf Rehfuss kaum Zeit für ein Schwätzchen – rekordverdächtige 270 Essen vom Hähnchengeschnetzelten gingen über den Tresen. Bei Kasseler und Kartoffelbrei ging es am Donnerstag ebenfalls lebhaft zu. „Wir werden seit der Eröffnung jeden Tag regelrecht überrannt“, sagt Rehfuss. Gut 200 Essen sind es immer. Die geschmälzten Maultaschen am Dienstag reichten gerade so. Statt der vorgesehenen drei pro Person seien aber auch mit zwei alle satt geworden. Immer ein Renner: Linsen mit Saitenwürsten.

Generell sind die Portionen üppig kalkuliert. Seit 15 Jahren liefert die Metzgerei Zeeb den Hauptgang. „Wir sind damit sehr zufrieden“, sagte Heide Mattheis. Sie hat die Vesperkirche vor 19 Jahren mit initiiert und ist nach wie vor jeden Tag da. „Heute habe ich wieder vier Kuchen dabei, die mir Nachbarn in den Carport gestellt haben“, so Mattheis aus Wendelsheim. Die zum Kaffee gereichten süßen Speisen seien immer eine Überraschung. Sie werden ebenso gespendet wie Obst und Saft. „Einige besonders treue Wendelsheimerinnen ‚liefern‘ schon seit Jahren“, sagt Mattheis. Es kämen auch immer wieder neue hinzu.

„Die Vesperkirche ist Treffpunkt für Menschen aus allen Lebenslagen“, sagt die zuständige Diakonin Barbara Zaiser von der evangelischen Kirche. Sie möchte damit ein Zeichen für Gemeinschaft, Solidarität und Menschlichkeit setzen. Zaiser steht am Eingang, begrüßt und verabschiedet die Gäste. „Wie geht es heute?“, ist eine häufige Frage. Die Gespräche enden oft mit einem „bis morgen“.

Etliche nehmen das Essen auch mit

Täglich zwischen 11 und 14 Uhr stehen warme Mahlzeiten, Gespräche und Begegnungen im Mittelpunkt. Auch das Angebot, ab 13 Uhr die Essen abzuholen, werde genutzt. „Die Stimmung ist gut“, so Zaiser. Streit oder Schwierigkeiten der Gäste untereinander habe es bisher nicht gegeben. Zur entspannten Atmosphäre trägt täglich gegen 12 Uhr auch die Klaviermusik bei. Am Donnerstag spielte Brigitte Baumann am Flügel. Nach einer guten Stunde verstummte die Musik, um einem geistlichen Impuls Raum zu geben. Was ist wichtig im Leben? Was bleibt nach dem Tod? Nach ernsten Worten ging es mit einem heiteren Gedicht weiter, bevor Baumann weiterspielte. „Mein Mann ist gestern aus dem Krankenhaus entlassen worden“, sagte eine Abholerin mit Tupperdose in der Hand. „Ich habe gerade so viel um die Ohren, da kommt mir das gelegen.“ Normalerweise esse sie im Gemeindezentrum: „Vor Ort ist es doch viel schöner.“ Eine Besucherin mit körperlichen Einschränkungen hatte ihre Nachbarin dabei, die ihr beim Essen half. Einmal unter die Leute zu kommen sei so schön. Und man wisse nie, wer neben einem sitze.

Obdachlose, wie man sie zum Beispiel in der Stuttgarter Vesperkirche sieht, gebe es in Rottenburg kaum, sagt Rehfuss. Not und Armut sind oft versteckter. Viele ältere Menschen fühlen sich einsam. „Deshalb sind wir ein Ort des Willkommen-Seins, der Anteilnahme und Gemeinschaft“, so Zaiser. So versteht sie auch das diesjährige Motto „Offen für Neues“. Jeder Mensch solle satt werden an Leib und Seele und gestärkt seinen Lebensweg fortsetzen. Wer wenig Geld hat, muss nichts geben. Wer mehr hat, wirft großzügiger in die Spendengläser – ein bewährtes Konzept. „Die Gläser sind gut gefüllt“, berichtet Mattheis. „Wir haben viele Solidaresser.“ Voraussichtlich wird die Vesperkirche die Kosten decken können und finanziell auf eine schwarze Null hinauslaufen.

In den vergangenen Jahren konnte die Veranstaltung immer wieder hohe Teilnehmerzahlen verzeichnen. Die Bilanz aus dem Vorjahr zeigt deutlich, wie viele Menschen das Angebot in Anspruch nehmen: rund 220 bis 230 täglich, insgesamt rund 4500 Essen – so die Zahlen der Veranstaltungsleitung. In diesem Jahr dürften es mindestens genauso viele werden.