Die Schüler und Schülerinnen der Klassen 9 und 7 der Realschule Balingen haben am Montagmittag Essen geschöpft und die Gäste der Vesperkirche bedient. Foto: Sophie Holzäpfel

Die fünfte Auflage der Vesperkirche Balingen bietet mehr als ein Mittagessen: Im katholischen Gemeindehaus Heilig Geist treffen sich Menschen jeden Alters und jeder Herkunft.

Maria Bühler ist auf der Durchreise. Vor 45 Jahren hat sie in Balingen gelebt. Den Besuch in ihrer einstigen Heimatstadt beendet sie mit einem besonderen Erlebnis: „Wenn es die Vesperkirche nicht gäbe, dann wäre ich in irgendeinem Restaurant was essen gegangen. Und dann hätte ich allein an einem Tisch gesessen“, sagt sie. Über einen Flyer sei sie auf das Angebot im katholischen Gemeindehaus aufmerksam geworden. „Hier kam ich rein, wurde direkt freundlich begrüßt und esse jetzt mit netten Menschen zusammen.“​

 

Mit Blick auf die vollbesetzten langen Tafeln und den dampfenden Teller mit Linsen, Spätzle und Saitenwürstchen vor sich schiebt sie hinterher: „Es schmeckt immer besser in der Gemeinschaft.“

Bühler gegenüber sitzt Pfarrer Wolfgang Braun. Er sei seit der Eröffnung am 1. Februar fast jeden Mittag hier, sagt er. „Hier spürt und erfährt man, was Gemeinschaft bedeutet.“ Das Angebot sei locker, niederschwellig, ja, unkompliziert, sagt der Theologe. Die Dankbarkeit der Menschen sei spürbar.

„Bekanntschaften und Freundschaften entstehen“

Eine Rentnerin aus Frommern kommt ebenfalls täglich zur Vesperkirche. „Seit mein Mann gestorben ist, bin ich viel allein. Aber hier treffe ich so viele Menschen.“ Eine enge Freundschaft sei hier, an einem der Tische, entstanden. „Mit der Frau treffe ich mich mittlerweile auch außerhalb der Vesperkirche.“ Häufig fahren die beiden Seniorinnen gemeinsam mit dem Bus in die Balinger Innenstadt.

„Das erlebt man hier immer wieder: dass sich Menschen auf Augenhöhe begegnen, Bekanntschaften und Freundschaften entstehen“, bemerkt Dekanatsreferent Achim Wicker. „Jede Stadt in dieser Größe sollte eine Vesperkirche haben“, so seine Überzeugung.

Sponsoring alsHerausforderung

Rund 100 Ehrenamtliche engagieren sich bei der Vesperkirche. Täglich sind zwölf von ihnen im Einsatz. Neben dem täglich wechselnden Mittagstisch gibt es anschließend Kaffee und jede Menge Kuchen: „Täglich backen um die acht Personen Kuchen. Das Kuchenangebot war noch nie so toll wie dieses Jahr“, schwärmt Wicker. Jeden Tag kommen rund 120 Gäste in das Gemeindehaus. „Nicht nur Menschen, die wenig haben. Sondern auch Menschen, die einsam sind und denen es vor allem um die Gemeinschaft geht.“

Man verlasse in den zwei Stunden die eigene Blase, sagt der Dekanatsreferent. Dann sitzt etwa der Wohnungslose neben dem Kommunalpolitiker oder der Managerin: „Es entsteht ein riesiges Netzwerk. Wir treffen hier einen Nerv.“ Denn die Armut nehme zu. Auch bei jungen Menschen, warnt er. „Überschuldung ist gerade ein riesiges Thema.“

Die Steuergruppe hat bereits im September mit der Organisation begonnen. „Es kommen jedes Jahr neue Helfer dazu“, freut sich Wicker. Über eine WhatsApp-Gruppe tauschen sich die Ehrenamtlichen aus. Die insgesamt 200 Dienste zu besetzen sei in Balingen kein Problem. Schüler, Geflüchtete, Rentner und Arbeitnehmer, zählt Wicker auf: „Auch innerhalb des Helferteams werden Kontakte geknüpft und Brücken gebaut.“

Die größte Herausforderung? „Wir wissen nie, wie viele Gäste kommen. In der Regel sind es um die 120, aber letzte Woche waren es an einem Tag mal 160“, sagt Wicker. Das Sponsoring des Angebots sei ebenfalls herausfordernd: „Die steigenden Preise merken wir auch in der Vesperkirche.“

Emma und Ella bahnen sich ihren Weg zwischen den Tischen. Sie servieren Gemüsesuppe und balancieren Tabletts. Die beiden Siebtklässlerinnen der Realschule Balingen helfen am Montagvormittag zum ersten Mal mit. „Ich mag es, zu helfen und mich zu engagieren“, sagt Ella. Schon am Morgen haben sie von erfahrenen Ehrenamtlichen eine kurze Hygieneschulung bekommen. Die

„Das tut richtig gut: sich auch mal mit jungen Menschen auszutauschen“, sagt eine ältere Dame und freut sich.

Eugen Eger und sein Kumpel Günter kommen seit der Eröffnung jeden Tag: Für die beiden Balinger ist es ein fester Treffpunkt im Februar. Danach gehen sie meistens gemeinsam in die Kirche. „Es ist eine schöne Atmosphäre, und die Kuchenauswahl ist riesig. Wir bleiben immer bis zum Schluss“, sagt er.

Auch Nelli Dilger und ihre 88-jährige Mutter sind Stammgäste. „Es tut uns allen gut“, schwärmt sie. Für Dvorytskyi Mykailo aus Onstmettingen ist es eine Möglichkeit, neue Menschen kennenzulernen. Er lebt erst seit vier Jahren im Zollernalbkreis. Der gebürtige Ukrainer nutzt die Vormittage, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern.

Zwischen Mittagessen, Kuchen und Gesprächen entsteht im katholischen Gemeindehaus etwas, das im Alltag oft fehlt: echte Begegnung. „Das Konzept ist toll. Vielleicht kann ich das in meiner Heimatstadt auch mal anstoßen“, sagt Maria Bühler.

​Die Vesperkiche in Balingen hat noch am Dienstag und Mittwoch, 10. und 11. Februar, geöffnet. Von 11 bis 14 Uhr gibt es im Katholischen Gemeindehaus Heilig Geist ein Mittagsessen (täglich auch ein vegetarisches Gericht) sowie eine Suppe, Nachtisch und Kaffee und Kuchen gegen eine Spende. Für Kinder steht eine Spielecke bereit.​