Immer wieder werden Menschen Opfer von Betrugsmaschen. Auch an unsere Redaktion wenden sich immer wieder Bürger, die ihre Mitmenschen warnen möchten. Nun spricht eine traumatisierte Frau aus Furtwangen.
Es ist nur etwas über eine Stunde im Leben der Furtwangerin – doch diese Zeit kommt ihr ewig vor. Die Frau ist Opfer eines sogenannten Schockanrufs geworden – und schildert gegenüber unserer Redaktion, wie viel Tränen, Angst und Leid hinter der perfiden Betrugsmasche stecken, die derzeit unter Kriminellen so populär ist. „Dieser Psychoterror hat mir eine längere Zeit sehr zugesetzt“, bekennt sie.
Aufräumen möchte sie auch mit dem Vorurteil, dass – überspitzt gesagt – nur „demente Greise“ auf die Tricks der Betrüger hereinfallen. Denn die Frau mittleren Alters steht mitten im Leben, hätte selbst nie gedacht, dass ihr so etwas passieren könnte.
Der Anruf
Als das Telefon an einem Tag vor einigen Monaten gegen Mittag klingelt, kann die Frau nicht ahnen, in welchem Alptraum sie sich gleich befinden wird. Am anderen Ende der Leitung: Eine weinerliche Frauenstimme. „Mama, ich habe ein Kind totgefahren“, wimmert es da. Angst, Entsetzen, Verzweiflung machen sich breit. „Ich dachte wirklich, ich höre meine Tochter“, sagt das Betrugsopfer. Nachdem dieses die Tochter auch beim Namen, nennen wir sie Anja, genannt hat, kennen diesen auch die Kriminellen – um ab jetzt noch geschickter vorgehen zu können.
Dann geht alles Schlag auf Schlag: Ein vermeintlicher Polizist nimmt die Personalien auf, der angebliche Rechtsanwalt der Tochter gibt weitere Instruktionen. „Anja“ konnte da schon längst nichts mehr sagen – laut der Betrüger hatte sie sich vor lauter Schock und Weinkrämpfen auf die Zunge gebissen.
Die Tricks
Raffiniert: Den Rechtsanwalt in Freiburg gibt es wirklich, wie sich im Nachhinein herausstellen soll – die Betrüger haben seinen Namen benutzt. „Er hat sich so dermaßen gewählt ausgedrückt – da gab es keine Zweifel“, sagt das Opfer. Der „Rechtsanwalt“ stellt sogleich eine persönliche Ebene mit dem Opfer her, das Mitglied einer internationalen Wohltätigkeitsorganisation ist – er helfe ihr gerne, weil er auch Mitglied sei – und fordert eine Kaution ein, die zur Freilassung der Tochter führen soll. Auch Schmuck sei okay, heißt es – da „klingelt“ es bei der Furtwangerin laut eigener Aussage schon ein bisschen.
Sie macht sich schließlich auf den Weg zur Bank – die Anrufer bleiben immer am Hörer. „Es war wirklich schlimm“, sagt sie. „Eine Stunde lang kam es mir vor, als würden mich drei Leute bearbeiten – die Frauenstimme, der Polizist und der Rechtsanwalt.“
Bei der Bankfiliale angekommen, folgt der Schock: Sie hat schon zu. „Ich habe noch gegen die Tür getrommelt“, erzählt die Furtwangerin. Auf geht es zur nächsten Bankfiliale – doch auch diese ist geschlossen. Das Opfer ist verzweifelt: „Ich hatte noch die Hoffnung, dass mir Bankangestellte vielleicht helfen könnten.“
Der Psychoterror danach
In ihrer Not sucht sie schließlich ihre nah gelegene Arbeitsstätte auf. „Ich wollte auch die Polizei fragen“, sagt sie. „Ich nehme an, dass er in diesem Moment aufgelegt hat.“ Dann wendet sich das Blatt. Die Arbeitskollegen versuchen, die aufgebrachte Frau zu beruhigen. „Meine Kollegin hat vernünftig reagiert: Ruf doch mal deine Tochter an.“ Dann die Erleichterung: Der Tochter geht es ausgezeichnet, der Alptraum, der sich in der vergangenen Stunde abgespielt hat, war ein böser Spuk, der nun vorbei ist. „Ich war heilfroh“, sagt die Furtwangerin.
Aber: Das Geschehene traumatisiert sie für längere Zeit. „Das setzt einem total zu, das war echter Psychoterror“, erklärt sie. Ihre Kinder kommen an besagtem Tag und lassen sie nicht mehr allein. Doch die erste Reaktion: „Wie kann man nur so leichtsinnig sein?“ Das verletzt sie. Aber, sagt die Frau, „die Stimme am Telefon hätte wirklich meine Tochter sein können.“
Mittlerweile ist sie vorsichtig geworden. Die Betrüger wussten, wo die Tochter studiert und in welcher Organisation sie Mitglied ist. Woher wissen die das? Werde ich beobachtet? Diese Fragen stellte sich die Furtwangerin.
Die Aufklärung
Nach dieser bitteren Erfahrung will sie aktiv werden, andere warnen. Sie erfährt: Es gibt noch mehr Betroffene in der Umgebung. „Mir ging es darum, dass die Leute wissen, wie sie sich verhalten sollen“, erklärt sie. So erzählt sie in ihrem Bekanntenkreis von ihren Erfahrungen. Ihre Erkenntnis: Manche wollen nicht über ihre Erfahrungen sprechen. „Ich denke, sie schämen sich“, meint sie und fügt an: „Ich habe mich auch geschämt.“ Nichtsdestotrotz sei Aufklärung das einzig Richtige zur Prävention. „Ich dachte, das müssen die Leute einfach wissen.“
Besonders wichtig ist ihr auch mitzuteilen: Eine Kaution muss erst richterlich genehmigt werden. Und: „Die Polizei ruft bei einer schlechten Nachricht nie an, sie kommt immer zu dir nach Hause.“ Selbst dann müsse man sich jedoch wieder Fragen, wirft sie ein, ob die Polizisten echt seien.
Es zeigt sich: Bei den heutigen Betrugsmaschen ist es längst nicht mehr so einfach, Lug und Trug auseinanderzuhalten.