Vertrauen in Partnerschaften Wie viele Lügen verträgt die Liebe?

Florian Gann
Ehrlichkeit wird in Beziehungen großgeschrieben. Dennoch gehören Lügen auch dazu. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Ehrlichkeit erachten viele Paaren als wichtig, dennoch gibt es oft Unwahrheiten und Geheimnisse. In welchen Situationen lügen okay ist und wo man eine Grenze überschreitet.

Haben Sie gerade Menschen um sich herum? Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie mehrheitlich von Lügnern und Lügnerinnen umgeben sind. Denn knapp 60 Prozent der Menschen in Deutschland lügen täglich, fand das Umfrage-Institut Splendid-Research heraus. Durchschnittlich sind es jeden Tag zwei Lügen, so ein Forscher einmal gegenüber dem Kanal ARD Alpha. Männer lügen ein bisschen öfter als Frauen. Und jüngere Menschen öfters als ältere, so das Ergebnis einer Meta-Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Menschen lügen, und natürlich tun sie das auch in Beziehungen. Doch ist das immer schlimm?

 

Sind kleine Lügen in der Beziehung notwendig?

„Offenheit ist nicht immer das Richtige in einer Beziehung“, sagt Wolfgang Krüger, Psychotherapeut und Buchautor aus Berlin. Wären wir immer radikal ehrlich miteinander, würde keine Beziehung das überstehen, so Krüger. Findet man den Kollegen mit den durchtrainierten Armen im Nebenbüro attraktiv oder die Kellnerin im kurzen Kleid? „Da sollten Sie nicht sagen: Natürlich sieht die attraktiver aus. Es gibt Lügen, die dienen eher dazu, die Beziehung zu erhalten“, sagt Krüger.

Auch Filomena Lorenz, Sexual- und Paartherapeutin in Stuttgart, sagt: „Lügen gehören zum Leben dazu, so wie helle und dunkle Seiten. Sie sind Teil des Reifeprozesses und der Entwicklung“, so Lorenz. Doch selbst kleine Lügen, etwa bei der Frage, ob der neue Haarschnitt gefällt, könnten enttäuschen , sagt Lorenz. Man stelle die Frage in der Hoffnung, dass dieser dem anderen gefällt. „Kommt später heraus, dass das nicht ehrlich war, ist das auch sehr enttäuschend“, sagt Lorenz.

Aber beide Experten sagen: Es gibt eine Grenze, an der Lügen problematisch werden.

Wenn große Lügen das Vertrauen zerstören

Lügen könnten eine Beziehung belasten, „wenn sie an die Substanz der Partnerschaft gehen“, sagt Krüger, oder wenn sie „von der Zeit und der Bedeutung her überhand nehmen“ und man ganze Teile seines Lebens ausblenden müsse. Dabei geht es nicht nur um den berühmten Seitensprung. Krüger erzählt von einem Lehrer, der nach seiner Entlassung gegenüber seiner Frau so tat, als ginge er weiterhin zur Arbeit. In einem anderen Fall entdeckte eine Frau zufällig die Spielsucht ihres Partners. Dabei komme es „zu einer Entfremdung, weil sie dem anderen wichtige Teile ihres Lebens verschweigen“, sagt Krüger.

In solchen Fällen habe man nur zum äußeren Teil der Persönlichkeit einen Zugang. „Aber um Vertrauen zu haben, muss ich gelegentlich auch Zugang zu den Schwächen des anderen, den Abgründen und Unsicherheiten haben“, sagt Krüger.

Was hinter den Lügen steckt

Filomena Lorenz rät, die Gründe des Schweigens oder Lügens zu hinterfragen: Warum wählst du diese Strategie? In der Regel würden Menschen nicht lügen, um jemanden zu schaden. Sondern meistens, „weil sie sich schämen, weil ihnen die Wahrheit unangenehm ist, weil sie den anderen nicht verlieren wollen“, sagt Lorenz. Hinter jeder Lüge stecke ein Bedürfnis.

Sie ist auch dafür, von einem Nicht-Offenlegen zu sprechen anstatt von Lüge. „Dann steht es weniger als Vorwurf im Raum“, sagt Lorenz. Wer die Gründe für das Schweigen versteht, öffne den Weg für mehr Verständnis, sagt Lorenz.

Besonders schmerzhaft sei es für Paare, so Lorenz, wenn es um ein Begehren außerhalb der Beziehung gehe: Nach anderen Menschen, einer anderen Situation oder einer anderen Art von Intimität. Lügen würden dann oft begründet mit: „Ich will dich schützen, ich will ja, dass es dir gut geht.“ Doch meist stecke Angst dahinter, ehrlich zu sein, weil das wehtue – anderen, aber auch einem selbst. Und weil man der Tatsache ins Auge sehen müsse, dass etwas nicht mehr zusammenpasse. Es sei schwer, sich das einzugestehen und mitunter nach Jahren gemeinsamer Zeit anzusprechen. Je länger man schweigt, desto schwerer wiegen die Lügen, erklärt Lorenz.

Muss man einen Seitensprung immer beichten?

Aber wie geht man mit einer großen Lüge um, wenn es nicht beim Begehren geblieben ist? Muss man einen Seitensprung in jedem Fall beichten? „Die Frage ist: Was macht das mit der Beziehung“, sagt Wolfgang Krüger. Passiere ein Seitensprung aus einer Laune heraus, etwa betrunken auf einer Betriebsfeier, „würde ich das erst mal nicht erzählen. Eine Beichte kann den anderen irritieren, verunsichern, kränken. Wenn es eine längere Affäre war, ist die Frage: Was ist mir wichtiger – das zu erzählen und aufzuarbeiten oder an der Beziehung zu arbeiten und zu gucken, dass sie besser wird. Das kann besser sein als die Offenheit“, sagt Krüger.

Bei Betriebsfeiern kommt es immer mal wieder zu Seitensprüngen. (Symbolbild) Foto: IMAGO/Zoonar

Filomena Lorenz sieht es ein Stück weit anders. „Ich kann mich entscheiden: Möchte ich zu denen gehören, die das Thema vermeiden, oder zu denen, die damit ehrlich und auch mutig umgehen. Denn jedes Mal, wenn ich etwas von mir offenlege, meine Fehler zugebe, zeige ich auch, dass ich einfach menschlich bin – und beweise mir selbst Mut“, sagt Lorenz. Viele Paare würden es schaffen, eine Affäre zu überwinden. Aber auch die Art des Geständnisses spielt eine Rolle.

Lieber scheibchenweise oder alles auf einmal beichten?

„Wenn es scheibchenweise aufgedeckt wird, tut es besonders weh. Die ganze Wahrheit sofort auf den Tisch zu kippen, überflutet die Menschen auch. Aber die meisten wollen die Lücken zu den Menschen, mit denen sie zu zusammen sind, schnell geschlossen haben“, sagt Lorenz. Manchmal würde es sogar für Erleichterung sorgen, „weil endlich das auf den Tisch kommt, was zwischen den Menschen steht.“

„Wir brauchen das Gefühl von absoluter Verlässlichkeit“

Auch wenn Wolfgang Krüger Offenheit nicht in jeder Situation für richtig hält, sagt er: „Natürlich brauchen wir in einer Partnerschaft das Gefühl von absoluter Verlässlichkeit. Ich muss wissen, der andere steht auch in dunklen Zeiten des Lebens zu mir, und das für immer. Aber das muss nicht bedeuten, dass ich alles voneinander weiß und ständig bei Unternehmungen dabei bin. Eine gute Partnerschaft bedeutet, dass der andere sein Eigenleben hat, dass er seine Persönlichkeit behält. Und dazu gehört auch, dass jemand seine Geheimnisse hat und dass er sich manchmal schützt, indem er bei Kleinigkeiten lügt“, sagt Wolfgang Krüger.

Filomena Lorenz sagt, auch die Kleinigkeiten könnten zu einer Enttäuschung führen, wenn sie herauskämen. „Ich würde die Menschen selbst suchen lassen, was für sie noch akzeptabel ist“, sagt sie. Eine aktuelle Studie der US-Universität von Rochester kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Nehmen Paare ihre Partnerschaft als ehrlich wahr, sind sie zufriedener mit der Beziehung und motivierter, etwas für die gemeinsame Zuneigung zu tun.