Am Beispiel Jamie Leweling zeigt sich, dass die Stuttgarter in der Lage sind, Verträge auch ohne Sonderrechte für die gefragten Spieler zu verlängern. Diese Position der Stärke soll ausgebaut werden.
Am Dienstagvormittag hat der VfB Stuttgart eine frohe Botschaft verschickt. Sie steckte in der Pressemitteilung Nummer 55 des laufenden Jahres. Jamie Leweling hat seinen Vertrag vorzeitig verlängert – bis 2029. Das war die Kernnachricht. Was jedoch ebenso wichtig ist, aber nicht formuliert wurde, auch nicht zwischen den Zeilen: Die Ausstiegsklausel, die bisher im Arbeitspapier des 23-jährigen Fußballprofis verankert war, fällt weg.
Klar, auf Vertragsdetails wird in Vereinsveröffentlichungen nicht eingegangen. Offensichtlich ist jedoch, dass der VfB am Verhandlungstisch mehr und mehr in eine Position der Stärke gelangt. „Es geht grundsätzlich darum, dass wir uns durch einen wirtschaftlichen Wachstumsprozess weiter aus vertraglichen Abhängigkeiten, wie Ausstiegsklauseln oder auch Leihgeschäften, zunehmend verabschieden können“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth.
Sind Ausstiegsklauseln zu verdammen?
Noch zu Jahresbeginn steckte in den anfangs von den Fans bejubelten Vertragsverlängerungen von Chris Führich, Enzo Millot und Waldemar Anton stets ein großes Aber. Für eine festgeschriebene Ablösesumme durften und dürfen sie wechseln. Anton machte von dieser Regelung Gebrauch, ebenso wie Serhou Guirassy (beide Borussia Dortmund), der den Trend zur Ausstiegsklausel in Stuttgart zuvor ausgelöst hatte.
Zu verdammen sind diese unbeliebten Konstruktionen jedoch nicht, da sie immer den Moment der Verpflichtung widerspiegeln und der Mannschaft extrem helfen können. Wie im Fall Guirassy. „Also ganz prinzipiell lässt sich zu Klauseln sagen, dass sie uns in der Vergangenheit sportliche Qualität gesichert haben, die wir uns eigentlich nicht leisten konnten“, sagt Wohlgemuth.
Somit sind die Extras ein Erfolgsinstrument gewesen, denn jetzt steht der VfB als Vizemeister anders da und wird als Champions-League-Club von Spielern und Beratern anders wahrgenommen. Weiß-rot ist wieder attraktiv und lukrativ. Zumal es der Trainer Sebastian Hoeneß hinbekommen hat, aus zuvor wenig beachteten Bundesligaspielern eine Reihe von Nationalspielern zu formen.
Leweling dient da als gutes Beispiel, da sich der Flügelstürmer bis zu seiner Verletzung Anfang November als Senkrechtstarter der ersten Saisonmonate präsentierte. Nun gehört er zum Elitekreis des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) – und wohl zu den Topverdienern an der Mercedesstraße, weil ihm der VfB die Ausstiegsklausel (Ablöse mehr als 20 Millionen Euro) durch eine schöne Gehaltserhöhung ausgeglichen hat.
So läuft das Geschäft, und Leweling ist nach Maximilian Mittelstädt (Vertrag bis 2028) der zweite deutsche Nationalspieler, der in Stuttgart einen neuen Kontrakt ohne Sonderrechte für einen möglichen Abgang unterschrieben hat. Zum Kader von Bundestrainer Julian Nagelsmann zählen ebenso Deniz Undav und Angelo Stiller. Beide äußerst wertvoll für die Stuttgarter und mit Verträgen bis 2027 ausgestattet – ohne Ausstiegsklauseln. Alexander Nübel bildet unter den aktuellen VfB-Akteuren im DFB-Team dagegen eine Ausnahme. Der Torhüter ist bekanntlich vom FC Bayern bis 2026 ausgeliehen, kann von den Münchnern jedoch ein Jahr vorher zurückgeholt werden.
Was ist mit Nick Woltemade?
Auch Nick Woltemade, der zuletzt mit Toren auftrumpfte und dem noch reichlich Potenzial bescheinigt wird, kann keine Ausstiegsklausel ziehen. Das ergibt ein starkes Paket an VfB-Stars, über deren Verbleib der Verein entscheidet – oder frei verhandelbar eine Ablöse kassiert. Bleiben vor allem noch Millot und Führich, die einen Transfer zu bestimmten Bedingungen vollziehen können. Beim 22-jährigen Franzosen mit der feinen Technik liegt die Ablösesumme mit 20 Millionen Euro niedrig genug, um einige Interessenten anzulocken. Beim 26-jährigen Tempodribbler Führich war sie im Sommer mit 26 Millionen Euro dagegen hoch genug, um einige Clubs zweifeln zu lassen.
„Da, wo sich in unseren Arbeitsverträgen Ausstiegsklauseln finden lassen, sind sie Ausdruck fehlender Stärke unserer Verhandlungsposition zum jeweiligen Zeitpunkt. Und diese Momente gab es in den letzten drei Jahren ganz sicher“, sagt Wohlgemuth. Wirtschaftlich wie sportlich will sich der VfB deshalb im oberen Segment etablieren. Denn: „Die Klausel ist nur ein Symptom unseres Rückstandes auf die Spitzenclubs.“
Das trifft auch auf die Vereinbarung mit dem Trainer zu. Hoeneß hat zwar im vergangenen März seinen Vertrag vorzeitig bis 2027 verlängert, doch der 42-Jährige verfügt über eine Ausstiegsklausel. Beim VfB beunruhigt das im Augenblick jedoch niemanden. Zum einen gibt es keine Anzeichen, dass es Hoeneß wegzieht. Zum anderen ist ein Chefcoach, der weg will, ohnehin ein Problem – ob mit oder ohne Ausstiegsklausel.
Anders sieht es da bei Josha Vagnoman aus. Eine Stammkraft, die bereits bei der Nationalmannschaft war und deren Vertrag bis 2027 läuft. Der 24-Jährige könnte der nächste Kandidat für frühzeitige Verhandlungen sein, sofern der Außenverteidiger seine Leistungen wieder steigert und stabilisiert.