Statistische Überversorgung hin oder her – der Ärztemangel im Schwarzwald-Baar-Kreis ist spürbar. Wie sehr, das schildern viele Kreisbewohner mit eindrücklichen und teilweise auch erschreckenden Beispielen.
Schwarzwald-Baar-Kreis - Der Villinger Werner Schaumann hat die jüngste Berichterstattung unserer Redaktion zum Thema Ärztemangel im Kreis aufmerksam verfolgt – und das nicht nur, weil er Vertreter der Selbsthilfegruppen im Gesundheitsnetzwerk des Schwarzwald-Baar-Kreises ist, sondern auch als einer von vielen – als Patient.
Wenn Schaumann im Flyer des Gesundheitsnetzwerkes von der "Sicherstellung einer optimalen Versorgung" von Bürgern und Patienten liest, dann kann er diesem Satz "aus eigenen, persönlichen Erfahrungen aus der letzten Zeit" nicht mehr zustimmen. Er schildert gleich fünf Fälle, in welchen er selbst oder seine Frau Margot die teilweise marode ärztliche Versorgung im Landkreis zu spüren bekamen oder aus nächster Nähe beobachten konnten.
Am 26. August 2020 beispielsweise konsultierte Schaumann seinen Augenarzt in Villingen-Schwenningen und erlebte während der Wartezeit, wie ein junger Mann mit seiner Frau, einem "Notfall", in die Praxis kam. Als er auf Nachfrage der Arzthelferin erklärte, die Praxis noch nie aufgesucht zu haben, handelte er sich einen Korb ein. "Die Antwort war, dann könnte er nicht behandelt werden! Er soll doch am Abend die Notfallnummer für die Augenprobleme anrufen." Das Ehepaar habe die Praxis unverrichteter Dinge verlassen.
"Ich als Kassenpatient komme mir verarscht vor"
Werner Schaumann selbst wollte Anfang Oktober seinen starken, ständigen Harndrang nach einer Prostata-OP von einem Urologen untersuchen lassen. Erst nach stundenlangen Versuchen habe er die Praxis erreicht – "der früheste Termin ist der 23. November", war die Antwort.
Mitte November 2020 erfuhr Schaumanns Ehefrau Margot nach einem unauffälligen Sonographie-Befund, dass die noch notwendige Untersuchung des Magens mit einem Schlauch erst in fast einem Jahr möglich sei, sofern sie kein Notfall sei.
"Was soll mir das als 74-jähriger Bürger im Schwarzwald-Baar-Kreis sagen? Laut Kassenärztlicher Vereinigung hätten wir genug Fachärzte in unserem Kreis. Ich als Kassenpatient komme mir bei solchen Angaben verarscht vor."
Und auch viele Leser, die sich auf unsere Berichterstattung hin bei der Redaktion melden, pflichten dem bei. Daniela B. etwa erzählt, dass sie vor einem Jahr nach Villingen-Schwenningen gezogen sei – in dieser Zeit einen Arzt zu finden, sei ihr noch nicht gelungen.
Sabine E. bestätigt ein ähnliches Ärgernis in einer Akutsituation: "Sechs Monate Wartezeit" und sie fügt hinzu: "bei Schmerzen und in der Notaufnahme wird man, weil nicht akut dringend, weggeschickt".
"Vorausgesetzt, man ist Privatpatient"
"Ein Landkreis voller Fachärzte? Das war ein guter Witz. Und so weit ich das weiß, suchen nicht nur Patienten Ärzte, sondern auch Kliniken", schreibt Sandra W. "Ein Landkreis voller Fachärzte? Vorausgesetzt, man ist Privatpatient – da fehlt die alles entscheidende Ergänzung", kommentiert Alexandra B. sarkastisch den Titel unseres Berichts zum Thema. Währenddessen erklärt Guido S.: "Bei Facharztterminen orientiere ich mich mittlerweile wie auch bei Einkäufen in Richtung Stuttgart oder Freiburg. Ich denke, dass Problem für VS ist sehr groß, entwickelt man sich doch mehr in Richtung Schlafstadt und weg vom sogenanntem Oberzentrum."
Dass die Kassenärztliche Vereinigung für den Schwarzwald-Baar Kreis von einer "Vollversorgung an Fachärzten" spreche, erhitzt bisweilen die Gemüter. "Dies entspricht in Wahrheit nie und nimmer der Realität", findet nicht nur Schaumann, wenn er beispielsweise beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt in Villingen-Schwenningen anruft, wie im Februar diesen Jahres geschehen, und frühestens für den 9. Juni einen Untersuchungstermin in Aussicht gestellt bekommt – ähnliches widerfuhr ihm beim Urologen über die Internet-Terminvergabe: Angefragt am 28. April 2021, Termin am 20. Juli. "Im Schwarzwald-Baar-Kreis gibt es gegenüber den anderen Landkreisen in Baden-Württemberg bestimmt mehr Menschen der älteren Jahrgänge, wo auch ich dazu gehöre. Es wird diskutiert und von den Politikern und Behördenoberen alles ›schöngeredet‹, jedoch ändern tut sich seit Jahren nichts", moniert er. Und sein bitteres Fazit: "Es ist schon sehr frustrierend, wenn man alt wird und mehrere Wochen auf Hilfen warten muss."
Wissend um die begrenzten Einflussmöglichkeiten hat er sich dennoch vorgenommen, tätig zu werden. Die Selbsthilfegruppen treffen sich nach über einem Jahr wieder einmal persönlich und auch online zu einem Treffen im Landratsamt Anfang Oktober – "dann werden wir dieses Thema aufarbeiten".
"Ich werde weiter an diesem Thema dran bleiben und hoffe, dass sich in Zukunft etwas zum Positiven ändern wird", verspricht er.
Auch politisch war die ärztliche Versorgungssituation in der Region schon Thema. In den Jahren 2016 bis 2018 wurde im Zuge einer Studie die "Ambulante Versorgung in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg" untersucht. In dem Modellprojekt in Kooperation mit der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, das über fast zwei Jahre mit 250 000 Euro vom Ministerium für Soziales und Integration des Landes Baden-Württemberg gefördert und vom Institut für Allgemeinmedizin der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt sowie dem Forschungs- und Beratungsinstituts Quaestio aus Bonn durchgeführt worden ist, sollten konkret nutzbare Handlungsempfehlungen für Kommunen im ganzen Land erarbeitet werden, damit diese die Gesundheitsversorgung vor Ort sichern können. Die Bevölkerungsentwicklung und Ärztesituation wurde in der Studie bis ins Jahr 2035 skizziert
Da kommt ’was auf die Region zu: 35,6 Prozent mehr über 65-Jährige
Die Randdaten: In den 76 Gemeinden der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg mit den Landkreisen Rottweil, Tuttlingen und Schwarzwald-Baar lebten zum 31. Dezember 2015 insgesamt 484 040 Menschen, also fast eine halbe Millionen Menschen, die Mehrheit davon – 43,3 Prozent – im Schwarzwald-Baar-Kreis. Laut Bevölkerungsprognose des Statistischen Landesamts ist mit einem minimalen Bevölkerungswachstum um 0,3 Prozent bis 2035 zu rechnen, aber: Es sollen vorwiegend die städtischen Zentren wachsen, während ländliche Bereiche eher schrumpfen werden. Dabei soll die Altersgruppe der über 65-Jährigen laut Prognose um 35,6 Prozent wachsen. Die Bevölkerung also wird immer älter, damit werden betreuungsintensive chronische Erkrankungen häufiger, zeitgleich sind die Senioren weniger mobil. Ein Teufelskreis, denn die Notwendigkeit einer flächendeckenden ärztlichen Versorgung wird damit immer wichtiger.
Doch am Ort der Studie selbst, im Schwarzwald-Baar-Kreis, verschlimmert sich die Situation, wie die genannten Beispiele zeigen – und die Studie zeigt auch: Für Ärzte am Ende ihres Berufslebens wird es immer schwieriger, für kleinere Landarztpraxen und selbst florierende Facharztpraxen Nachfolger zu bekommen. Das zeigt auch das Beispiel eines zum Jahresende in den Ruhestand wechselnden Villingen-Schwenninger Kinderarztes, der 1600 kleine Patienten betreut, die nun bangen, weil die Nachfolge offen ist – wir berichteten über diesen Fall bereits ausführlich. Es ist einer dieser Fälle, die Patienten wie Werner Schaumann ein schonungsloses Fazit ziehen lassen: "Nach meiner Meinung ist es heute schon 5 nach 12 Uhr!"