Die Vertreter der Ermittlungsbehörden am Montag bei der Pressekonferenz. Fest steht: Ayleen und der Tatverdächtige haben sich über das Internet kennengelernt. Foto: dpa/Philipp von Ditfurth

Ein 29-Jähriger soll die verschwundene 14-Jährige aus Gottenheim getötet haben. Er ist einschlägig vorbestraft und stand Anfang Januar noch unter der Aufsicht der Behörden. Was ist bisher bekannt?

Die Gottenheimer haben mit der Familie gesucht, mit ihr gebangt und mit ihr gehofft. Seit Samstagabend gibt es die traurige Gewissheit: Ayleen kommt nicht mehr heim, denn Ayleen ist tot. Bei der weiblichen Leiche, die die Polizei am vergangenen Freitag im Teufelssee im hessischen Wetteraukreis gefunden wurde, handelt es sich um die 14-Jährige aus dem 3000 Einwohner zählenden Schwarzwaldort an der Nordspitze des Tunibergs, die seit dem 21. Juli vermisst wurde. Sie fiel offenbar einem Gewaltverbrechen zum Opfer – und ihren mutmaßlichen Mörder lernte sie wohl im Internet kennen.

 

Der Tatverdächtige schweigt

Als dringend tatverdächtig gilt ein 29-Jähriger aus der Nähe von Wetzlar (Hessen), der seit dem vergangenen Freitag in Untersuchungshaft sitzt. Das teilte die Polizei am Montag bei einer Pressekonferenz in Freiburg mit. Gegen den Mann werde ermittelt wegen der Entziehung Minderjähriger, sexueller Nötigung und wegen Mordes in Verdeckungsabsicht, sagte die Freiburger Staatsanwälting Franziska Scheuble. In seinen ersten Vernehmungen habe er die Vorwürfe abgestritten. Seit er dem Haftrichter vorgeführt wurde, schweigt er.

In seiner Wohnung entdeckten die Ermittler persönliche Gegenstände des Mädchens. Sicher sind sie sich mittlerweile auch, dass Ayleen am Abend ihres Verschwindens in dem Wagen des Mannes nach Hessen gebracht wurde – „ob freiwillig oder nicht, das können wir noch nicht sagen“, offenbarte Arno Englen, der Leiter der Freiburger Kriminaldirektion.

Als 14-Jähriger kam er in die Psychiatrie

Wer der Mann ist, darüber gibt es nur spärliche Angaben. Es gilt die Unschuldsvermutung. Bei dem Mann handle es sich um einen 29-jährigen, unverheirateten Deutschen, der wegen eines Sexualdelikts vorbestraft war, deshalb zehn Jahre lang im Maßregelvollzug in einem hessischen psychiatrischen Krankenhaus untergebracht war und noch bis vor Kurzem unter der Aufsicht der Behörden stand.

2007 habe er nach Angaben von Andreas Röhrig, dem Präsidenten des hessischen Landeskriminalamtes, ein elfjähriges Mädchen von hinten angegriffen und versucht zu vergewaltigen. Damals war der Tatverdächtige gerade mal 14 Jahre alt. Infolge des Angriffs wurde die Unterbringung in der Psychiatrie angeordnet. 2017 wurde diese Unterbringung per Gerichtsbeschluss für beendet erklärt.

Ende Januar war mit der Führungsaufsicht Schluss

Der damals 24-jährige Mann kam in einem hessischen Überwachungsprogramm für rückfallgefährdete Intensivtäter unter. Regelmäßige Gefährderansprachen, eine engmaschige Betreuung und Gesprächskontakte sollen verhindern, dass der ehemalige Straftäter wieder rückfällig wird, erklärte Röhrig. Doch am 25. Januar 2022 war auch damit Schluss: Die Führungsaufsicht wurde aufgehoben.

Die Polizei kam dem Tatverdächtigen durch umfangreiche digitale Recherchen auf die Spur. Was genau passiert ist, das ist immer noch offen. Auch die genaue Todesursache steht noch nicht fest. Die Untersuchungen gestalten sich schwierig, weil das tote Mädchen offenbar tagelang in dem See gelegen hatte.

Ein Hinweis eines Internetproviders brachte den Durchbruch

Klar ist, Ayleen verließ am Donnerstag, 21. Juli, ihr Elternhaus, um einem Freund einen Kapuzenpullover zubringen und kehrte nicht zurück. Groß angelegte Suchaktionen, organisiert von der Familie und Freunden und von der Polizei, blieben ebenso erfolglos wie der Versuch, ihr Handy zu orten.

Ein Hinweis eines Internetproviders führte die Polizei schließlich auf die Spur: In Hessen habe das Telefon des Mädchens versucht, sich einzuloggen. Ab dem 28. Juli hätten sich die Hinweise auf den Tatverdächtigen verdichtet. Weil die Auswertung seiner Handydaten ergeben hatte, dass zumindest er sich am 21. Juli über einen längeren Zeitraum an dem Teufelssee aufgehalten hatte, wurde das Gebiet nach Ayleen abgesucht. Der Teufelssee befindet sich in einem Naturschutzgebiet, ist mit dem Auto schlecht zu erreichen und schwer zugänglich – das machte die Suche nicht leichter. Als man das Mädchen in dem Teich fand, war sie vermutlich schon eine Woche tot.

Die Ermittler müssen Millionen digitaler Spuren auswerten

Der Tatverdächtige und das Mädchen, davon gehen die Ermittler aus, kannten sich. Die 14-Jährige, die als eher schüchtern, nett, zurückhaltend und als fürsorgliche Schwester für ihren kleinen Bruder beschrieben wird, war in den einschlägigen sozialen Netzwerken und Messengerdiensten unterwegs und hat auch „Fortnite“ gespielt – „wie es zig Millionen andere Jugendliche auch machen“, erläuterte Arno Englen.

Dabei soll sie den Tatverdächtigen schon vor Wochen per Chat kennengelernt haben. Wie dieser Kontakt genau aussah, wie lange die beiden schon in Verbindung standen – um das zu erfahren, müssen zehn Millionen digitale Spuren und Spurenfragmente ausgewertet werden. Das werde nicht nur Wochen, sondern viel eher Monate dauern.

„Wir haben bis zuletzt gehofft, Ayleen sei einfach ausgebüxt und meldet sich wieder“, sagte Christian Riesterer, der Bürgermeister von Gottenheim. Der ganze Ort stehe unter Schock. „Das ist das Schlimmste, was einer Familie passieren kann“, sagte er. In einem Dorf wie Gottenheim kennt jeder jeden – da sei die Trauer groß. Sein Rathaus ist im Moment weniger Verwaltungssitz als Anlaufstelle für all diejenigen, die mit Blumen oder Kerzen ihre Anteilnahme zeigen wollen. Die Familie, mit der Christian Riesterer in Kontakt steht, hat darum gebeten, das nicht vor ihrem Privathaus zu tun. „In die Trauer mischen sich Wut und Verzweiflung“, erzählte der Bürgermeister, aber auch eine große Hilfsbereitschaft und viel Solidarität mit der Familie. Am Montagabend hat Riesterer mit seinem Krisenstab im Rathaus besprochen, wie man die Familie jetzt unterstützen könne. So will die Gemeinde ein Spendenkonto einrichten.

In Ayleens Heimatgemeinde hat man gehofft bis zum Schluss

„Nach allem, was wir jetzt wissen, hatten wir keine Chance, Ayleen lebend zu finden“, stellte der Freiburger Polizeipräsident Franz Semling fest. „Das ist besonders bitter.“