Verloren, vergessen, verlassen? Diese „Lost Places“ gibt es im Kinzigtal

Charlotte Reinhard , aktualisiert am 13.10.2025 - 12:49 Uhr
Lost Places gibt es überall auf der Welt, die Zahl ihrer "Fans" ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Foto: KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle

„Lost Places“ reizen Menschen weltweit. Für viele ist es ein Hobby, verfallende Häuser, Höfe oder Industriegebäude zu erkunden. Auf den von ihnen erstellten Karten sind einige im Kinzigtal zu finden.

Sie sind seit Jahren verlassen, unbewohnt und verfallen allmählich. „Lost Places“ gibt es überall in der Welt und es gibt viele Menschen, die von ihnen fasziniert sind und sie erkunden. Dies passiert freilich meistens illegalerweise, weil es sich bei den Immobilien um fremden Besitz handelt.

 

Sie bezeichnen sich als „Urban Explorers“ oder „Urbexers“ und sehen die leerstehenden Häuser, Bauernhöfe, Krankenhäuser oder Industriegebäude als Fenster zu vergangenen Zeiten, die ihre eigene Geschichte erzählen. „Urbexer“ sind zum Beispiel über soziale Medien lose organisiert und im Internet sind auch Karten zu finden, auf denen sie erkundete „Lost Places“ verzeichnen, Informationen zu den Gebäuden teilen sowie den genauen Standort. Auch in sozialen Netzwerken teilen sie Fotos ihrer Streifzüge.

Auf einer dieser Karten sind auch verlassene Gebäude aus dem Kinzigtal zu finden. Ein Rundgang durch die Region.

Seitdem der Hof verkauft wurde, hat sich nichts mehr getan

Verlassener Hof in Mühlenbach: Im Mühlenbacher Büchern steht ein Hof leer. Ein kleiner Pfad führt über eine Wiese zu ihm, ein Weidetor versperrt aber den Weg. Ein „Urbexer“ hat zu diesem „Lost Place“ im Internet einen Kommentar hinterlassen. Er berichtet von frisch angebrachten Kabeln, Überwachungskameras und Warnschildern, die auf eine Einsturzgefahr hinweisen.

Das Gebäude gehörte Pauline Kaiser, die dort lebte, bis sie im Alter von über 90 Jahren, kurz nach Wössners Wahl zur Bürgermeisterin, starb. Da Pauline Kaiser nie verheiratet gewesen war, sollte der Hof an die nächsten Verwandten gehen. „Doch sie alle haben das Erbe des Hofs ausgeschlagen, weil sie weit weg leben und wahrscheinlich auch, weil auf dem Gebäude noch Schulden drauf waren“, erzählt Wössner. Das Haus wurde versteigert und wegen seiner Lage und der Tatsache, dass es keinen Bestandsschutz hatte, gab es jede Menge Interessenten. Den Zuschlag bekam ein Immobilienhändler. Doch seitdem dieser den Hof gekauft hat, tut sich an dem Haus nichts.

Hütte am Waldrand in Mühlenbach: Der dritte „Lost Place“ in Mühlenbach ist eine einfache Hütte am Waldrand mit Blick auf den Büchern. Per Auto ist sie nicht zu erreichen, der Weg zu ihr führt zu Fuß über steile Waldwege. Das kleine Gebäude sieht nicht wirklich verlassen oder verfallen aus. Vor ihm ist auf der Wiese ein frisch gepflanzter Setzling zu sehen, der kleine Anbau aus Holz erscheint erst vor Kurzem gebaut worden zu sein.

Die Hütte am Mühlenbacher Waldrand sieht nicht sonderlich verlassen aus. Jemand scheint sich um sie zu kümmern Foto: Reinhard

Bunker in Hausach: Ein weiterer „Lost Place“ im Kinzigtal ist ein Bunker in Hausach. Elf davon gab es im Zweiten Weltkrieg in Hausach, erste Wehranlagen entstanden aber schon im Ersten Weltkrieg. Das Kinzigtal mit seiner Eisenbahnlinie war nämlich von großer taktischer Bedeutung. Nach dem Krieg sprengten die Alliierten die Bunker. Die Überreste eines solchen sind kurz vor dem Ortseingang Hausachs zu finden. Er ist leicht zu übersehen. Laut den „Urbexer“ in den Kommentaren zu dem „Lost Place“ gibt es dort aber außer Steinen und ein paar Balken nicht viel zu sehen.

Die ehemalige Klinik in Bad Rippoldsau-Schapbach ist ein äußerst beliebter „Lost Place“. Foto: Schmid

Klinik in Bad Rippoldsau-Schapbach: Die verlassene Schwarzwaldklinik in Bad Rippoldsau-Schapbach war als „Lost Place“ schon mehrfach in den Schlagzeilen. Zwei junge Männer hatten sich im November 2019 Zutritt zu dem Gelände des Krankenhauses verschafft. Im Gegensatz zu anderen „Urbexern“, die „Lost Places“ nur besichtigen, stahlen die beide 28-Jährigen aber etwas: Sie bauten Teile eines Röntgengeräts aus und nahmen es mit. Wegen Diebstahl und Hausfriedensbruch mussten sie sich 2022 vor Gericht verantworten.

Traum vom Fünf-Sterne-Hotelresort platzt

Das riesige, zehn Stockwerke hohe Gebäude scheint als „Lost Place“ eine besondere Anziehungskraft zu haben. 47 Kommentare haben „Urbexer“ zu dem verlassenem Ort hinterlassen. Sie berichten, dass sie stundenlang das Gebäude erkundeten, aber auch dass Vandalen schon vieles im Inneren zerstört hätten. Die Klinik in Bad Rippoldsau-Schapbach war 2011 geschlossen worden, rund 100 Mitarbeiter verloren ihre Arbeitsplätze. Zunächst hatte die Aspen Group als Klinikbesitzerin mehrere Jahre lang versuchte, einen Investor zu finden. Ende 2015 kaufte ein Investor aus China die Klinik, die zu einem Fünf-Sterne-Hotelresort mit Gesundheitsschwerpunkt umgebaut werden sollte. 2016 wurden Umbaupläne vorgestellt, die Umbaukosten sollten rund 60 Millionen Euro kosten. 2019 sprang der Investor ab. Seitdem steht das Gebäude leer.

Rubin-Mühle in Gengenbach: In Gengenbach steht seit mehrere Jahren die ehemalige Rubin-Mühle. Sie nahm ihren Anfang 1889, als die Brüder und Brauereibesitzer Karl und Eduard Sohler am Bahnhof eine Malzfabrik. In den 80er-Jahren kaufte zuerst ein Schweizer Investor das Anwesen, schließlich ging es an die Lahrer Rubin-Mühle. Ab den 90er-Jahren war es nur noch ein Zwischenlager, bevor die Stadt das Gelände erwarb. Der Gemeinderat beauftragte die Verwaltung 2018, ein Entwicklungskonzept zu erstellen. Im gleichen Jahr äußerte eine Architekten-Gesellschaft Interesse an dem Gelände rund um die Mühle, aus den Plänen wurde aber nichts. Das Gebäude steht nun leer und verfällt. Das spiegelt sich in den Bildern wieder, die „Urbexer“ vom Inneren aufgenommen haben und im Internet zeigen. Sie zeigen den still gelegten Technikraum und einen Blick vom Dach.

Ehrenkodex der "Urbexer"

Für die  „Urbexer“ gibt es eine Art Ehrenkodex. In diesem ist zum Beispiel festgehalten, dass man sich bei der Erkundung der Gebäude respektvoll verhalten soll und nichts zerstören darf. Dazu gehört, dass weder Fensterscheiben eingeworfen noch Wände mit Graffiti oder anderem beschmiert werden sollen. Es gilt außerdem: Keine Feuer oder Rauchentwicklung. Des weiteren sollte niemand „Lost Places“ alleine erkunden, so dass im Notfall jemand Hilfe holen kann.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war ein Gebäude aufgeführt worden, was nach Angaben der Besitzer aber nicht verlassen ist, sondern regelmäßig als Ferienhaus genutzt wird. Wir haben den Abschnitt entfernt.