Was passieren kann, zeigt dieses Bild, das nach dem jüngsten Vorfall gemacht wurde: Das Auto hat nur noch Schrottwert – und auch Haus und Garten haben einiges abbekommen. Der Fahrer ist mit dem Schrecken davongekommen. Foto: Schmitz

Autofahrer, die mit viel zu hoher Geschwindigkeit am eigenen Haus vorbeibrausen, zahllose Schreiben an Behörden mit der immer gleichen Antwort – und nun das: Ein Unfall hat für Anwohner der Obereschacher Straße das Fass zum Überlaufen gebracht.

Königsfeld-Neuhausen - Es ist früh morgens, noch nicht einmal ganz 5 Uhr, als Ralf Baumann plötzlich aus dem Schlaf hochschreckt. "Es war so laut, ich stand direkt im Bett", erinnert sich der Anwohner der Obereschacher Straße, nahe des Ortsausgangs Neuhausen beim Friedhof, im Gespräch mit unserer Redaktion. Fotos, die Baumanns Nachbarn Marina und Hans Schmitz nur kurze Zeit später gemacht haben, zeigen, was die Anwohner an diesem frühen Morgen aus dem Schlaf gerissen hat: Der Garten der Schmitz’ gleicht einem Schlachtfeld. Schuld ist das Auto, das von der Obereschacher Straße abgekommen ist und nach seiner Irrfahrt mit dem Haus der Schmitz’ kollidiert ist. Direkt unterhalb von deren Schlafzimmer. "Ein Erdbeben ist nichts dagegen", beschreibt Marina Schmitz ihre Empfindung des Erlebnisses, das sie sichtlich mitgenommen hat.

 

Der 20-jährige Unfallfahrer, der glücklicherweise mit dem Schrecken davon kam, war betrunken, heißt es in einer Mitteilung der Polizei zu dem Vorfall – und er war mit zu hohem Tempo unterwegs, sind sich die Anwohner sicher. Wie viele Autos an dieser Stelle, die innerhalb einer geschlossenen Ortschaft liegt. Damit gilt Tempo 50. "Von zehn Autos sind aber acht zu schnell", gibt Baumann eine Einschätzung ab. Besonders früh morgens und nachts bestehe das Problem. Tagsüber sei es zwar besser, doch auch dann seien Autos mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit unterwegs.

Bei alltäglichen Aufgaben kommt die Angst

Für die Anwohner sind die Raser und auch die Angst vor weiteren Unfällen – die Kollision ist ihnen zufolge nur der jüngste Vorfall in einer ganzen Reihe – eine stetige Belastung. Die Straße kehren, Schnee schippen – es sind eigentlich alltägliche Aufgaben, doch "Sie können sich nicht vorstellen, wie viel Angst ich da habe", sagt Marina Schmitz. Besonders da die Raserei an dieser Stelle schon seit Jahren ein Problem sei. "Die mentale Belastung ist unglaublich."

Mittlerweile prangt am Ortseingang in der Obereschacher Straße eine große, auf die Straße aufgemalte Fünfzig, die Autofahrer an das einzuhaltende Tempolimit erinnern soll. Die Wirkung, sagt Hans Schmitz, sei mehr als überschaubar. Für die Anwohner ist es unverständlich, wieso an dieser Stelle nicht schon längst weitreichende Maßnahmen ergriffen wurden. Von den Behörden fühlen sie sich allein gelassen. "Das Landratsamt sagt: Hier besteht kein Risikoschwerpunkt", fasst Baumann die Antworten auf zahlreiche Schreiben an die Behörde, die für die Obereschacher Straße als Kreisstraße zuständig ist, zusammen.

Landratsamt: kein Risikoschwerpunkt

Diese Einschätzung klingt auf Anfrage unserer Redaktion auch bei Heike Frank, Pressesprecherin des Landratsamts des Schwarzwald-Baar-Kreises an. "Aus den Daten, die uns vorliegen, ist der fragliche Bereich unauffällig und stellt keinen besonderen Gefahrenschwerpunkt dar", teilt sie mit. Die Daten, das sind zum einen Unfallhäufigkeiten aus dem Verkehrsscreening Baden-Württemberg, zudem Verkehrszählungen und Geschwindigkeitsmessungen, wie Frank erläutert. "Unserer Bußgeldstelle liegen keine Erkenntnisse zu diesem Bereich vor." Und vom jüngsten Unfall abgesehen, "sind in den letzten Jahren lediglich zwei Unfälle dokumentiert".

"Hätte auch ganz anders ausgehen können"

Im Gespräch mit unserer Redaktion erinnern sich die Anwohner auf Anhieb an sechs Vorfälle. "Wir verkraften das nicht mehr. Ich könnte heulen", sagt Marina Schmitz – auch angesichts der Tatsache, dass man keinen Willen der Behörden sieht, die Situation am Ortseingang in Neuhausen zu verändern. Man müsste hier nicht nur die Anwohner, sondern auch vorbeikommende Fußgänger und die Autofahrer schützen. Denn auch wenn bis jetzt nur Sachschaden passiert sei, sei das alles andere als selbstverständlich. "Der Fahrer hatte Glück. Das hätte auch ganz anders ausgehen können", ist sich Baumann in Bezug auf den jüngsten Unfall sicher.

Blitzer oder Fahrbahnverengung gewünscht

Die Anwohner haben klare Vorstellungen, wie man der Raserei Einhalt gebieten kann. "Das geht nur mit einer Maßnahme: Die Geschwindigkeit runter zwingen", findet Baumann – entweder mit Blitzern oder baulichen Veränderungen wie Kreisverkehren oder Fahrbahnverengungen. Doch damit, haben die Anwohner den Eindruck, beiße man beim Landratsamt auf Granit.

Das sagt das Landratsamt zu den Maßnahmen

Auf Anfrage nimmt Pressesprecherin Frank zu den von den Anwohnern vorgeschlagenen Maßnahmen Stellung: "Stationäre Blitzer sind aus Sicht der Kreisverwaltung ein nur bedingt wirksames Mittel zur dauerhaften Reduzierung der Geschwindigkeit", da insbesondere ortskundige Autofahrer vor den Standorten abbremsten und danach wieder beschleunigten. "Dies führt nicht selten sogar zu einer größeren Belästigung der Anlieger durch den damit verbundenen Lärm. Der Landkreis hat daher schon vor einigen Jahren entschieden, für die Geschwindigkeitsüberwachung insbesondere auf mobile Überwachungsmöglichkeiten zu setzen."

Und wie sieht es mit einer baulichen Veränderung am Ortseingang aus? Dabei, erklärt Frank, sei insbesondere bei sogenannten klassifizierten Straßen – also Bundes-, Landes- und Kreisstraßen – "auch deren überörtliche Funktion zum Beispiel für den Schwerlastverkehr und auch die Durchführbarkeit des Winterdienstes zu berücksichtigen. Daher sind solche Maßnahmen – vorbehaltlich der Finanzierung – insbesondere dann gegebenenfalls denkbar, wenn es um die Beseitigung einer besonderen Gefahrenstelle geht. Dies ist aus Sicht der Kreisverwaltung hier aber nicht der Fall."

Anwohner richten Appell an Raser

Und so scheint für die Anwohner erst einmal alles beim Alten zu bleiben – für Marina und Hans Schmitz sowie Ralf Baumann eine schier unerträgliche Vorstellung. "Dieses Mal muss etwas passieren. Noch einmal mache ich das nicht mehr mit", sagt Marina Schmitz im Gespräch. Die Anwohner haben den Eindruck, dass erst etwas Schlimmeres geschehen muss, bevor die Behörden hier einschreiten. Und genau das wolle man ja vermeiden. Aktuell bleibt ihnen daher kaum etwas anderes übrig, also an die Vernunft der Autofahrer zu appellieren – und auf Besserung zu hoffen.