Der Begriff „Shared Space“ erhält vor der Gerber-Baustelle derzeit eine ganz neue Bedeutung: Fußgänger müssen sich den Bereich noch mit Baggern und Radladern teilen. Foto: Leif Piechowski

Die Zeit drängt: In einem halben Jahr öffnet das neue Gerber seine Pforten. Bis dahin muss die Verwaltung ein schlüssiges Verkehrskonzept umsetzen. Eine Einbahnstraße soll den gordischen Verkehrsknoten entwirren.

Stuttgart - Der Neubau des Gerber neben der Paulinenbrücke wirft seine Schatten ­voraus. Die größten von ihnen fallen auf die Tübinger Straße. Der zuständige Bezirksbeirat Süd fordert schon seit über einem Jahr ein schlüssiges Verkehrskonzept von der Verwaltung. Die will die Pläne am 8. April, nur etwa ein halbes Jahr vor der Gerber-Eröffnung, im Bezirksbeirat Süd präsentieren. Nach Informationen unserer Zeitung wird das Stadtplanungsamt vorschlagen, die ­Tübinger Straße in eine Fahrradstraße zu verwandeln. Radfahrer würden dort dann grundsätzlich Vorfahrt genießen, und die Höchstgeschwindigkeit wäre auf 30 ­Stundenkilometer begrenzt.

Die Zufahrt ins Gerber-Parkhaus wird auf Ebene eins über die Paulinenbrücke und auf der Nullebene über die Paulinenstraße respektive Tübinger Straße abgewickelt (siehe Grafik). Laut eines Gutachtens des Ingenieur­büros Karajan rollen nach der Gerber-­Eröffnung täglich 6300 Fahrzeuge zusätzlich über die angrenzenden Straßen. Etwa 75 Prozent davon beziehungsweise 4700 dürften laut Gutachten über die Tübinger Straße strömen. Denn auf ihr ­befinden sich sowohl eine Zu- als auch eine Ausfahrt vom Gerber-Parkhaus.

Nicht zuletzt deshalb wollen der Bezirksbeirat Süd und sein Vorsteher Rupert Kellermann (Grüne) eine schnelle Abführung auf die B 14 über die Feinstraße. Den Bürgervertretern geht es außerdem um den zufließenden Durchgangsverkehr: Ihn wollen sie von der Tübinger Straße fernhalten. Deshalb fordern sie darüber hinaus, die Tübinger Straße ab der Feinstraße zur Einbahnstraße umzufunktionieren. Die Verwaltung hat angedeutet, diese Idee verfolgen zu wollen – mit einer Fahrtrichtung stadtauswärts Richtung Marienplatz.

Diese Pläne dürften dem Bezirksbeirat Süd schmecken. Uwe Völker (Grüne) hatte sich dort für die Fahrrad- beziehungsweise Einbahnstraße starkgemacht: „Ansonsten wird der Süden, was den Radverkehr angeht, mit der ­Eröffnung des Gerber von der Innenstadt abgeschnitten.“ Schon jetzt nutzen viele Radfahrer die Tübinger Straße als Route von ­Vaihingen in die Innenstadt.

Jenseits der Bezirksgrenze, auf der anderen Seite der Paulinenbrücke, laufen die Bauarbeiten für die Gerber-Eröffnung am 22. September auf Hochtouren. Fußgänger, die über den losen Schotter in die dortigen Geschäfte gelangen wollen, müssen acht­geben, dass sie nicht umherfahrenden ­Baumaschinen in die Quere kommen.

Auf dem Teilstück zwischen Brücke und Sophienstraße entsteht – wie zwischen ­Eberhardstraße und Sophienstraße bereits umgesetzt – eine verkehrstechnische ­Mischfläche, auch Shared Space genannt. Fußgänger, Fahrradfahrer und Autofahrer nutzen den Raum dann gleichberechtigt. Einzige Auflagen: eingeschränktes ­Halteverbot und eine auf 20 Stundenkilometer begrenzte Höchstgeschwindigkeit.

So weit, so gut. Doch die zu erwartende Parksituation beschäftigt die Bürgervertreter noch. Sowohl die ordnungswidrig ­parkenden Autofahrer als auch der ­absehbare Lieferverkehr sind Veronika Kienzle (Grüne) ein Dorn im Auge. Die ­zuständige Bezirksvorsteherin für die ­Innenstadt befürchtet massive Einschränkungen, sollten den ganzen Tag über ­Lastwagen den Shared Space blockieren: „Die Reifen eines 46-Tonners sind größer als die Kinder, die dort vielleicht über die Straße laufen.“ Kienzle fordert, den Lieferverkehr des Gerber nur bis 11 Uhr zuzulassen. „Auf der Königstraße stellt das auch kein Problem dar – warum dann nicht auch in der ­Tübinger Straße?“, fragt sie.

Grundsätzlich begrüßt die Bezirksvorsteherin die ­Errichtung des Shared Space aber sehr. „Auf der Tübinger Straße zwischen Sophien- und Eberhardstraße haben wir dieses ­Konzept schon umgesetzt, hier sind wir sehr ­zufrieden.“ Vor allem die Händler spüren positive Effekte. Die Frequenz im Laden sei seit der Umwandlung deutlich nach oben ­gegangen, sagt beispielsweise Norbert ­Kallas. Er betreibt im Shared Space der ­Tübinger ­Straße ein Modegeschäft und sitzt dem Gerberviertelverein vor, einem Zusammenschluss der ansässigen Händler. Ob die Stadt die Signale der Händler und ­Bürgervertreter hört und welche ­Straßenschilder sie wo ­aufstellt – das alles präsentiert sie der ­Öffentlichkeit am 8. ­April in der Sitzung des Bezirksbeirats Süd.