Im gesamten Schiltacher Stadtgebiet – also auch in Vorder- und Hinterlehengericht – sind Busfahrten ab 2022 kostenlos. Foto: Sum

Parkplatznot in der Innenstadt, weniger Autos für ein besseres Klima. Beides Themen, mit denen Schiltach wahrlich nicht allein da steht. Die Stadt geht sie offensiv an – und bietet den Stadtverkehr ab 2022 kostenlos an.

Schiltach - Rund 100.000 Euro investiert die Stadt, um das Nutzen von Stadt- und Linienbussen innerhalb der Kommune kostenfrei zu gewähren.

Nahverkehrsangebot schon jetzt sehr gut

Schon jetzt steht Schiltach in Sachen Nahverkehr äußerst gut da. Der Stadtbus, der quasi den gesamten Stadtbereich abdeckt, fährt unter der Woche im Halbstundentakt – und das von 5.30 bis 19 Uhr. So ein Angebot gebe es wohl in keiner anderen Kommune dieser Größenordnung, sagte Bürgermeister Thomas Haas in der Sitzung des Gemeinderats am Mittwoch, in der das Thema auf den Tisch kam. Der Stadtbus werde, besonders von der älteren Bevölkerung, "gut genutzt". Dennoch sieht er "noch Luft nach oben" –­ und hofft, mit dem kostenfreien Busangebot noch mehr Menschen zum Umstieg zu bewegen. Etwa, weil Bürger aus dem Randbereich künftig vielleicht doch mit dem Bus zur Arbeit fahren statt das Auto zu nehmen. Denn: Kostenfrei wird nicht nur die Fahrt mit dem Stadtbus, sondern auch mit den Linienbussen nach Vorder- und Hinterlehengericht.

Null-Fahrschein vom Busfahrer

Eine Hürde, die die Stadt bei der Umsetzung nehmen musste, war die konkrete Abwicklung: "Das Finanzierungssystem ist relativ komplex; da stecken Zuschüsse aus allen möglichen Richtungen drin", erläuterte Hauptamtsleiter Michael Grumbach. Um eben diese nicht zu gefährden, aber doch eine korrekte Abrechnung hinzubekommen, waren einige Absprachen mit der Südbadenbus GmbH erforderlich. Die Ursprungsidee – der Bürger steigt ein, fährt kostenlos mit und steigt wieder aus – musste etwas angepasst werden. Tickets müssen weiterhin gelöst werden. Beim Einstieg bekommt der Fahrgast künftig einen so genannten kostenlosen Null-Fahrschein vom Busfahrer. Er ist wichtig, dass der Fahrgast erfasst wird, in die Statistik einfließt und die Fahrt mit der Stadt abgerechnet werden kann.

Gutschein für Monatskarten bei der Stadtkasse

Auch Monatskarten wird es weiterhin geben. Dafür können sich Bürger bei der Stadtkasse einen Gutschein abholen, der vom Busfahrer dann in eine "echte" Monatskarte umgewandelt wird. Dieses Angebot richtet sich nur an Schiltacher Bürger. Bei den Monatskarten "empfehlen wir ein Abo", so Grumbach. Damit profitierten Fahrgäste auch von den diversen Freizeitregeln des Verkehrsverbunds.

Grumbach rechnet mit Kosten von rund 100.000 Euro, die auf die Stadt fürs kommende Jahr zukommen. Die Berechnungen, so erklärt er, beruhen auf den Fahrgastzahlen 2019 und den Ticketpreisen von 2021. Vielleicht werde es noch etwas mehr, "wenn der erhoffte Effekt eintritt und der ein oder andere Passagier mehr das Angebot nutzt", sagte Grumbach.

Viel Lob aus dem Gemeinderat

Das Geld "kommt unserer Bevölkerung und vor allem dem Klima zugute", warb Thomas Haas – "und vielleicht irgendwann auch der Parkplatzsituation". Überzeugungsarbeit musste er aber keine leisten: Aus den Reihen des Gemeinderats gab es ausschließlich Lob. "Ich finde das richtig klasse. Auch, dass es so kurzfristig klappt", sagte Ulrich Kohler. Martin Schuler sah das Projekt ebenfalls als "super Sache". Gerade für Vorder- und Hinterlehengericht werde ein großer zusätzlicher Anreiz geschaffen, den Bus "viel mehr zu nutzen".

"Wir setzen damit ein Zeichen"

Axel Rombach bezeichnete den Schritt zum kostenlosen Busverkehr als "gut und mutig". Er fragte, ob das Projekt zeitlich begrenzt werde. Denn: "Auf Dauer kann es mit so einem hohen Zuschuss der Stadt nicht gehen. Da muss dann schon irgendwann was vom Land kommen." Haas indes riet von einer zeitlichen Begrenzung ab: "Es dauert immer eine Weile, bis die Leute so ein Angebot annehmen." Die Stadt werde im Auge behalten, wie sich das Projekt entwickle – und entsprechend reagieren. Auch wenn das Land keinen zusätzlichen Zuschuss gewährt (siehe Info), werde die Regierung in Stuttgart "das Projekt sicherlich beobachten", ist Michael Buzzi überzeugt. "Wir setzen damit ein Zeichen", meinte er weiter.

Einstimmig beschloss der Rat daher, den Stadtverkehr ab 2022 für die Bürger kostenfrei zu machen. "Wir sind vermutlich mit eine der erste Kommunen in der ganzen Republik", die ihren Bürgern einen kostenlosen Busverkehr zur Verfügung stellt, mutmaßte Thomas Haas. Und auch Michael Grumbach sprach nach der Entscheidung des Rats von einem "Leuchtturmprojekt".

Info: Land gibt keinen Zuschuss

Das Land Baden-Württemberg übrigens macht keine extra Förderung für das Schiltacher Projekt locker. Bürgermeister Thomas Haas hatte dazu Kontakt mit Gerd Hickmann, Leiter der Abteilung Öffentlicher Verkehr im Verkehrsministerium, aufgenommen – aber eine Absage erhalten.

Kommentar: Vorreiterrolle

Von Michaela Sum

Die Stadt Schiltach nimmt 100. 000 Euro in die Hand und bietet seinen Bürgern ab 2022 einen kostenlosen Stadtverkehr. Das ist ein wichtiger, ein richtiger Schritt in die Zukunft. Eine Kommune, die finanziell so gut da steht wie Schiltach, ist umso mehr gefordert, in Sachen Klimaschutz eine Vorreiterrolle einzunehmen. Denn wie so oft sind auch Maßnahmen gegen den Klimawandel meist erstmal eine Frage des Geldbeutels. Jetzt ist es aber auch an der Bevölkerung, die Wende aktiv mitzugehen und das Angebot zu nutzen. Es ist nur wünschenswert, wenn der kostenlose Stadtverkehr dazu anregt, das Auto öfter mal stehen zu lassen und für den Weg zur Arbeit oder zum Einkauf den Bus zu nehmen. Einmal mehr könnte auch da der Geldbeutel da Anreiz sein – denn die Fahrt zur Tankstelle macht angesichts der Spritpreise derzeit wohl den Wenigsten Spaß.