Auch zu Coronazeiten führen die Balkanstaaten Europas Unfallstatistiken bei den Todeszahlen an. Nicht nur Schlaglöcher und gewagte Überholmanöver tragen dazu bei. Und noch etwas anderes spielt eine wesentliche Rolle.
Belgrad - Die Rückkehr vom Wochenendausflug nach Istanbul endete auf Bulgariens berüchtigter „Struma“-Autobahn im Flammenmeer. 45 Mazedonier, darunter 11 Kinder, verloren ihr Leben, als ihr Reisebus Ende November unweit von Pernik bei Regen und schlechten Sichtverhältnissen nachts in die Leitplanke krachte und in Sekundenschnelle komplett ausbrannte.
Die Region liegt bei den Todesstatistiken vorn
Sie sei auch nicht glücklich über den Zustand der heimischen Straßen, kommentierte Bulgariens geschäftsführende Bauministerin Violeta Komitowa am vergangenen Wochenende hilflos den schwersten Busunfall in Europa in den letzten 20 Jahren. Doch „viele Faktoren“ hätten bei dem Unglück eine Rolle gespielt: „Solche Dinge können überall passieren. Ich verstehe nicht, warum der Staat für jede Katastrophe verantwortlich gemacht werden sollte.“ Doch auffällig ist die hohe Zahl der Toten, die es im Straßenverkehr auch zu Zeiten der Pandemie auf dem Balkan gibt. Obwohl die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle in ganz Europa im letzten Jahrzehnt kräftig gesunken ist, liegt die Balkanregion zumindest bei den Todesstatistiken weiter vorn.
Auch die Korruption spielt eine Rolle
In der EU wies Rumänien mit 85 Verkehrstoten pro einer Million Einwohner laut Angaben von Eurostat 2020 erneut die höchste Opferrate auf – vor Lettland (74) und Bulgarien (67). Mit einer ähnlichen Bilanz warten die EU-Anwärter Montenegro (77), Serbien (71) sowie Bosnien und Herzegowina (69) auf, die das EU-Mittel (42) allesamt klar übertreffen. Schlecht gesicherte Überlandstraßen, zu wenig Autobahnen, viele altersschwache Autos und fahrlässige Fahrer: Die Gründe für die Unfälle auf den Straßen des Balkans sind vielfältig.
Zu den mangelnden Mitteln gesellt sich oft die Korruption: Den Preis für schlecht fundierte Straßen und mangelhafte Leitplanken haben die Reisenden zu bezahlen.
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Von Schlaglöchern übersät
In Rumänien hat sich die Zahl der unbeleuchteten Pferdefuhrwerke, die für Kraftfahrer nach Einbruch der Dunkelheit lange ein lebensgefährliches Risiko darstellten, zwar drastisch reduziert. Doch noch immer sind vor allem in der Provinz viele Straßen unzureichend mit Leitplanken gesichert und von Schlaglöchern übersät. Das schlecht ausgebaute Autobahnnetz macht Überlandfahrten im Karpatenstaat nicht nur zu einer zeitraubenden, sondern auch riskanten Mission: Wahnwitzige Überholmanöver, mit denen endlose LKW-Kolonnen umkurvt werden, sind häufig die Ursache für schwere Unfälle. Schlecht markierte Straßen, aber auch den leichtsinnigen Gebrauch von Mobiltelefonen während der Fahrt nennt Bulgariens staatliche Agentur für Verkehrssicherheit als Hauptgründe für die hohe Zahl tödlicher Unfälle.
Am schlimmsten ist die Situation in Bosnien
Auch auf dem Westbalkan kommen zum holprigen Asphalt oft enge Schluchten hinzu: Überhöhte Geschwindigkeit hat in Montenegros kurvenreichen Moraca-Canyon schon zahlreiche Reisende in die Tiefe rauschen lassen. In Kroatien wiederum hat sich ausgerechnet die flache Autobahn durch Slawonien als Todesfalle einen traurigen Namen gemacht: Vor allem bei eintönigen Nachtfahrten geraten Fahrer wegen Sekundenschlafs regelmäßig von der Fahrbahn ab.
Die Region sei voller „schwarzer Punkte“, berichtet resigniert die serbische Zeitung „Blic“ über die „Balkan-Straßen des Todes“: „Und am schlimmsten ist die Situation in Bosnien.“ Tatsächlich gelten die kurvenreichen Fernstraßen durch die engen Täler, Tunnels und über die steilen Anstiege des bergreichen Vielvölkerstaats genauso als Gefahrenherd wie die mangelhafte Beschilderung, die fehlenden Leitplanken und die altersschwachen Vehikel der vielfach risikofreudigen Raser.
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Liste der 15 gefährlichsten Straßen der Welt
Doch nicht nur auf Bosniens stark befahrenen Fernstraßen zwischen Sarajevo und Mostar, Banja Luka und Jajce oder zwischen Zenica und Maglaj kracht es auffallend oft. In Serbien gilt vor allem die „Ibarska magistrala“ von Belgrad nach Cacak als tückische Todesfalle. In Kroatien hatte vor einigen Jahren die „Jadranska magistrala“, die Überlandstraße entlang der Adria-Küste, selbst die Aufnahme in die Liste der 15 gefährlichsten Straßen der Welt geschafft.
Fahrer verlieren die Orientierung
Auch auf Bulgariens „Struma-Autobahn“ kam es seit der Eröffnung 2002 regelmäßig zu tödlichen Unfällen. Eine zu geringe Zahl von Warnschildern und kaum mehr leuchtende Reflektoren beklagen Fachleute schon seit Jahren. Vor allem bei schlechten Witterungsverhältnissen drohten Fahrer in der Dunkelheit die Orientierung zu verlieren, so Dijana Rusinowa vom Europäischen Zentrum für Transportpolitik: „Auf diesem Teilstück ist es wie in der Wüste. Bei Regen und Nebel weiß der Fahrer nicht mehr, wo er ist.“
Viel weniger Verkehrstote in Deutschland wegen Corona
Schätzung
Die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland wird im zweiten Corona-Jahr voraussichtlich einen neuen Tiefststand erreichen. Sie dürfte für 2021 auf 2450 zurückgehen, wie das Statistische Bundesamt auf Basis einer Schätzung mitteilte. Das wäre der niedrigste Stand seit Beginn der Statistik vor mehr als 65 Jahren. Der bisherige Tiefststand war 2020 mit 2719 Toten im Straßenverkehr erfasst worden, das waren 327 oder elf Prozent weniger als im Jahr 2019 (3046 Verkehrstote). Die Rückgänge sind maßgeblich auf das im Vergleich zu 2019 deutlich geringere Verkehrsaufkommen infolge der Corona-Pandemie zurückzuführen, wie die Statistiker erklärten.
Verletzte
Auch bei der Zahl der Verletzten ist den Angaben zufolge im Jahr 2021 gegenüber 2020 eine Verringerung zu erwarten, und zwar um rund acht Prozent auf rund 301 000. Dennoch bedeute dies weiterhin täglich durchschnittlich knapp sieben Tote und mehr als 800 Verletzte im Straßenverkehr, hieß es.
Die Zahl der polizeilich erfassten Unfälle wird bis zum Jahresende laut Schätzung voraussichtlich leicht um etwa ein Prozent gegenüber 2020 sinken. Trotzdem werde es 2021 schätzungsweise mehr als 2,2 Millionen Unfälle auf Deutschlands Straßen geben. (epd)