Ein Pkw wird an einer Tankstelle betankt. (Symbolbild) Foto: Uwe Lein/dpa

Seit August gibt es eine Tankstelle weniger in Wildberg. Die Gründe waren vielfältig, die Herausforderungen vor denen der gesamte Sektor steht, nehmen nicht ab. Wie steht es insgesamt um die Aussichten der Branche?

Die Familie Schmidt schloss schweren Herzens ihre freie Tankstelle in der Talstraße in Wildberg. Zu der Schließung führten unter anderem die schwankenden Mineralöl-Preise und veränderten Vorschriften. Nicht nur Krisen, Kriege und neue Gesetze stellen die Betreiber vor Probleme, auch die Zukunft des Autos spielt eine Rolle.

 

Durch das angestrebte Aus der Verbrennermotoren käme es laut Anne Grote, Managerin für Kommunikation vom Bundesverband der freien Tankstellen und unabhängigen Mineralölhändler, derzeit nicht zu vermehrten Betriebsaufgaben. „Die Gesamtzahl der Tankstellen ist seit Jahren stabil, aktuell haben wir 14 442 Stationen“, sagt sie.

Schwankende Kraftstoffpreise hätten die Tankstellen und Unternehmen schon immer betroffen. Seit zwei Jahren erschwere die „politische Großwetterlage“ das Geschäft. Gleichwohl seien die Preise für Benzin und Diesel immer noch ausgesprochen stabil.

„Große Fünf“ haben keinen Einfluss auf Preis

Laut Herbert Rabl, Pressesprecher vom Tankstellen Interessenverband, hätten dessen Mitglieder keinen Einfluss auf die Spritpreise. Diese werden ihnen vorgegeben und automatisch eingestellt. Sie würden sich nach den Verkehrsströmen richten und deshalb käme aus auch teilweise zu 20 Preissprüngen am Tag. Der Verband vertritt hauptsächlich die Pächter der fünf großen Akteure auf dem Markt: BP (Aral), Phillips 66 (Jet), EG Group (Esso), Shell und TotalEnergies.

Trotzdem zeigen sich jetzt schon große Veränderungen, die auf alle Beteiligten zu kommen. Das sehe man im Verkauf von TotalEnergies an den kanadischen Tankstellen- und Supermarktbetreiber CircleK und dem geplanten Verkauf der Jet-Tankstellen. Die Gründe dafür sind vielfältig, so zum Beispiel die Verbrennerverbotspläne ab 2035 und die Ladesäulenpflicht, die große Investitionen nach sich ziehen.„Der Tankstellenmarkt insgesamt ist in Bewegung“, so Grote.

60 Prozent der Einnahmen gehen über den Shop

Diese Entwicklung sieht auch Herbert Rabl. Ein Großteil der Betreiber mache jetzt schon gut 60 Prozent seiner Einnahmen durch den Verkauf von Produkten im eigenen Shop. Die Branche an sich habe noch 20 Jahre Zeit sich auf die kommenden Entwicklungen, wie zum Beispiel das Aus des Verbrenners und die Umstellung auf Elektro-Autos, einzustellen.

Doch die Tankstelle „wird bleiben, was sie immer war“, so Rabl. Denn die Kraftstoffversorgung stehe erst sei circa 100 Jahren im Vordergrund. Die Geschichte gehe viel weiter zurück. Dort wo früher die Pferde umgespannt wurden, entstand meistens ein Gasthaus zur Versorgung. Was man an vielen Namen der Gaststätten noch heute ablesen könne, wie zum Beispiel „zum Rössle“.

Verband wünscht sich mehr Technologieoffenheit

Dennoch: Deutschland tue sich schwer bei der Umstellung vom Verbrenner auf Elektro-Autos. China habe dabei einen Vorsprung. Auch alternative Kraftstoffe sind erst seit Kurzem verfügbar, wie beispielsweise HVO100. Der Biodieselkraftstoff wird aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt und gilt daher als klimafreundlicher als herkömmlicher Diesel. Insgesamt würde man sich mehr Technologieoffenheit wünschen, macht der Pressesprecher klar.

Einen Vorteil der „Großen“ gegenüber den freien Tankstellen, sieht Grote indes nicht. „Da freie, meist kleine Tankstellen als örtlicher Nahversorger viele Sympathien in der Bevölkerung genießen und auf Marktgegebenheiten rascher und flexibler reagieren können als große Ketten“, sagt sie. Große Anbieter dagegen könnten durch ihre integrierte Struktur von der Quelle über die Raffinerien zur Tankstellen größere Anteile in der Wertschöpfung sichern.

Tankstellen werden zum Tante-Emma-Laden

Beide Interessenvertreter stimmen darüber ein, dass die Tankstellen der Zukunft wahrscheinlich immer mehr den schwindenden Einzelhandel ersetzen wird, vor allem auch im ländlichen Raum. Bereits jetzt würden viele Pächter eigene Bäckereien in ihren Tankstellen betreiben und zusätzlich Produkte vom örtlichen Metzger anbieten. „Die längeren Öffnungszeiten bieten viel Flexibilität und können entsprechend auf das Kundenverhalten eingehen“, sagt Grote.

So könnten die Tankstellen in näherer Zukunft den Tante-Emma-Laden ersetzen. Die Kunden können dann während sie ihr Fahrzeug tanken oder aufladen, neben dem Kaffee noch Lebensmittel oder frisches Obst einkaufen.