„Antriebswende, Mobilitätswende – Was bedeutet das für uns im ländlichen Raum?“ Diese Frage stellte sich der Kreisverband von Bündnis 90/Die Grünen.
Kein Geringerer als Landesverkehrsminister Winfried Hermann gab darauf Antworten im Foyer des Franziskaners in Villingen und stellte sich der Diskussion mit den laut Verbandsvorsitzenden Jens Kieninger „erfreulich vielen“ Gästen. Dass dazu keine störenden zählten, dafür sorgten vor dem Kulturzentrum postierte Polizeibeamte mit fünf Streifenwagen. „Das hatten wir ja noch nie“, staunte ein Besucher.
Drinnen begrüßte die Landtagsabgeordnete Martina Braun ihren Kollegen „Winne“ und betonte, dass man insbesondere im ländlichen Raum nie ganz auf das Auto werde verzichten können. Der Landkreis sei in Sachen Mobilitätswende „nicht schlecht aufgestellt“, könne aber noch besser werden, so die Linacherin.
Winfried Hermann blickte zunächst auf die Anfänge seines Ressorts zurück, als der Verkehrsminister „noch einer war, der Straßen gebaut und den Klimaschutz komplett ignoriert hat“. Inzwischen habe sich der Emissionsausstoß bundesweit zwar schon erheblich reduziert, nicht aber im Verkehr. Die Senkung des Spritverbrauchs durch technische Weiterentwicklungen habe sich durch mehr Fahrzeuge und mehr Fahrten aufgehoben.
Engagement aller gefragt
Für die in Baden-Württemberg 2040 angestrebte Klimaneutralität stehen fünf ambitionierte Ziele: die Fahrgastzahlen im öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) verdoppeln, jeden zweiten Weg aus eigener Kraft überwinden, jede zweite Tonne und jedes zweite Auto klimaneutral bewegen sowie den Autoverkehr insgesamt um 20 Prozent reduzieren. Hermann setzt nicht nur auf die Politik und die Wirtschaft, sondern auf „jeden Einzelnen von uns“. Dafür wolle er breite Allianzen bilden, denn „das funktioniert nur, wenn alle mitmachen“.
Obwohl der ÖPNV in den drei Legislaturperioden, in denen er sich gerade als bundesweit dienstältester Verkehrsminister befinde, um ein Drittel ausgebaut wurde, breche die Infrastruktur gerade zusammen, gab Hermann zu und forderte sowohl die Deutsche Bahn als auch die Kommunen zur Zusammenarbeit auf, um den ÖPNV besser und attraktiver zu machen. Ebenfalls nur appellieren könne er, wenn es um den Ausbau von Terminals gehe, damit mehr Güter auf die Schiene kommen, und Lastkraftwagen klimafreundlicher zu machen.
Bürgerinitiative gegen den Lückenschluss positioniert sich
Über die Antriebswende als technischen Teil der Mobilitätswende hat Hermann unter gleichem Titel ein Buch geschrieben. „Alles bleibt anders“ heißt dagegen sein Werk, in dem er sich mit der Änderung des gesamten Systems beschäftigt, bei der „die Trägheit des Menschen das größte Problem“ sei. Probleme gibt es vor der Mobilitätswende jedoch noch etliche mehr. Das Schienennetz der DB Cargo müsse dringend saniert, das Überangebot von „motorisierten Sitzen“ besser genutzt – Stichwort Car-Sharing – und Elektromodelle billiger werden.
In der Fragerunde warf das Publikum weitere Schlaglichter auf die aktuelle Klimaunfreundlichkeit des Verkehrs. Wie zu erwarten, spielte der vom Bundestag beschlossene Bau der B523 eine Hauptrolle. Peter Sachse und Thomas Schumacher von der Bürgerinitiative gegen den Lückenschluss wussten von der inzwischen nachgewiesen negativen Kosten-Nutzen-Rechnung und forderten den Minister auf, sich gegen die Straße zu positionieren. „Es ist noch nichts entschieden“, so Hermann, „aber wir werden aufmerksam bleiben“. Beruhigend für die Gegner: Mit dem Beschluss für die B523 sei in Berlin zugleich deren Wirtschaftlichkeit vorausgesetzt worden, so Hermann.
Besucher bringen viele Ideen ein
Dass es bis zur Mobilitätswende noch viel zu tun gibt, machten die weiteren Anregungen der Anwesenden deutlich, die von aufeinander abgestimmten Taktungen und attraktiven Tarifangebote im Schienen- und Busverkehr über den Ausbau des Radwegenetzes bis hin zu PV-Anlagen auf Lärmschutzwällen reichten.