Die türkische Regierung verhandelt mit den Taliban ein Abkommen, um künftig den Flughafen der afghanischen Hauptstadt zu leiten. Die Übernahme könnte weitere Evakuierungen ermöglichen.
Ankara - Nach dem Abzug der US-Truppen aus Afghanistan sieht die Türkei die Chance, ihren Einfluss in Zentralasien auszubauen. Ankara will zusammen mit Katar den Flughafen von Kabul übernehmen, um zivile Flüge und Hilfslieferungen zu ermöglichen. Verhandlungen mit den Taliban dazu laufen. So will die Türkei ihre beschädigten Beziehungen zum Westen verbessern – andere Nato-Länder sind froh, dass Ankara die undankbare Aufgabe übernehmen will. Doch es geht auch um eigene Interessen der Türkei. Präsident Recep Tayyip Erdogan ist dafür offenbar bereit, das Taliban-Regime als legitime Regierung von Afghanistan anzuerkennen.
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Die rund 500 türkischen Soldaten, die in der inzwischen abgezogenen Nato-Truppe den militärischen Teil des Flughafens bewacht hatten, kehrten vorige Woche in die Türkei heim. Die türkische Botschaft in der afghanischen Hauptstadt ist weiter besetzt. In Verhandlungen zwischen türkischen Diplomaten und den Taliban geht es um die Bedingungen, unter denen türkische Techniker zusammen mit Experten aus Katar die Leitung des Flughafens übernehmen könnten. Am Mittwoch meldete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf gut informierte Kreise, ein katarisches Flugzeug mit technischem Team an Bord sei in Kabul gelandet, um „die Wiederaufnahme des Flughafenbetriebs zu besprechen“.
Ein „kluger Schachzug“ der Türkei
Ein geregelter Betrieb könnte es Deutschland und anderen Staaten ermöglichen, weitere Staatsbürger und afghanische Ortskräfte auszufliegen und die Lieferung von Hilfsgütern wieder aufzunehmen. Die Türkei hatte schon vor der Machtübernahme der Taliban angeboten, den Flughafen zu übernehmen. In der aktuellen Situation will kein anderer Nato-Staat dort Verantwortung übernehmen, doch die Türkei erhält ihr Angebot aufrecht. Erdogans Regierung fordert von den USA dafür diplomatische und logistische Hilfe. Auch Deutschland hat Unterstützung zugesagt. Westliche Diplomaten sprechen von einem „klugen Schachzug“ Ankaras.
Türkische Ex-Soldaten für die Sicherheit
Allerdings sind wichtige Fragen offen. Nach Angaben des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu müssen die Startbahn und die elektronische Ausrüstung am Flughafen von Kabul repariert werden. Bislang gibt es dafür keinen festen Plan. Unklar ist auch, wer für die Sicherheit zuständig sein soll. Die Taliban wollen keine türkischen Soldaten in Afghanistan haben, doch Erdogan will der Miliz nicht das Feld überlassen. In einem Gespräch mit Journalisten wandte er sich an die Taliban: „Nehmen wir an, wir lassen euch für die Sicherheit sorgen und dann gibt es wieder einen verheerenden Anschlag – wie sollen wir das dann der Welt erklären?“
Ein Ausweg könnte in der Entsendung von türkischen Ex-Soldaten bestehen, die als Angestellte privater Sicherheitsfirmen nach Kabul geschickt würden, berichtete das meist gut informierte Nachrichtenportal „Middle East Eye“. Es meldete zudem unter Berufung auf einen Entwurf für die geplante Vereinbarung zwischen Ankara und den Taliban: Die diplomatische Anerkennung des Regimes durch die Türkei sei Teil des Deals.
Erdogan will Machtvakuum nutzen
Offiziell begründet Erdogan das Engagement in Afghanistan damit, dass die Türkei als indirekter Nachbar bei der Entwicklung in dem Land nicht Zuschauer bleiben könne. Ankara will eine Flüchtlingswelle aus dem Land verhindern. Dem türkischen Präsidenten geht es aber auch darum, vom Rückzug der Amerikaner zu profitieren. So wie vor zwei Jahren in Libyen will die Türkei jetzt in Afghanistan ein Machtvakuum für sich nutzen. Auch der Iran, Russland, China und Pakistan wollen nach dem Abzug der Nato-Truppen ihren Einfluss in Afghanistan sichern und ausbauen.
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Erdogan hält einen Vertrag mit den Taliban nach Vorbild des türkischen Abkommens mit Libyen für möglich. Mit der umstrittenen Vereinbarung zwischen Ankara und Tripolis vom November 2019 unterstützten sich beide Seiten gegenseitig: Die Türkei sicherte der damaligen libyschen Regierung militärische Hilfe im Bürgerkrieg zu. Im Gegenzug erkannte Libyen die sehr weit reichenden Gebietsansprüche der Türkei im östlichen Mittelmeer an.
Türkisches Volk mehrheitlich dagegen
Alles, was er für ein ähnliches Abkommen mit Afghanistan brauche, seien Gesprächspartner in Kabul, sagte Erdogan den türkischen Reportern. Der Präsident spielt den Extremismus der Taliban seit Wochen herunter. So sagte er im Juli, es gebe keine großen religiösen Unterschiede zwischen den Türken und den Taliban. Jetzt betonte Erdogan, die Taliban würden nach seiner Einschätzung heute Frauen anders behandeln als während ihrer ersten Herrschaftszeit vor 20 Jahren.
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Bei den türkischen Wählern kommt das neue außenpolitische Abenteuer des Präsidenten nicht gut an. Mehr als die Hälfte der Türken lehnen eine Anerkennung des Taliban-Regimes ab, wie jetzt eine Befragung des Instituts Metropoll ergab. Erdogans Ansehen bei den Türken bröckelt. Nur noch 38 Prozent der Türken sind laut Metropoll mit Erdogans Leistung im Amt zufrieden – der niedrigste Wert seit sechs Jahren.