Weltweit versuchen Forscher herauszufinden, wie eine Infektion mit dem Coronavirus zu Vergesslichkeit und geringerer Aufmerksamkeitsspanne führt. Was bislang bekannt ist.
Stuttgart - Das Coronavirus Sars-CoV-2 braucht eine zu ihm passende Andockstelle auf einer Zelle, um sie infizieren zu können. Und die gibt es auf vielen Zellen: Auf Fettzellen, auf Lungen- und Herzmuskelzellen, auf bestimmten Zellen im Gehirn, auf Riechsinneszellen – die Liste ist lang. Da das Immunsystem virusinfizierte Zellen beseitigt, treten kleine, manchmal auch größere Schäden an einigen Organen und Blutgefäßen auf. Es gibt einige Hinweise darauf, dass auch das Hirn betroffen ist.
Was ist zu Beschwerden bekannt, die das Gehirn betreffen?
Frühere Studien zeigten, dass Menschen nach überstandenen Covid-19-Infektionen sich etwa eine Zeit lang schlecht konzentrieren können, vergesslich und extrem müde sind – sie haben ein „vernebeltes Gehirn“ („brain fog“). Man spricht hierbei von Long- bzw. Post-Covid-Symptomen. Bisher war aber nicht klar, ob auch Menschen mit milden Symptomen und ohne sonstige Beschwerden nach der akuten Infektion derartige Probleme entwickeln. Neurowissenschaftler und Psychologen der britischen Oxford-Universität haben nun hierzu neue Studienergebnisse vorgelegt.
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Was hat die Oxford-Studie ergeben?
Die Forscher stellten fest, dass auch Menschen, die einen milden Covid-19-Verlauf hatten und danach nicht über lang anhaltende Beschwerden klagten, trotzdem für sechs bis neun Monate weniger aufmerksam und vergesslicher sind. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Menschen monatelang kognitive Folgen haben“, sagt die Psychologin Sijia Zhao. Die 136 Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer – 53 Personen mit Sars-CoV-2-Infektion und 83 ohne – machten bei einem Denkspiel mit. Das testete eine Reihe für den Alltag wichtiger kognitiver Fähigkeiten. Nur in zwei Punkten kam es zu Unterschieden zwischen beiden Gruppen: der Aufmerksamkeitsspanne und der Gedächtnisleistung, also dem Grad der Vergesslichkeit. Aber beides tritt nur vorübergehend auf. „Es ist ermutigend zu sehen, dass Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit bei den Personen, die wir sechs bis neun Monate nach der Infektion getestet haben, weitestgehend wieder normal sind“, sagt der ebenfalls an der Studie beteiligte Neurologe und Neurowissenschaftler Masud Husain.
Welche Mechanismen könnten eine Rolle für ein „vernebeltes Gehirn“ spielen?
Aktuelle Forschungsarbeiten stützen mehrere Thesen, die aber allesamt von verstorbenen Covid-19-Patienten mit sehr schwerem Verlauf stammen:
Zum einen gelangen mit der Atemluft nicht nur Duftmoleküle zur Riechschleimhaut, sondern auch Coronaviren. Das Virus könnte von dort über den Riechnerv ins Gehirn gelangen. Das Virus wurde sowohl in diversen Gewebeproben aus der Riechschleimhaut als auch in vier verschiedenen Hirnregionen gefunden.
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Zum anderen kann Sars-CoV-2 die kleinsten Blutgefäße, die Kapillargefäße, schädigen. Sie bilden im Gehirn die Blut-Hirn-Schranke, die dem Gehirn als Schutzbarriere gegen den restlichen Körper dient. Eigentlich sollte sie nur Stoffe durchlassen, die das Gehirn benötigt. Das Virus kann nun aber jene Zellen (Endothelzellen) infizieren, die als Kapillarwand die Barriere zwischen Blut und Gewebe darstellen. Da die virusinfizierten Zellen absterben, wird die Gefäßwand etwas durchlässiger. Damit schwächelt dieser Teil der Blut-Hirn-Schranke. „Das Sars-CoV-2 kann dann leichter ins Gehirn gelangen“, so der Pharmakologe Markus Schwaninger vom Centre of Brain, Behavior and Metabolism in Lübeck. Das haben Versuche mit Zellkulturen bereits belegt. Zudem können sonstige Stoffe aus der Blutbahn sowie Entzündungsfaktoren auf diesem Weg in unsere Schaltzentrale gelangen. Im Gehirn ansässige Immunzellen greifen unerwünschte Eindringlinge an. So verursachte Entzündungen können dann auch die Nervenzellen schädigen.
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Muss jeder Infizierte befürchten, dass derartige Prozesse in seinem Gehirn ablaufen?
Die Autopsieergebnisse stammen von verstorbenen Patientinnen und Patienten mit schwerem Covid-Verlauf. Deshalb warnt der Neuropathologe Markus Glatzel vom UKE in Hamburg vor voreiligen Schlussfolgerungen: „Die Ergebnisse der 150 von uns in Hamburg untersuchten Gehirne verstorbener Covid-19-Patienten beziehen sich auf schwere Erkrankungen“, so Glatzel. „Es ist aber durchaus denkbar, dass dieselben Krankheitsprozesse in abgeschwächter Form auch bei milden Verläufen von Covid-19 vorliegen, wenn neurologische und kognitive Beschwerden auftreten.“ Das passt zu den Ergebnissen der Studie von der Universität Oxford.