Laut der kassenärztlichen Vereinigung ist der Landkreis Calw mit Dermatologen gut versorgt. Doch bei genauerem Hinschauen sieht die Realität anders aus. Wer noch keine Praxis hat, hofft vergeblich auf einen Termin.
„Ab dem Alter von 35 Jahren haben gesetzlich Krankenversicherte Anspruch auf eine Früherkennungsuntersuchung auf Hautkrebs“, heißt es auf der Internetseite der kassenärztlichen Bundesvereinigung. Diese Untersuchung ist alle zwei Jahre vorgesehen – je nach Krankenkasse wird sie sogar öfter und bereits in jüngeren Jahren bezahlt. Das ist ein Grund, warum jeder einen Hautarzt haben sollte.
Wenn er denn einen findet. Denn obwohl die Zahlen etwas anderes nahelegen, ist die Versorgungslage im Kreis Calw dramatisch.
Die Zahlen Nach Kenntnis der kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KV) ist die Hautarztversorgung im Kreis Calw „verhältnismäßig gut. Der Versorgungsgrad liegt bei 119 Prozent, der Landkreis ist für weitere Niederlassungen für Hautärzte derzeit gesperrt“, erklärt KV-Pressereferentin Gabriele Kiunke.
Zwei Hautarzt-Praxen in Calw und zwei in Nagold
Die kassenärztliche Vereinigung arbeitet mit den Zahlen von Oktober 2024. Das sind die aktuellsten. Die Bedarfsplanung werde dreimal im Jahr aktualisiert – das nächste Mal im Februar, wenn der Landesausschuss wieder tagt.
Laut KV gibt es im Kreis vier Arztpraxen, in denen mindestens ein Hautarzt tätig ist. Zwei in Calw und zwei in Nagold. In Summe seien es sechs Dermatologen. „Darüber hinaus könnte es noch Praxen geben, die nur Leistungen für Privatversicherte und/oder Selbstzahler anbieten. Die sind bei uns nicht registriert“, erläutert Kiunke. Dort macht ein Kassenpatient in der Regel aber auch keine Termine aus.
Die Erfahrungen Wer als Neupatient schon einmal versucht hat, im Kreis Calw einen Hautarzt sind finden, ist ernüchtert. Bei einer Praxis lautet die Antwort auf eine Terminanfrage schlicht: „Wir nehmen im Moment keine neuen Patienten an.“ Bei einer anderen steht schon auf der Internetseite, wegen Fallzahlbeschränkungen sei „die Aufnahme neuer Patienten in die kassenärztliche Sprechstunde leider nicht möglich“. Immerhin bietet sie noch eine offene Sprechstunde an – wenn auch nur für Neupatienten mit akuten und schweren Hauterkrankungen sowie Hauttumoren, wie es heißt. Eine umfassende hautärztliche Beratung und mehr seien in der offenen Sprechstunde nicht möglich.
Ärzte ohne Patienten werden mitgezählt warum?
Die Entwicklung Erschwerend kommt hinzu, dass eine Dermatologin, die jahrzehntelang in Calw praktiziert hatte, kurz vor Weihnachten in Ruhestand gegangen ist. Ihre Praxis ist nun geschlossen. Da waren es nur noch drei Praxen und fünf Ärzte. Oder?
Unsere Recherche ergibt, dass eine der Medizinerinnen, die die KV in ihrer Hautarztübersicht für den Kreis Calw aufführt, als Laborärztin arbeitet und gar keine Patienten behandelt. Offenbar hat sie dennoch einen Kassensitz. Warum ist dies erforderlich? Und welche Aussagekraft hat der Versorgungsgrad, wenn sogar Ärzte mitgezählt werden, die gar keine Patienten zu Gesicht bekommen?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich nun auch die überraschte kassenärztliche Vereinigung. „Wir gehen dieser Sache nach und prüfen das“, teilt die Pressereferentin mit. Denn: „Die gesetzlichen Regelungen sehen auf jeden Fall vor, dass Vertragsärzte eine Mindestsprechstundenpflicht erfüllen müssen. Als KV sind wir gesetzlich dazu verpflichtet, zu prüfen, dass Vertragsärzte wie auch Psychotherapeuten ihren Versorgungsauftrag erfüllen.“
Übrigens: Da waren es nur noch zwei Praxen und vier Hautärzte für etwa 160 000 Menschen, die im Landkreis Calw zu Hause sind – und keine nimmt neue Patienten auf.
Der Ausblick Wie es nun weitergeht mit dem zum 31. Dezember frei gewordenen Kassensitz der Calwer Ärztin, ist eine andere wichtige Frage mit Blick auf die Versorgungslage.
Empfehlung: Patienten sollen weitere Anfahrtswege in Kauf nehmen
„Nach Beendigung der Zulassung haben Ärztinnen und Ärzte die Möglichkeit, im Rahmen eines Nachbesetzungsverfahrens innerhalb von sechs Monaten ihren Sitz nachzubesetzen“, erklärt Gabriele Kiunke. Die gesetzlichen Regelungen sähen vor, dass der Arztsitz öffentlich ausgeschrieben werden müsse. „Im Landkreis Calw ist derzeit noch kein hautärztlicher Sitz ausgeschrieben.“
Die Empfehlung Die KV rät Patienten, die auf der Suche nach einem Hautarzt sind, „ihren Radius zu erhöhen, was leider mit weiteren Anfahrtswegen verbunden ist“. Mancher berichtet davon, bereits im Stuttgarter Raum zu suchen.
Eine weitere Möglichkeit sei, es über die Terminservicestelle der KV unter Telefon 116 117 zu probieren. Dort würden auch Facharzttermine vermittelt. Darüber hinaus weist Gabriele Kiunke darauf hin, dass Fachärzte verpflichtet seien, fünf Stunden in der Woche als offene Sprechstunde anzubieten. „Auch das könnte in bestimmten Fällen eine Option für Patienten sein.“
Allerdings bietet auch dies nur eine der beiden verbliebenen Hautarztpraxen im Kreis Calw an. Die andere schreibt auf ihrer Internetseite: „Wir haben keine Akut- oder offene Sprechstunde.“