Es gibt mehr Rechtsextremisten – und mehr Islamisten. Und beide Gruppen werden immer jünger. Das ist kein Zufall, meint Hauptstadtkorrespondentin Rebekka Wiese.
Extremismus von links, rechts oder Islamisten – was ist denn nun das Schlimmste? Auf diese Frage lässt sich die Debatte herunterbrechen, die in der Regel der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts folgt. Am Dienstag haben Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und der Vizepräsident des Inlandsgeheimdienstes, Sinan Selen, den Überblick für das Jahr 2024 vorgestellt. Er zeigt, was sich schon in vergangenen Jahren abgezeichnet hat: Extremismus nimmt zu – in allen Bereichen.
Es mag naheliegend sein, in dieser Lage danach zu fragen, welche Bedrohung denn nun die gefährlichste sei. Nur nützt das nicht viel. Oft werden die verschiedenen Phänomene gegeneinander ausgespielt, auf einer Skala von „etwas schlimm“ bis „sehr schlimm“ eingeordnet, ohne dass das besonders erkenntnisreich wäre. Die Debatte muss deshalb anders geführt werden. Dann lassen sich auch bessere Lösungen finden.
Rechtsextremismus und Islamismus
Man kann sich zum Beispiel fragen, welche Muster es gibt, wenn es um Extremismus geht. Eines fällt dabei schnell auf: dass sich vor allem junge Männer gerade besonders dem Rechtsextremismus und dem Islamismus zuwenden.
Sowohl Rechtsextreme als auch Islamisten werben vor allem auf Social-Media-Plattformen wie Tiktok um neue Anhänger. Die Videos, die sie dort machen, sehen oft modern aus und erreichen dort vor allem Jugendliche. Es sind virtuelle Räume, in denen Ideologen völlig freien Zugriff auf junge Menschen haben. Das zu ändern, wäre nur einer von vielen wichtigen Schritten – aber ein entscheidender.
Klare Weltbilder
Was diese Ideologen anbieten, ist sich inhaltlich an manchen Stellen überraschend nahe. Sowohl Rechtsextremisten als auch Islamisten bieten ein Weltbild an, das klare Hierarchien und Ordnungen kennt. Männer und Frauen haben eindeutig definierte Rollen, die sie nicht verlassen dürfen. Und auch der Antisemitismus hat in beiden Ideologien seinen festen Platz.
Das zu erkennen, soll nicht bedeuten, dass es sich um ein und dasselbe Phänomen handeln würde. Rechtsextremismus und Islamismus bleiben unterschiedliche Ideologien mit verschiedenen Dynamiken. Aber die Gemeinsamkeiten zu erkennen, hilft zu verstehen, wieso ihre Anziehung gerade auf junge Menschen so groß ist. In Studien der vergangenen Jahre konnte man immer wieder sehen, dass junge Männer häufiger zu autoritären Tendenzen neigen als noch vor einigen Jahren. Oder auch zu frauenfeindlichen Überzeugungen. Es ist kein Zufall, dass Rechtsextremisten und Islamisten hier gut anknüpfen können.
Zwei Feindbilder, die sich befeuern
Und beide Ideologien befruchten sich gegenseitig, sie sind als Feindbilder aufeinander angewiesen. Der Islamismus in Deutschland breitet sich vor allem unter Muslimen aus, die das Gefühl haben, bis heute nicht in diesem Land erwünscht zu sein – ein Gefühl, das von Rechtsextremisten befeuert wird. Letztere wiederum propagieren selbst eine krasse Islamfeindlichkeit, die sich durch jede islamistische Gewalttat bestätigt fühlt.
Das alles zeigt: Der tiefere Blick lohnt sich. Das Problem, um das es geht, ist grundlegender als die Fragen, um die es in der politischen Debatte in den Tagen nach dem Bericht zu oft geht. Nötig ist die Diskussion über das grundsätzliche Krisengefühl unter jungen Menschen, das besonders Männer dieser Generation offenbar in die Arme von Ideologen treibt. Woher kommt das? Wie lässt es sich lindern? Und was braucht es dazu? Das sind Fragen, die weiterführen als die Diskussion um die Schlimmste aller schlimmen Bedrohungen – und die zu selten gestellt werden. Dabei wäre das der erste Schritt, um Lösungen zu finden.