Beim FV 08 Rottweil brodelt es. Nach einem Brandbrief des Vorstands an die Mitglieder hieß es bei der Hauptversammlung, die Finanzsituation sei „nicht so drastisch wie dargestellt“. Emotionale Diskussionen zeugten von verhärteten Fronten und tiefen Gräben. Und dann wurde es mit der Abstimmung über Fusionsgespräche erneut ernst.
Die Nervosität war deutlich zu spüren bei der Hauptversammlung des FV 08 Rottweil. Der Vorstand des stark unter Druck stehenden Vereins hatte im Vorfeld an seine Mitglieder appelliert, einem Antrag auf erneute Abstimmung über die Aufnahme von Fusionsgespräche mit dem FC Suebia Charlottenhöhe zuzustimmen.
Bei einer Mitgliederversammlung Ende März hatten 68,5 Prozent der Anwesenden für entsprechende Verhandlungen gestimmt. Nötig wäre ein entsprechendes Votum von mindestens 75 Prozent gewesen: Zahlreiche Mitglieder blockierten die Pläne des Vereinsvorstands.
Verschmelzung oder neuer Vorstand
„Ich ziehe meinen Antrag auf weitere Gespräche mit dem FC Suebia zur Einleitung einer Verschmelzung wegen aktuellen Entwicklungen zurück“, verlas Vorstandsmitglied Anja Faras zu Beginn der Veranstaltung die Nachricht ihres Vorstandskollegen Peter Weiss.
„Jeder muss jetzt hier mal Farbe bekennen, sonst brauchen wir gar nicht in die Tagesordnung einsteigen“, äußerte sich daraufhin ein Jugendtrainer und stellte Antrag auf Befassung und Abstimmung über die Zukunft des Vereins. „Wir brauchen heute eine Entscheidung: Verschmelzung oder neuer Vorstand – aber dann ohne uns“, unterstrich Anja Faras, die die Zukunft ihres Mandats ausdrücklich an eine Fusion des Vereins koppelte.
Trotzdem ging man vorerst zur Tagesordnung über und stellte die Beschlussfähigkeit dank 120 anwesender Mitglieder fest. Berichte zu Jugendarbeit und Vereinsfinanzen folgten.
Hoffnung auf schwarze Zahlen
„Unsere finanzielle Situation ist nicht so drastisch, wie es dargestellt wurde“, meinte Schatzmeister Michael Kiener. Darlehen und Schulden von mehreren Tausend Euro seien im vergangenen Jahr getilgt worden. Man sehe sich dank Spenden von 38 000 Euro und Zuschüssen von 15 000 Euro heute bei laufenden Kosten von rund 16 000 Euro mit einem Minus von 25 511 Euro konfrontiert.
In einer E-Mail, die den FV-08-Mitgliedern im Vorfeld der Hauptversammlung zugegangen war, war da freilich anderes zu lesen. Es gehe um das Überleben des Vereins sowie möglicherweise den Verkaufs des Vereinsheims, hieß es da. Auch die Formulierungen „Bargeldbestand gefährdet“ und „Finanzsituation dramatisch“ fielen darin.
Kiener zeigte sich bei der Hauptversammlung zuversichtlich: „Wenn uns alle Mitglieder und Sponsoren treu bleiben, können wir in diesem Jahr schon schwarze Zahlen schreiben“.
Zu viele offene Posten und Abgänge
Anja Faras äußerte sich daraufhin zur Situation: „Was sich in den letzten Wochen ereignet hat, war sehr emotional. Wenn man so unter der Gürtellinie angegriffen und beschuldigt wird, das macht etwas mit einem“, gestand sie.
Zu viele offene Posten im Verein, zu viele Abgänge von Trainern und Engagierten hätten die Vereinsarbeit massiv erschwert. Das Tagesgeschäft eines Vorstandes sei ein sehr schwerer, ehrenamtlicher Job, für den viele im Verein zu wenig Anerkennung finden würden.
Aus diesem Grund sei es auch so gut wie unmöglich, neue Kandidaten für den Vereinsvorstand zu finden. „Wir sind alle am Limit, es ist einfach zu viel, und keiner hört unseren Hilferuf“, unterstrich Faras.
Eine neue Chance
Die zehn fehlenden Stimmen bei der Abstimmung zur Fusion im März hätten den Vorstand dann endgültig demotiviert und viele zum Rücktritt bewogen. Man habe nicht verstanden, warum viele Vereinsmitglieder dem Vorstand nicht einmal die Möglichkeit zur Kommunikation mit dem „FC Suebia“ geben wollten.
„Heute ist eine neue Chance – die letzte! Ich kann nur an euch appellieren, diese Gelegenheit zu nutzen“, mahnte Faras. Sollten die Verschmelzungsgespräche mit dem möglichen Partnerverein nicht morgen beginnen können und bis Anfang Mai Verträge vorgelegt werden, wäre der Zug für diese Gelegenheit – und den alten Vorstand – endgültig abgefahren.
„Hoffnungslos zerstritten“
Emotionale Diskussionen folgten, die tiefe, teilweise auch persönliche Gräben zwischen den Mitgliedern offenlegten. „Das Bild unseres Vereins nach außen ist katastrophal, unser Jugendleiter wurde aus dem Verein gemobbt, wir sind hoffnungslos zerstritten“, äußerte sich Vereinsmitglied Günter Ochs, seit 60 Jahren aktiv, und fügte hinzu: „Wer ist bereit einen Vorstandsposten zu übernehmen? Es ist niemand in Sicht“, worauf dem engagierten Mitglied ein „dann mach du es doch“ aus der Menge entgegenschallte.
Verhärtete Fronten
Zu verhärtet schienen die Fronten, zu zerstritten die einzelnen Personengruppen innerhalb des Vereins, zu aggressiv und vergiftet der Ton und die Stimmung. „Wir haben doch Kraft, wir sind nicht pleite, warum kriegen wir den Verein dann nicht hin?“, meldete sich ein weiteres Mitglied und stellte damit die Kernfrage des Abends.
„Vielleicht geht es hier gar nicht mehr um Fußball. Der Umgang miteinander – unfassbar traurig“, unterstrich Günter Ochs und gab der Hoffnung Ausdruck, dass der „FC Suebia“ sich die Vereinssituation des FV 08 vor einer möglichen Fusion genau ansehen werde.
Klares Votum zur Aufnahme von Fusionsverhandlungen
„Fazit: Das Vertrauen ist weg“ fasste Anja Faras die festgefahrene Situation zusammen und schritt zur öffentlichen Abstimmung. Überraschendes Ergebnis: Klares Votum für die Aufnahme von Fusionsverhandlungen bei fünf Gegenstimmen und sechs Enthaltungen.
Anja Faras erklärte sich daraufhin bereit, bis zur Beendigung der Gespräche mit dem „FC Suebia“ auf jeden Fall weiterhin im Vorstand zu bleiben. Wie es mit dem FV 08 Rottweil weitergeht, bleibt unklar.
Den starken Willen „hart am Ball, aber fair miteinander“ den Weg weiterzugehen, unterstrichen zahlreiche Mitglieder zum Abschluss der Versammlung: „Sollte es nicht zu einer Fusion kommen, stelle ich mich als Vorstandsmitglied zur Verfügung“, verkündete Günter Ochs schließlich.
Ob die Fusion mit dem „FC Suebia Charlottenhöhe“ am Ende tatsächlich eine Option für den Verein ist, wird sich in spätestens zwei Wochen zeigen.